Legende in poetischen Bildern

Das Unheil nimmt seinen Lauf. Hiasl (Johannes Aichinger, Mitte) kann seinen schießwütigen Bruder Loisl (Christian Hofmann) am Ende nicht aufhalten. Bald macht die Gendarmerie (Claudia Lohmann, rechts) Jagd auf die beiden Kneißls. Bild: T. Schwarzmeier

Mit der Lebensgeschichte des Mathias Kneißl eröffnete das Landestheater Oberpfalz die Winterspielzeit. Im Mittelpunkt der Räubergeschichte steht die Frage: Wie wird man zu dem, der man ist?

Frei sein und dazugehören, viel mehr wollte er nicht vom Leben, der Mathias Kneißl. Gelungen ist ihm das eine nicht und das andere auch nicht. Sein Leben endete mit 26 Jahren auf der Guillotine. Christian Schönfelder hat in kompakten, mitreißenden und poetischen Szenen dieses Schicksal wieder zum Leben erweckt. Er zeigt ohne Beschönigung Härte und Tragik, aber auch die Lebensbejahung, die dem immer wieder scheiternden jungen Mann die Hoffnung ließ. Das Stück erlebte am Freitag auf der kleinen Kammerbühne in der Regionalbibliothek Weiden gleichsam eine zweite Premiere nach einer glänzenden Uraufführung beim oberösterreichischen Kinder- und Jugendtheaterfestival Schäxpir.

Dem Autor ist das Kunststück gelungen, nah an den historischen Ereignissen zu bleiben und zugleich nach den Gründen für das Abgleiten eines jungen Menschen in die Kriminalität zu fragen. Damit ist Aktualität hergestellt und die unmittelbare Verbindung zu den Ereignissen um die Wende zum 20. Jahrhundert. Damals wie heute ist die Diagnose eindeutig: Armut, soziale Stigmatisierung, gesellschaftliche Vorurteile und das Fehlen einer zweiten Chance haben den Kneißl, haben seine ganze Familie scheitern lassen.

Gaunereien und Diebstahl

Man lebt mehr schlecht als recht in der Schachermühle abseits vom Dorf. Die Eltern schlagen sich, um ihre Kinder ernähren zu können, mit Gaunereien und Diebstählen durch: "Wer nichts zu fressen hat, der klaut", lautet die Konsequenz. Als sie bei einer Schießerei zwei Polizisten schwer verletzen, landen Mathias und sein Bruder im Gefängnis. Während der Haft wächst dem Mathias die Erkenntnis, dass er sein Leben ändern muss. Er erlernt den Beruf des Schreiners und findet nach der Haft sogar eine Anstellung. Doch Vorurteile und Denunziationen machen alles zunichte.

Die Zuschauer sind ganz nah dran an der Geschichte, sind auf der kleinen Kammerbühne der Regionalbibliothek mitten im Geschehen. Sie erleben vor allem den wesentlichen Teil des Stückes: Kneißl ist wie angeschmiedet an das Schicksal von Vater, Mutter, Bruder und Schwestern. Hier finden gute Vorsätze Nahrung, hier formuliert sich Hoffnung auf bessere Zeiten. Die Verbindung zur Schwester Cäcilia, die Liebe zu Mathilde, mit der er nach Amerika will ("Da wird es uns bessergehen"), verschaffen ihm immer wieder Auftrieb. Die Frauen teilen mit ihm den Freiheitsdrang, die Sehnsucht, in einer besseren Welt gut zu sein.

Regisseur Till Rickelt ist es ohne Frage gelungen, das historische Geschehen zu verbinden mit der Familien-Poesie. In solchen bösen Zeiten muss man zusammenhalten. Die anderen: der Stationsgendarm, der den Mathias bei seinem Meister als Zuchthäusler denunziert, der Lehrer, die Stammtischbrüder, die Mitschülerinnen. Die Dorfgemeinschaft schützt sich vor den Außenseitern, den Verbrechern. Eine Wiedereingliederung scheint aussichtslos.

Vier Darsteller teilen sich die insgesamt 20 Rollen, schlüpfen mal in dieses und mal in jenes Kostüm. Johannes Aichinger macht den Kneißl zu einer lebendigen Figur jenseits von Mythos und Legende. Doris Hofmann spielt die Schwestern Cäcilia, Kathi, die Mathilda, eine Schülerin, ein Klatschweib und einen Stammtischler. Die Inszenierung fordert von den Akteuren erhebliche Wandlungsfähigkeit. Neben der des Vaters übernimmt Christian Hofmann auch die Rolle von Bruder Loisl, den Part des Lehrers, des Schreinermeisters, eines Gastes, des Flecklbauern, der den Kneißl verrät, spielt ein altes Weib, den Gendarm und den Henker. Claudia Lohmann mimt nicht nur Kneißls Mutter, sondern auch eine Mitschülerin, eine Bäuerin, einen Stammtischler und einen Gendarmen.

Ein Meisterstück ist die Bühne, für die Regisseur Rickelt verantwortlich zeichnet. Sie setzt sich zusammen aus einfachen Stufenelementen, die mit wenigen Handgriffen zu Kulissen, Sitzgelegenheiten, Hohlräumen zusammengeschoben werden können. Die einfachen Elemente passen zu einem Regie-Konzept, das sich mit einfachen Dialogen an die Fakten hält und den Charakteren einen festen Platz gibt. Die häufigen Rollenwechsel schaden der Geschlossenheit der Darstellung nicht.

Die Legende stirbt

Und am Ende stehen die Fragen da: Was ist Gerechtigkeit? Wie wird man zu dem, der man ist? Was ist das für eine Obrigkeit, die eine solche soziale Kälte verbreitet? Wer sind die wirklich Schuldigen? Jedenfalls: Eine Legende stirbt an diesem Abend.

Weitere Aufführungen sind geplant am 6., 7., 8., 9., 13., 14. und 15. November. Tickets unter Telefon 09659/93100 und auf www.landestheater-oberpfalz.de.
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