Michael Köhlmeier liest bei den Weidener Literaturtagen aus seinem Roman "Zwei Herren am Strand"
Der "schwarze Hund" als ständiger Begleiter

Michael Köhlmeier zählt zu den großen deutschsprachigen Autoren. Bei den Weidener Literaturtagen begeisterte er vor ausverkauftem Haus mit einer Lesungen aus seinem aktuellen Roman. Bild: Jörg Otto
Churchill und Chaplin hatten wohl mehr gemeinsam, als man denken mag: Beide wurden von einem "schwarzen Hund" durchs Leben begleitet. Michael Köhlmeier liest bei den Literaturtagen in der Sparkasse Oberpfalz Nord aus seinem neuen Roman "Zwei Herren am Strand".

Verbrieft ist, dass sich Churchill und Chaplin kannten, befreundet waren und zeitlebens unter Depressionen litten. Was sie außerdem einte: Beide bekämpften entschlossen Adolf Hitler. Der eine mit den Mitteln der Komik, der andere mit eisernem Willen. So weit zur Faktenlage. Wie viel Historie in Köhlmeiers Geschichte steckt, darüber lässt sich nur spekulieren - der Vorarlberger hält sich bedeckt. Ist aber eigentlich auch egal: "Ich habe einen Roman geschrieben, kein Geschichtsbuch".

Metapher für Depression

Köhlmeiers Lesung setzt an der Stelle ein, als Churchill und Chaplin von einem Fest verschwinden, um am titelspendenden Strand entlang zu spazieren. Der direkte Politiker fragt den verwunderten Tramp: "Sind sie krank?" Chaplin fragt: "Wie sehe ich aus?" Churchill: "Wie ein Mann, der an Selbstmord denkt". So unterschiedlich die beiden sind, Sie entdecken etwas an sich, dass den linksliberalen Tramp und den Kommunistenfresser etwas untrennbar verbindet: der schwarze Hund - als Metapher für die Depression. Aus der Begegnung am Strand lässt Köhlmeier eine Jahrzehnte lange Freundschaft erwachsen. Die beiden Männer nennen ihre Spaziergänge "Walk-Talks" - mit dem Hauptzweck, einander vom Suizid abzuhalten. Seine Helden haben viele Freiheiten bekommen. Es gibt kein Handlungsgerüst, um das sich die Geschichte der beiden Titanen des 20. Jahrhundert herum schlängeln könnten. Es scheint, als habe er das gegensätzliche Paar am Strand ausgesetzt und sich selbst überlassen. Aber nicht ohne ihnen auf die Pelle zu rücken. Gewissermaßen gab es neben den zwei Herren noch eine Person am Strand. Ein dritter Mann, in dem viel Michael Köhlmeier zu stecken scheint.

Roman ist wie ein Mensch

Ohne Frage: "Zwei Herren am Strand" ist ein großartiger Roman und Köhlmeier ein wunderbarer Vorleser. Wirklich begeisternd wird der Abend im Anschluss, als der Autor über sich und seine Bücher erzählt. Dabei spricht der Schriftsteller ausschließlich in notierenswerten Bonmots und Bildern. Darüber hinaus öffnet Köhlmeier seine Seele und lässt das Auditorium tief blicken. Eine Erfahrung, die einen den Roman in eine völlig neue Perspektive rücken lässt.

Wiederkehrende Depressionen und Panik sind dem Österreicher nicht fremd. Er kenne keinen Künstler, der nach einem langen Projekt nicht in ein Loch fallen würde. "Ein Roman ist wie ein Mensch, der einen fasziniert, der immer neue Seiten offenbart". Es sei oft ein schmerzhafter Abschied von einer Figur, die einem ans Herz gewachsen sei. Da helfe nur, ein Bild zu malen, Musik zu machen oder gleich einen neuen Roman zu beginnen.
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