Oberpfälzer Zwillinge erzählen über lustige Streiche und Nerviges aus ihrem Geschwisterleben
Glück oder Pech im Doppelpack?

Lorena und Leonie Müller aus Schwarzenbach. Bild: privat
Kultur
Weiden in der Oberpfalz
23.09.2014
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Die eine ist frech und wohnt in Wien. Die andere höflich, bescheiden und kommt aus München. Eine heißt Luise Palfy, die andere Lotte Körner. Beide haben am selben Tag Geburtstag. Sie sehen sich zum verwechseln ähnlich. In Erich Kästners Roman "Das doppelte Lottchen" treffen die zehnjährigen Mädchen in Seebühl am Bühlsee in den Alpen aufeinander. Sie kennen sich nicht. Sind erst erschrocken. Dann verstehen sie: Sie sind Zwillinge! Ihre Eltern leben getrennt und haben verschwiegen, dass es noch eine Schwester gibt. Die Mädchen hecken einen Streich aus: Luise fährt als Lotte nach München zur Mutter. Lotte als Luise zum Vater nach Wien. Das ist ihr kleines Geheimnis!


94 Oberpfälzer Zwillinge lernten sich beim Zwillingstreffen im Medienhaus DER NEUE TAG kennen. Bild: uax

Und was, wenn man selbst das doppelte Lottchen ist? Wenn man in der Oberpfalz wohnt und ein Zwilling ist? Wir haben mit eineiigen und zweieiigen Zwillingen aus der Region über ihre persönlichen Erlebnisse und Momente mit der Schwester oder dem Bruder gesprochen. Über lustige Streiche und das, was nervt!

Eva Zinnbauer und Waltraud Mößbauer: Teilten sich lange ein Bett


Im Garten sitzt Eva Zinnbauer mit ihrer Zwillingsschwester auf der Terasse. Sie lachen. Necken sich. Sie haben sich sehr gern, das merkt man. Wenn sie von ihrer Kindheit erzählen, wird die Herzlichkeit und Zuneigung zueinander spürbar. Sie können nicht ohne einander. Auch nicht nach 56 Jahren. Die Augen leuchten und die Lachfältchen werden noch ein wenig tiefer, als sie erzählen, dass sie sich immer noch zwei- bis dreimal in der Woche sehen. Im "Winter ein bisschen weniger. Dafür telefonieren wir oft", meint Waltraud Mößbauer. "Naja, oft nicht, Waltraud. Fünf- oder Sechsmal am Tag." Eva Zinnbauer nickt und muss schmunzeln. "Letzte Woche hat der Metzger den falschen Preis eingetippt. Ich rief sofort Waltraud an, um ihr zu sagen, wie blöd die sind." Eva Zinnbauer kichert. "Ich würde nie auf die Idee kommen, meine ältere Schwester wegen sowas anzurufen. Nur Waltraud." Ihr erzählt Eva Zinnbauer einfach alles. Weil sie ihr blind vertraut und es nicht anders kennt.


Waltraud Mößbauer und Eva Zinnbauer (von links) sind 56 Jahre alt und zweieiige Zwillinge. Bild: spi

Schon in der Kindheit unzertrennlich
Die Frauen waren schon in ihrer Kindheit unzertrennlich. "Allein waren wir nie. Wir hatten ja uns!" Diesen Satz betonen beide Schwestern immer wieder. Fast so, als bräuchten sie in ihrem Leben nichts anderes. Sie teilten alles miteinander: die Puppe, das Eis, das Bett. "In unserem Kinderzimmer gab es zwei Betten. Wir brauchten aber nur eines", erinnert sich Waltraud Mößbauer. "Noch in der Grundschule schliefen wir zusammen in einem Bett, wärmten uns. Gaben uns Nähe und Geborgenheit. Früher war es nicht so, dass die Eltern die Kinder mit Bussis verabschiedeten und betüddelten. Wir waren fünf Kinder und hatten wenig Geld. Mit sechs Jahren waren wir relativ selbstständig. Vielleicht haben wir uns im Bett die Nähe gegeben, die wir im Alltag nicht haben konnten", versucht Eva Zinnbauer zu erklären. Genau wissen sie es beide nicht - nur, dass sie nicht allein einschlafen wollten.

