Neue Max-Reger-Biografie
„Verletzlicher Akkordarbeiter“

Susanne Popp, Autorin des Reger-Werkverzeichnisses und langjährige Leiterin des Max-Reger-Instituts ist wie keine andere prädestiniert, einen der faszinierendsten Komponisten der vorletzten Jahrhundertwende zu porträtieren. Bild: hfz

Als eine der wertvollsten Gaben liegt diese neue Biografie mit 542 Seiten auf dem Tisch zu Regers 100. Todesjahr. Sie füllt eine Lücke, sie bildet den aktuellen Wissensstand ab, sie korrigiert Fehler, Klischees und Vorurteile im Reger-Bild.

Karlsruhe/Weiden. Viele der bisherigen Biografien betrachten Reger aus subjektiv gefärbtem Blickwinkel: Aus dem des Lehrers (Lindner 1922), des Schülers (Unger 1921, Bagier 1923) oder des Freundes (Stein 1939). Wirth resümiert 1973 den Stand des Wissens, Cadenbach beleuchtet 1991 dazu psychologische und soziale Aspekte. Susanne Popp konnte als Chefin des Max-Reger-Instituts auch auf die Forschungen ihres fabelhaften Teams zugreifen.

Tausende von Briefen


Ein kluger Zug ist es, oft Reger selbst das Wort zu erteilen. Seine Tausende von Briefen sind sprudelnde Quellen, Reger hat sie impulsiv, emotional, ohne Knigge-Filter aus der Feder geschüttelt, sie machen das Buch lebendig (auch amüsant), Regers Charakterzüge erscheinen geradezu handgreiflich in Wort, Schrift und Bild.

Die acht Kapitel folgen chronologisch den Stationen Regers: Weiden, Wiesbaden, Weiden, München, Leipzig, Meiningen, Jena. Die pointierten Überschriften bringen die Themen die Reger bewegten auf den Punkt. Eingestreut sind zeitübergreifende Exkurse zum Beispiel zu Regers Sprachspielen, zu den Streitschriften, zum Entstehungsprozess der Werke. Die sorgfältig dokumentierten Anmerkungen sind in 46 Seiten am Ende des Buches übersichtlich zusammengefasst. Es folgen ein erschöpfendes Literatur- und Abbildungsverzeichnis (die wichtigen Reger-Fotos sind abgedruckt), dann das Werkregister. Hilfreich: Hinter fast allen Werken sind Seitenverweise angefügt, wo Bezug auf ihre Entstehung, auf Äußerungen Regers oder knappe Analysen zu finden sind. Das Buch lässt sich somit erkenntnisreich selektiv lesen statt chronologisch. Ähnlich nutzbar ist das 15-seitige Namensverzeichnis.

Differenziertes Bild


Susanne Popp arbeitet Regers Stellung und Weg in einer Zeit des Umbruchs klar heraus: Zwischen dem dogmatischen Riemann, der rückwärts gewandten Rheinberger-Schule in München, Wagner, dem Programm- und Opernkomponisten Richard Strauss, den Revolutionären um Schönberg in Wien. Reger (seine Lebensdaten fallen fast mit denen des Deutschen Kaiserreiches zusammen) sah sich wie kein anderer in der deutschen Tradition von Bach (Polyphonie, Orgelmusik), Beethoven (Thematische Arbeit) und Brahms (Lied, Kleinformen, Harmonik).

Popp entwirft ein ungemein differenziertes Regerbild: Sie reduziert ihn nicht auf den alkoholisierten derben Witzereißer, sie zeigt den sozial empfindenden feinsinnigen Freund, den disziplinierten akkuraten aber auch verletzlichen "Akkordarbeiter", den international angesehenen Pianisten, den intelligenten, geistreichen Gesprächspartner und Autor, dessen nicht gerade glückliche Ehe dem Einem untergeordnet wurde: "Werk statt Leben". Ein Muss für jeden Regerfreund.

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Susanne Popp: "Max Reger - Werk statt Leben", 554 Seiten, 39,90 Euro, Verlag Breitkopf & Härtel.
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