Nachtarbeit für Hillary Clinton

Vielleicht hat der ein oder andere ihren Namen schon zufällig im Buchdeckel entdeckt. Sonja Schuhmacher hat in ihrer beruflichen Laufbahn schon dutzende Bücher aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt. Hier eine kleine, zufällig Auswahl. Bild: Götz

Sonja Schuhmacher müsste den perfekten Telefonjoker für Günther Jauchs "Wer wird Millionär" abgeben. Wie oft wurde Saddam Hussein vom FBI verhört? Was bedeutet eigentlich der Firmenname "adidas"? Wie viele Kinder hatte Mick Jagger mit Jerry Hall?

Sonja Schuhmacher müsste all das wissen. Sie übersetzt seit 25 Jahren Bücher aller Art aus dem Englischen ins Deutsche. Quer durch den Gemüsegarten. Romane, Sachbücher, Biographien. Darunter ist beispielsweise "FBI - Die wahre Geschichte einer legendären Organisation" von Tim Weiner. Ein Firmenportrait über Adi Dassler, Gründer von adidas, und seinen Bruder Rudolf, Gründer von "Puma". Außerdem hat Sonja Schuhmacher Philipp Morgans Biographie über Jagger übersetzt.

Der "Rolling Stone" ist ihr dabei ein Stück weit sympathisch geworden. "Ich mochte ihn eigentlich nicht so, er war mir immer zu machohaft." Nach der Übersetzung revidierte die Weidenerin ihr Urteil: "Er ist halt doch ein anständiger Kerl." Wie Mick Jagger dem Band-Kollegen Keith Richards beim Drogenentzug beistand, das brachte ihm bei Sonja Schuhmacher einen Stein im Brett ein.

25 Jahre im Kollektiv

Übersetzen. Das ist nicht nur ein technischer Akt. Sonja Schuhmacher ist schon beeinflusst von dem, was sie übersetzt. "Und das müssen meine Mitmenschen dann auch alles miterleben." Vor 25 Jahren schloss sie sich nach dem Magister in Anglistik und Germanistik mit Kommilitonen zum "Kollektiv druckreif" zusammen. Einige kannten sich vom MSB Spartakus, dem marxistischen Studentenbund. "Ich war allerdings damals schon eine Grüne." Seither sind sie ein Team. 14 Übersetzer arbeiten zusammen, ohne Hierarchie, gleichberechtigt. Sonja Schuhmacher tut der Austausch mit den Kollegen gut. Auch, wenn sie gleich nach dem Studium aufs Land zog. Seitdem führt sie eine Art Fernbeziehung über Telefon und E-Mail: "Übersetzer wäre sonst ein sehr einsamer Beruf."

Weiterer Vorteil des Kollektivs: "Ich bin nicht festgelegt." Sie will sich auch nicht auf ein Lieblingsgenre festlegen: "Man kann in jedem Genre ein gutes Buch schreiben." Oder ein schlechtes. "Unheimlich grausam" fand Sonja Schuhmacher zuletzt die Jugendbuch-Serie "Ashes". Eine Art Blitz zerstört alle Elektrogeräte auf der Erde und lässt Jugendliche zu Menschenfressern mutieren. Da schüttelt es die Mutter dreier erwachsener Kinder (27, 26, 21 Jahre). Nicht so ihr Ding war auch der Thriller "Toxic: Der Biss, das Feuer, die Hölle" von Marc T. Sullivan. Nur: Der verkauft sich gut. In diesem Fall - leider ist das nicht die Regel - sind die Übersetzer auflagebeteiligt. Schön wäre das bei Diana Gabaldons Highland-Saga gewesen, inzwischen verfilmter Bestseller.

Die Übersetzer arbeiten immer im Team an einem Buch, das dazu halbiert, geviertelt, geachtelt und dann übersetzt wird. Zum Korrigieren werden die Abschnitte durchgetauscht. Die Zeitlimits werden immer enger, da Verlage heute oft gemeinsame, weltweite Erscheinungstermine anpeilen. "Früher erschien 1966 die englische Ausgabe und 1968 die deutsche." Das war einmal. Heute werden Manuskripte schon übersetzt, während sie noch überarbeitet werden. An Hillary Clintons "Entscheidungen" übersetzten zehn Kollektiv-Übersetzer in München, Weiden und Berlin 20 Tage parallel. Die Wochenenden durch. "Vollkommen irrsinnig."

Und dann auch noch Hillary! Sonja Schuhmacher hat die Biographie der Clinton-Gattin und die Lebensgeschichte von Angelina Jolie übersetzt. Welche der Damen ihr lieber ist? "Auf jeden Fall Angelina Jolie!" Mit drei Ausrufezeichen. Die Lektüre von Hillary Clintons Erinnerungen habe ihr "die Augen geöffnet": "Sie steckt hinter diesem Freihandelsabkommen, gegen das wir so sind. Sie ist einfach durch und durch neoliberal." Da bricht in Sonja Schuhmacher die Naturschützerin durch.

Faible für Naomi Klein

Umso lieber saß sie zuletzt über Naomi Kleins "This Changes Everything". Das Werk der kanadischen Globalisierungskritikerin erscheint im Frühjahr 2015 unter dem deutschen Titel "Die Entscheidung Kapitalismus vs. Klima". Für Sonja Schuhmacher ist Naomi Klein seelenverwandt. "Sie teilt meine Sorge, fast Depression, angesichts der Umweltzerstörung." Naomi Klein bringe ganze viele Fakten, argumentiere dabei aber emotional. Die Übersetzung des Manuskripts hat Sonja Schuhmacher bei aller Begeisterung gefordert: Die Kanadierin bilde gerne "unheimliche Satzgebilde". "Und ich habe den Anspruch, das gut lesbar zu machen."

Einen "sehr lesbaren Stil" attestiert sie Tariq Alis' "Fundamentalismus", eines von vielen politischen Fachbüchern, die schon bei ihr auf dem Wohnzimmertisch am Rehbühl landeten. Brandaktuell war zuletzt "Al-Qaidas deutsche Kämpfer", erschienen im Oktober 2014. Autor Guido Steinberg wird gerade durch Talkshows gereicht. "Das war schön zu übersetzen: Weil es ein Deutscher auf Englisch geschrieben hat, der keine Zeit hat, das selbst zu übersetzen."

Ein Buch aus eigener Feder

Ein einziges Mal hat Sonja Schuhmacher selbst einen Roman veröffentlicht. "Mission Alpha: Landung im Paradies." Zu bekommen über Amazon als E-Book. "Das war allerdings ein Ladenhüter", schmunzelt die Weidenerin. Wenn sie selbst zur Entspannung zum Buch greift, darf es gern ein Kitschroman sein. Oder etwas Heiteres wie "Mütter-Mafia": "Ich brauche ein Gegenprogramm zu Politik und Weltproblemen."

Welchen Autor würde sie gern einmal übersetzen? Auch da muss Sonja Schuhmacher nicht lange überlegen: "Joan K. Rowling." Die Harry-Potter-Erfinderin (und das Sams) machten ihre Kinder einst zu begeisterten Lesern. Übrigens: Trotz ihrer Bandbreite wäre die Übersetzerin aus Weiden am Ende doch keine so gute Telefonkandidatin. "Ich habe ein so schlechtes Gedächtnis. Mir liegt ganz oft was auf der Zunge."
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