Lesung und Konzert zu den Reger-Tagen
Wo Reger auf Camus und Benn trifft

Texte zu Abschied, Sterben und Leben stehen im MIttelpunkt einer Lesung mit der Schauspielerin April Hailer. An der Orgel wird sie dabei von Kirchenmusikdirektor Hanns-Friedrich Kaiser begleitet. Bild: stg
Kultur
Weiden in der Oberpfalz
07.11.2016
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Die Schauspielerin und Sängerin April Hailer rezitiert Texte, der Weidener Kirchenmusikdirektor Hanns-Friedrich Kaiser intoniert Orgelwerke von Max Reger. Daraus entwickelt sich eine ganz besondere Sternstunde im Veranstaltungsreigen anlässlich des 100. Todestags des Komponisten.

Schon die Orgelmusik allein entfaltet ihre Wirkung. Eine intensive Stimmung, eine Atmosphäre, die die Zuhörer mitnimmt in den Monat November, in eine Zeit, die wie keine andere mit den Themen Abschied, Sterben und Leben verbunden ist. "Und Sterne legen sich auf meine Augenlieder" ist der Sonntagabend in St. Michael in Weiden überschrieben. Zu Beginn ist das Gotteshaus ins Dunkel getaucht, nur einige Kerzen sorgen für Licht in der evangelischen Kirche. April Hailer steht im Altarraum, in diffusem Licht rezitiert sie eine Passage aus einer Predigt Martin Luthers: "Wir sind alle zum Tode gefordert ..."

Ungewöhnliches Konzept


Mit dem anschließenden Orgelspiel von Hanns-Friedrich Kaiser setzt auch das Licht ein, die Toccata d-Moll op. 129 Nr.1 vertreibt zumindest optisch die Finsternis. Es ist ein ungewöhnliches Konzept, das den Zuhörern knapp 75 Minuten lang geboten wird. Dass leider viel zu wenige Besucher den Weg in die Kirche gefunden haben, ist betrüblich und auch nicht erklärbar. Angst vor etwas Neuem? Furcht vor dem tristen Thema? Geschenkt. Wer in der Kirche ist, erlebt eine überaus faszinierende April Hailer. Eine Sprecherin, die eben nicht nur liest oder aufsagt, sondern die das ganze Gefühl, die tiefen Emotionen, den gesamten Schmerz, der in den Texten verankert ist, sprachlich und mimisch an die Zuhörer weitergibt.

Sie lebt die Texte und verleiht ihnen Authentizität, ganz gleich, ob bei Andreas Gryphius' "Tränen in schwerer Krankheit", in Gottfried Benns Gedicht "Letzter Frühling" oder in Johannes von Tepls berühmten Streitgespräch zwischen dem Ackermann aus Böhmen und dem Tod. Stets findet Hailer den richtigen Ton und damit kann sich die Wirkung des jeweiligen Textes ideal entfalten.

Ein Abend wie dieser muss aber auch einer Dramaturgie folgen, die nichts von der Atmosphäre verpuffen lässt. Hailer und Organist Kaiser agieren wie ein eingespieltes Team, die Musik gleitet in den Text über und umgekehrt. Ein knappes Dutzend von Reger-Werken intoniert Kaiser, perfekt eingebettet zwischen Texten, oder die Texte ideal eingebettet zwischen den Orgelwerken. Die Symbiose zwischen Musik und Sprache ist stimmig. Das Choralvorspiel "Komm, süßer Tod", die Fuge d-Moll op. 129 Nr. 2, das Nachtlied op.138 Nr.3 und Passacalia d-moll - das sind nur einige Kompositionen Regers, die Kaiser zu Gehör bringt. Alles Werke, die Dank Kaisers großer Spielkunst auch den unbedarften Reger-Hörer erreichen können.

Berührt und begeistert


Die Texte, die Hailer für den Abend gewählt hat, sind teils bekannt. Eine Gemeinsamkeit haben alle: Sie gehen unter die Haut. Der Ausschnitt aus Camus' "Die Pest", Franz Marcs "Brief aus dem Feld" und Juan Ramón Jiminez' "Die endgültige Reise". Ein Abend der besonderen Art, der die Zuhörer gleichermaßen berührt und begeistert.
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