Gestritten wurde auch
Trotzdem haben die Zwillinge als Kinder heftig gestritten. "Da hielten wir schon mal ganze Haarbüschel in der Hand, so arg war das", erinnert sich Waltraud Mößbauer. "Aber lang konnten wir uns nie böse sein", wirft Eva Zinnbauer ein. "Wir haben vielleicht mal ums größere 'Bonberl' gestritten, aber sonst ... Aaah doch, Waltraud, weißt du noch? Unser Schulanfang." Eva Zinnbauer grinst. "Eine Schultüte war kleiner. Ich fetzte mit Waltraud, bis ich endlich die Größere bekam." Eva Zinnbauer runzelt die Stirn. Kneift die Augenbrauen zusammen. "ICH WOLLTE DIESE TÜTE." Bei jeder Silbe saust ihre Faust auf's Knie. Daheim öffneten die Schwestern die Schultüten. Auf den Boden plumpste das Allergleiche. "Ich war so enttäuscht. Das kann ich nicht vergessen." Eva Zinnbauer schaut bedröppelt auf den Terassenboden. Die Erinnerung daran tut weh.

Eva verrät ein Geheimnis
Plötzlich wird Eva Zinnbauer ganz still, sieht ihre Schwester an und sagt: "Waltraud, das hab ich dir noch nie gesagt, aber jetzt ist ein ganz guter Zeitpunkt dafür. Da ging das mit dem Campingplatz los ..." Nach einer kurzen Pause spricht sie weiter. "Ich wollte was mit dir unternehmen und du hattest keine Zeit. Hast gesagt, du musst mit deinem Mann zum Campen, sonst ist er wieder sauer." Eva Zinnbauers Stimme wird lauter. Sie gestikuliert wild mit den Händen - schüttelt mit dem Kopf. "Ich hab es nicht verstanden. War verletzt. Fühlte mich so einsam. Allerweil dieses Camping, hab ich mir gedacht", schimpft sie. Dieses Erlebnis war ein kleiner Weltuntergang für Eva Zinnbauer. "Ich war traurig, weil ich merkte, dass es im Leben meiner Schwester noch andere Menschen gibt." Die ganze Zeit über sitzt Waltraud Mößbauer ruhig auf ihrem Stuhl und hört zu. Sie ist nicht böse, dass ihre Schwester nichts gesagt hat. Sie versteht sie. "Mein Mann war oft sehr eifersüchtig, weil ich so viel mit meinem Zwilling unternommen habe. Deshalb war das Camping ein guter Weg, mehr Zeit mit Karl-Heinz zu verbringen", erklärt Waltraud Mößbauer. "Aber was meinem Mann gut tat, tat Eva nicht gut. Es ist sehr schwierig, die Balance zu halten. Wenn er zu grummeln anfängt, weiß ich, was los ist."





Die Grafiken vergleichen die Entwicklung der Gesamtzahl der Geburten (links) und die Anzahl der Zwillingsgeburten in Deutschland.

Noch immer ähnlich
Die Schwestern wohnen schon lange nicht mehr zusammen. Und trotzdem gibt es immer noch viele Momente in ihrem Leben, die sie stutzig werden lassen. Weil sie zeigen, wie ähnlich sie sich noch immer sind. Auch bei Krankheiten. "Da war dieses Darmvirus ...", fängt Eva Zinnbauer an zu erzählen. "Wir wollten nach Weiden fahren. Ich kam nicht vom Klo runter und musste Waltraud anrufen. Sie hat gejammert, dass ich gemein sei. Sie hatte ja extra Urlaub genommen. Ich sagte zu ihr: Waltraud, ich kann nicht." Eva Zinnbauer verzieht die Mundwinkel, als hätte sie Bauchschmerzen. "Eine Stunde später ruft Waltraud mich an und stöhnt: Gottseidank sind wir nicht gefahren! Jetzt hab ich's auch."

