Lockruf aus der Ferne

Gert Heidenreich fesselte die Zuhörer bei seiner Lesung in der Buchhandlung Rupprecht. Seine Stimme ist vielen Hörspiel-Fans bestens bekannt. Bild: Wilck

Wer saß da am Mittwochabend nicht alles auf dem Podium in der Buchhandlung Rupprecht: William von Baskerville, Bilbo Beutlin, Jay Gatsby, Momo und Jakob Simon - in Person von Gert Heidenreich.

Der begnadete Sprecher hat schon zahllosen literarischen Figuren eine Stimme verliehen. Vom Talent verwöhnt, ist der 71-Jährige zudem erfolgreicher Schriftsteller und Journalist. In Weiden liest er bei den 31. Literaturtagen aus seiner eigenen Erzählung "Die andere Heimat".

Das Auditorium ist bestens gefüllt, wer zu spät kommt, muss sich mit einem Seitenblick auf den Autoren zufrieden geben. Heidenreich ist aber ohnehin kein Mann für den großen Auftritt, und seine den Hörbuch-Fans vertraute Stimme war in jedem Winkel der Buchhandlung deutlich zu hören - tiefes Timbre zwischen Forte und Pianissimo, jedes Satzzeichen hörbar, jede Betonung exakt auf den Punkt.

Winter im Sommer

Die Handlung von "Die andere Heimat" spielt im unwirtlichen Hunsrück zur Zeit des Vormärz. Hier ist noch nicht viel von Revolution zu spüren gewesen, denn die Bewohner des fiktiven Ortes Schabbach haben mit einem "Sommer, der ein Winter war" zu kämpfen - mitten im August beginnt es zu schneien, Hungersnöte quälen die Menschen, auch die Familie Simon.

Jakob Simon, ein Bauernjunge sehnt sich gemeinsam mit seiner Liebe Jettchen nach der Schiffspassage ins Glück verheißende Brasilien. Er liest alles über das Land, was er in die Hände bekommt, lernt sogar Indianisch. Und doch, als sein Bruder Gustav aus dem Militärdienst zurückkommt, läuft alles anders als geplant.

Auch bei der Interpretation seines eigenen Textes offenbart sich die Qualität des Sprechers Heidenreich: Das Hoffen und Scheitern, eine tiefe depressive Resignation und Schicksalsergebenheit der Menschen im Hunsrück drückt er lakonisch, manchmal fast teilnahmslos, zum Teil im Hunsrücker Dialekt aus - jeder Tonlagen-Wechsel eine andere emotionale Stimmung.

Dass die Erzählung überhaupt erst entstand, ist eng verknüpft mit dem gleichnamigen Spielfilm von Edgar Reitz. "Er hatte ja schon die drei Teile 'Heimat' gedreht. Er kam damals auf mich zu und fragte mich, ob ich mit ihm ein Drehbuch schreiben will. Nach vier Tagen gemeinsamen Spazierens durch den Hunsrück, entschieden wir uns: Wir probieren das."

Neues Drehbuch

Anschließend habe er sich an seine Geschichte gesetzt und sie ihm nach einigen Wochen zu lesen gegeben. Für Edgar Reitz und sein Filmprojekt sei die literarische Herangehensweise nicht geeignet gewesen. Also sei ein neues gemeinsames Drehbuch entstanden, "dieser archaische Stoff musste ohne Rückblenden auskommen. Wir erzählten die Geschichte linear von Anfang bis Ende." Die Dreharbeiten seien enorm aufwendig gewesen. "Um es so authentisch wie möglich zu machen, haben wir ein ganzes Dorf umgebaut, Schweine und Kühe hindurch getrieben, bis es so aussah wie es aussehen sollte."

Die Kameratechnik in Cinemascope sei so hoch auflösend gewesen, dass man sogar an den Nähten gesehen hätte, wenn sie maschinell entstanden wären. Die Schauspieler hätten auch nicht in teuren Hotels, sondern bei Familien übernachtet. "Noch heute gibt es auf dem Friedhof des Dorfes einen Grabstein auf dem Familie Simon steht."

"Die andere Heimat" sei ein Kunstwerk geworden, sagt Gert Heidenreich. Nicht umsonst habe die Kritik den Film bejubelt. "Sowie einen Bayerischen und einen Deutschen Filmpreis gewonnen."
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