Lesung mit Feridun Zaimoglu
Die Einsamkeit eines Sechsjährigen

Feridun Zaimoglu trägt gestenreich vor und folgt dabei einer Rhythmik, die an ein klassisches Versmaß denken lässt. Bild: otj

Als 1995 Feridun Zaimoglus Buch "Kanak Sprak" veröffentlicht wurde, galt er - lange Haare, schwarzer Anzug - als das Enfant terrible der Literaturszene. Heute begegnet man einem ruhigen, fast schüchternen Starautor, der aktuell mit "Das Siebentürmeviertel" auf Lesereise ist.

Am Dienstagabend in der Weidener Buchhandlung Rupprecht gewährt Zaimoglu seinen Zuhörern nicht nur Kostproben aus seinem aktuellen 800 Seiten starken Wälzer, sondern führt hinein in das Istanbul der 30er Jahre, in das Istanbul seines Vaters, der im Siebentürmeviertel gelebt habe - einem multikulturellen, religiösen und auch armen Viertel. In diese fremde, aber faszinierende Welt setzt Zaimoglu nun seinen Romanhelden. Der sechsjährige Wolf musste 1939 aus Deutschland fliehen, mit seinem Vater, der sonst wegen Hitler-Witzen von der Gestapo festgenommen worden wäre.

Erwachsen angelegt


Der Schriftsteller macht es dem Jungen nicht leicht. Von seinem Vater in eine fremde Pflegefamilie gegeben, muss er klarkommen, sich durchsetzen - im Viertel, unter den Jungs, in der Schule. Deswegen hat Zaimoglu den Ich-Erzähler auch sehr erwachsen angelegt.

Die kunstvolle Sprache und ihr Bedeutungsinhalt entsprechen nicht im Geringsten einem Kind, wie allerdings auch seine Lebensumstände nicht einem Kind entsprechen. "Es ist der Versuch, die Einsamkeit eines Sechsjährigen in einem fremden Milieu zu beschreiben."

Mit dem Prolog und einigen Seiten, die Zaimoglu gestenreich in seiner prononcierten Rhythmik vorträgt - fast einem klassischen Versmaß folgend -, lässt er es denn bewenden. Die Welt der 800 Seiten muss sich der Leser selbst erschließen.

Dafür lässt er die Besucher noch ein wenig an seinem Leben teilhaben, an seiner unkonventionellen, manchmal etwas kauzigen Art, Kunst entstehen zu lassen. Vierundeinhalb Jahre hat er für "Siebentürmeviertel" aufgebracht. Fast zwei für die Recherche, den Rest fürs Schreiben.

Zwei Tage mit dem Bus


Seine Reisen nach Istanbul fielen immer strapaziös aus. Einer Flugangst geschuldet dauerte so ein Trip mit dem Bus zwei Tage. Anders wären seine Studien nicht möglich gewesen. Zaimoglu besitzt keinen Computer, Google ist keine Option. Er hat Archive durchforstet, mit vielen Menschen gesprochen und die Atmosphäre der Stadt geatmet: "Ich brauche es, durch diese Gassen zu gehen, fast rauschhaft."

Zaimoglu ist ein altmodischer Schriftsteller. Getippt werden seine Romane auf einer elektrischen Schreibmaschine. "Da wird nix gelöscht. Was geschrieben ist, ist gesetzt." E-Mail gibt es natürlich auch keine. Sein Lektor bekommt das Manuskript per Einschreiben zugeschickt. "Dann höre ich ein Vierteljahr nichts von ihm. Dann treffen wir uns in Köln und machen das zusammen fertig."

Zaimoglu versteht sich als Deutscher. Merkte man nicht, wie vielschichtig und komplex denkend der Autor ist, man könnte meinen, er sei überintegriert. Tatsächlich hat er zu Hause in Kiel sogar Gartenzwerge in seiner Wohnung stehen: "Die machen mir gute Laune."

Dass er sich dem Deutschen so zugewandt fühlt, begründet er mit seiner Liebe zur Sprache. Er liest sehr vielfältig, Harry Potter oder Thriller, aber vor allem Gedichte. Seine Bücher hingegen sind keine leichte Kost, oft mit nicht sofort zugänglichen Formulierungen. Manchmal auch für ihn: "Ich liebe es, wenn die Sprache mich übersteigt."
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