Zwillinge teilen sich auch Krankheiten
"Und dann dieser Herpes", Waltraud Mößbauer verdreht grinsend die Augen. "Oh Gott, jaahaha!" Eva Zinnbauer lacht lauthals los. Wenn eine Herpes hatte, hatte ihn die andere auch. "Aber mit einem gewissen Alter hat sich das verändert. Jetzt sind wir nicht mehr so oft zur selben Zeit krank. Aber die Kinderkrankheiten hatten wir ziemlich zur selben Zeit", fügt Waltraud Mößbauer hinzu.

Vor ein paar Jahren waren ihre Geschmäcker noch gleich. "Wir hatten aufeinmal dieselbe Strickjacke oder Wohnganitur. Obwohl wir getrennt einkaufen waren. Bei der Ganitur waren wir selbst baff", erzählt Eva Zinnbauer. Lediglich die Farbe war unterschiedlich. Die eine war lindgrün und die andere dunkelgrün. "Bei der Kleidung liegen wir mittlerweile nicht mehr auf derselben Wellenlänge. Waltraud mag lieber sportliche Blusen, ich elegante. Das, was sie sich heute kauft, würde ich nicht anziehen", betont Eva Zinnbauer. "Mir stehen mittlerweile Farben, die meiner Schwester nicht stehen. Im Alter wird auch bei Zwillingen vieles anders." Aber eines wissen die Schwestern genau: "Wir machen eine Alters-WG und ziehen wieder zusammen, wenn unsere Männer nicht mehr sind", meint Waltraud. "Nicht, dass die eine daheim am Boden liegt, schon zu stinken anfängt und die andere merkt nichts. Gell Eva." "Wenn die Waltraud jetzt sterben würde, wäre das sehr sehr schlimm für mich. Das könnte ich nicht so schnell verkraften", gesteht Eva Zinnbauer.

Dann verabschieden sich die Schwestern. Sie wollen noch zusammen spazieren gehen. Ein bisschen plaudern. Und Eva leiht Waltraud feste Schuhe und eine Jacke. Weil der Wind jetzt schon durch die Bäume weht und Blätter zu Boden segeln.

Julia und Verena Knipfer: Das doppelte Lottchen aus Schwarzenbach


Die 20-jährigen Schwestern sind stolz darauf, Zwillinge zu sein. "Es ist etwas Besonderes. Man versteht sich, ohne, dass der andere etwas sagen muss. Wir sind auch mit unserer älteren Schwester ein Herz und eine Seele. Vielleicht kommt es daher, weil wir drei uns ein Zimmer teilten", erinnert sich Julia. "Ich glaub, wir haben uns das von unserer Mama und ihren beiden Schwestern abgeschaut. Die verstehen sich genauso gut." Wie genau das funktioniert, dass Julia und Verena sich ohne Worte verstehen, können sie selbst nicht erklären. Den Mythos von einem geistigen Band zwischen Zwillingen und dass sie spüren können, wenn dem anderen etwas widerfährt, lässt der Berliner Zwillingsforscher Andreas Busjahn in einem Interview mit National Geographic Deutschland so nicht stehen: "Das ist nicht nachweisbar." Eine Spekulation gibt es allerdings, die Zwillinge mit der Quantenphysik verbindet. Laut Busjahn gibt es das Phänomen der verschränkten Teilchen. "Wenn man ein Elementarteilchen spaltet und von einem der beiden Teilchen die Eigenschaften ändert, nimmt auch das andere Teilchen die veränderten Eigenschaften an, selbst wenn es woanders ist." Man könne laut Busjahn darüber nachdenken, ob es bei eineiigen Zwillingen nicht doch eine stärkere Verbindung gibt.


