Michael Mittermeier in Weiden
Gutmensch mit Lügenfresse

Ein anarchischer Schriftzug ziert die Bühne, doch seine wilden Zeiten hat Michael Mittermeier hinter sich. Der Comedian präsentierte sich den rund 900 Zuschauern in der Weidener Max-Reger-Halle mit einem gereiften Auftritt und angenehmen Humor. Bild: T. Schwarzmeier
Kultur
Weiden in der Oberpfalz
23.11.2016
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Alle lügen. Die Medien, die Politiker, das Fernsehen. Nur Michael Mittermeier ist ehrlich - im Grunde jedenfalls. Denn gleich zu Beginn seiner Show in Weiden gibt er zu: "Auch ich bin nur eine Lügenfresse."

Die Dialoge pimpt er gerne etwas auf, meint der Comedian, die Tatsachen aber stimmen - in der postfaktischen Gesellschaft nicht selbstverständlich. Aber warum sollte er auch viel erfinden müssen, die Realität ist skurril genug. Mit einer hohen Bonmots-Dichte kommentiert der Oberbayer gesellschaftliche Auswüchse wie Selfie-Darwinismus, Prime-Rib-Senioren oder Erdogans neues Spiel "Putschemon Go".

Richtig "wild" - so der Titel seines neuen Programms - ist der mittlerweile 50-Jährige zwar nicht mehr, wenn er die Aufreger des Alltags unter die satirische Lupe nimmt. Aber auch keineswegs brav. Eingefleischte Mittermeier-Fans haben auch nach 20 Jahren noch den rotzigen Komiker mit Basecap und blauem T-Shirt vor Augen, der die TV-Landschaft nieder-zappt und mit hyperaktiver Präsenz ganze Stadien dominiert. Heute erleben sie einen Mittermeier, der eher der amerikanischen Auffassung eines Stand-up-Comedian entspricht. Mit angenehm dahinplätschernden, jederzeit amüsanten Anekdoten. Dem glänzend unterhaltenen Publikum gefällt die Wandlung - statt unpersönlicher Frontal-Bespaßung wirkt der Auftritt wie ein lockerer Abend im Freundeskreis, auch wenn der mit 900 Fans in der proppenvollen Max-Reger-Halle recht groß gerät.

Bayerisches Röhren


Aber Mittermeier hat den jugendlichen Elan nicht gänzlich verloren. Popkulturelle Themen wie Star Wars wecken bei ihm das Kind im Manne. Das perfekt imitierte, klägliche Brüllen Chewbaccas ("so hört sich für die Norddeutschen Bayerisch an"), ein verstörender schwarzer Smart mit getönten Scheiben ("sieht aus wie der Helm von Darth Vader") oder ein Lichtschwertkampf mit Kommunionskerzen, den die dunkle Seite der Macht, der Pfarrer, schließlich beendet, zeigen: Das Imperium ist überall.

Schurken gibt es auch im realen Leben. Wie Donald Trump, "den ersten bösen Mann mit zwei Türmen seit Sauron". Dessen Fingergeste - ein mit Daumen und Zeigefinger geformtes L mit wackelndem Mittelfinger decodiert Mittermeier wissend als "Zwei Maß und eine Halbe". Auch die wegen nicht verschlossener Briefumschläge ungültige Präsidentenwahl in Österreich hinterfragt er kritisch: "Von wegen die Österreicher haben keinen guten Kleber: Ich habe zwei Vignetten, die ich seit zehn Jahren nicht runterbekomme."

Am witzigsten ist Mittermeier am Dienstagabend aber, wenn er reale Geschichten abstrus weiterspinnt. So lässt er den sächsischen Rechtsradikalen Wotan und Abdullah aus Kempten (zwei "Dschihadzis") gemeinsam mit dem ICE nach Syrien fahren, um Ungläubige zu bekämpfen. Oder den österreichischen Panda Fu Long mit Wiener Schmäh chinesische Panda-Damen bezirzen.

Oder er bringt den Bürgermeister von Krün beim Frühstücksplausch mit Obama beim G7-Gipfel in Lebensgefahr. Als nämlich dessen dolmetscher-verquirltes bayerisch-deutsch-amerikanisches Sprachgemisch das Auszuzzeln einer Weißwurst den schwarzen US-Präsidenten in ein sehr falsches Licht rückt, legen die Scharfschützen auf ihn an.

Empathische Exkurse


Ein auf Krawall gebürsteter Comedian mit Pointen in Grenzbereich des guten Geschmacks war Mittermeier noch nie. Bitterböse Spitzen - über psychische Abgründe von Modelleisenbahnbesitzern wie Horst Seehofer oder eine politisch korrekte Behinderten-Kampfeinheit der Bundeswehr - entschärft er mit Lausbubenlächeln. Einige Male unterbricht er den zweieinhalbstündigen Fluss an intelligenter Comedy und wird ernst. Er appelliert an Toleranz, Vielfalt und Nächstenliebe. Dann spricht nicht die witzige Lügenfresse, die verdreht, übertreibt oder beschönigt. Dann spricht die Stimme der Vernunft.

So hört sich für die Norddeutschen Bayerisch an.Michael Mittermeier imitiert das Brüllen Chewbaccas.
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