Verena und Julia Knipfer aus Schwarzenbach (von links). Bild: privat

Zwilling zu sein ist "viel zu schön"
Den Wunsch, kein Zwilling mehr zu sein, hatten Julia und Verena noch nie. "Dafür ist es einfach viel zu schön. Wir haben uns. Wir können uns immer aufeinander verlassen. Wir können uns zwei große Kleiderschränke teilen und die Klamotten wild hin und her tauschen. Das ist sehr praktisch!" Mit Kleidung und dem Glück, eine Zwillingsschwester zu haben, hat ein Erlebnis aus ihrer Schulzeit zu tun: Der Musikunterricht und besonders die Notenstufen zählten nicht gerade zu Julias Stärken in der siebten Klasse. Doch zum Glück gibt es ihre Schwester Verena. Fast alle wurden schon vom Lehrer ausgefragt, nur Julia noch nicht: "Mir war klar, dass ich wahrscheinlich dran bin. Blöd war nur, dass ich die Notenstufen wirklich nicht kapierte", erzählt Julia. "Meine Schwester konnte den Stoff dafür echt gut. Da haben wir beschlossen, dass sie sich für mich ausgibt und sich abfragen lässt."Den Lehrer hatten die Zwillinge vorher schon in Religion. "Damit er nichts merkte, tauschten wir auf dem Klo komplett die Klamotten. Als der Lehrer in der Musikstunde meinen Namen aufrief, mussten alle lachen." Julia kichert. Die Schulkameraden wussten Bescheid. Der Lehrer nicht. Verena ließ sich für Julia abfragen. Unruhig rutschte Julia damals auf ihrem Stuhl hin und her. "Ich hatte die ganze Zeit Angst, dass es auffliegt, aber er hat's uns voll abgekauft", berichtet sie ein wenig stolz. Julia bekam eine 2+. Praktisch, wenn man einen Zwilling hat!

Manchmal nervt es
Komisch finden die Schwestern es nicht, dass sie sich ähnlich sehen: "Jeder Mensch hat irgendwo auf der Welt seinen Zwilling, der ihm ähnlich sieht. Wir haben das Glück, uns zu kennen", erklärt die 20-Jährige. Dem Doppelgänger-Phänomen hat sich der kanadische Fotograf François Brunelle gewidmet. Er bringt Menschen zusammen, die sich optisch ähneln - sich aber nicht kennen. 200 Fotos von 400 Menschen sind so entstanden.

Doch es gibt auch Momente, da nervt es, dass sie ähnlich aussehen: "Wir werden meistens als 'wir' und nicht als einzelne Person behandelt. Die Leute denken, was der eine tut, muss der andere automatisch auch tun, sagen, denken. Das ist Schwachsinn!", ärgert sich Julia. Meike Watzlawik vom Institut für Psychologie der TU Braunschweig erklärt dazu in einem Interview mit Focus, dass sich Zwillinge in der Pubertät unterschiedlich entwickeln können. "Fährt einer der Zwillinge lieber Rollerblades, ist es wahrscheinlich, dass der andere sich bewusst für Skateboardfahren entscheiden wird."

Freunde können sie auseinander halten
Mit Absicht tragen die Zwillingsschwestern Julia und Verena deshalb ihren Haarscheitel unterschiedlich. Julia auf der linken und Verena auf der rechten Seite. Freunde und Bekannte kennen sie ohne Probleme auseinander - jedenfalls fast: "Wir waren vor zwei Jahren auf der Beachparty in Dießfurt und standen bei unserem besten Freund", erzählt Julia. "Plötzlich kam mein Freund von hinten an, stellte sich wie selbstverständlich hinter meine Schwester und langte ihr an den Po. Meine Schwester drehte sich entsetzt um, mein Freund riss die Augen auf." An dem Abend wurde Julias Freund immer wieder damit aufgezogen.

Stimmt es, dass Zwillingsgeburten oft eine Generation überspringenDer Zwillingsforscher Andreas Busjahn aus Berlin erklärte in einem Interview mit National Geographic Deutschland: "Es stimmt, dass es bei mehreiigen Zwillingen familäre Häufungen gibt. Die Anlage zu einem doppelten Eisprung zeigt sich aber nur bei den Töchtern." Dem Forscher zufolge bekommen "Söhne einer Mutter mit der Anlage zu Zwillingsgeburten nicht öfter Zwillinge als andere Männer, die Töchter dieser Söhne aber bekommen tatsächlich oft wieder Zwillinge." Hier das komplette Interview: http://www.nationalgeographic.de/reportagen/11-fragen-zur-zwillingsforschung

Die Zwillinge unternehmen viel zusammen. Das gilt auch für ihre ältere Schwester. Fast immer sind sie zu dritt unterwegs. Trotzdem wäre es für Julia nicht so schlimm, wenn eine "für immer" ausziehen würde: "Ich studiere in Regensburg und wohne unter der Woche dort. Wir sind also schon daran gewöhnt, dass eine fünf Tage in der Woche nicht da ist." Wenn sie sich am Wochenende wiedersehen, ist es wie immer. "Ich bin mir deshalb ziemlich sicher, dass sich nichts ändern wird, wenn es mal 'endgültig' ist", meint Julia.

Daniel und Patrick Kroher: Können sich auf Kinderfotos nicht auseinanderhalten


Wer die Fotos von früher aus dem Schrank räumt und das Album durchblättert, freut sich über die festgehaltenen Momente aus der Kindheit. Bei Daniel und Patrick ist das ein bisschen anders! Sie erkennen sich selbst auf vielen Fotos nicht. Weil der Bruder gleich aussieht und meistens dieselbe Kleidung trägt. Daniel findet das "richtig schade". Selbst Mutter Evelyn Kroher tut sich schwer. Immer wieder schüttelt sie den Kopf, als sie versucht, sich zu erinnern. Aber, nein. Sie weiß es auch nicht, welcher ihrer beiden Jungs auf dem Foto abgebildet ist. Wie entschuldigend und ein wenig hilflos zuckt sie mit den Schultern. Manchmal verwechselt der Opa der 20-jährigen Zwillinge sie heute noch.


Daniel und Patrick Kroher in ihrer Kindheit (links) und heute (rechts). Bilder: privat

Unterschiedliche Kleidung
Daniel erzählt mit einem Seitenblick zu Evelyn Kroher, dass sie sich früher bei der Mama beschwert haben, wenn sie die gleichen Sachen anziehen sollten. Sie waren bockig, haben mit den Füßen gestampft und gejammert. Heute tragen sie kaum noch dieselbe Kleidung. Aus Protest. "Bis auf das T-Shirt der Band Frei Wild", grinst Daniel. "Das muss sein." Da sind sich die Zwillinge einig. "Jeder geht mittlerweile seinen Weg! Wir haben die gleichen Freunde, aber unterschiedliche Berufe, Kleidung und Charaktereigenschaften. Wir denken oft das Gleiche, aber sehen uns als eigenständige Personen", sagt Daniel. "Daniel ist eher ruhig und Patrick der Plapperer", bestätigt Evelyn Kroher. Deshalb würde es den beiden nicht so schwer fallen, wenn einer von ihnen ausziehen würde.

Ganz normale Geschwister
Was die Brüder nervt? Dass sie von der Mutter verglichen werden: vor allem früher bei den Schulnoten und bei Streichen. "Wenn einer von uns was ausgefressen hatte oder frech war, hat sie uns immer beide zusammengeschissen! Damit sie ja den Richtigen erwischte", beschwert sich Patrick mit einem neckenden Blick zur Mutter. "In solchen Momenten wollten die Jungs keine Zwillinge mehr sein", weiß Evelyn Kroher. Heute sehen sie sich als ganz "normale" Geschwister. Nicht einig sind sie sich beim Thema "Frauen": Patrick will keine Freundin. "Die kosten zu viel", lacht er. Daniel hingegen hat eine. Da kommen sich die Zwillingsbrüder also nicht in die Quere!

Gemeinsame Streiche
Bei Streichen halten sie wieder zusammen: In der Grundschule führte der Lehrer eine Strichliste. Ein Strich pro vergessene Hausaufgabe. Damit die Striche beim einen Zwilling nicht zu viel wurden und eine Mitteilung bei den Krohers ins Haus flatterte, tauschten Daniel und Patrick einfach immer wieder ihre Hefte. Der Lehrer merkte es nicht. "Wie auch, wenn wir uns so ähnlich sehen", meint Daniel.

Auch der Arbeitskollege von Daniel ging den beiden auf den Leim: Dieser wusste nicht, dass es einen Zwillingsbruder gibt. Im Musikcenter Trockau wollte er eigentlich Daniel einen Schnaps ausgeben - erwischte aber Patrick. "Ich hab das natürlich ausgenutzt und nichts verraten." Patrick schmunzelt. "In der Arbeit kam dann alles raus, weil ich nichts davon wusste, dass wir zusammen was getrunken hätten", erzählt sein Bruder Daniel weiter. "Ich hab meinem Kollegen dafür mal einen ausgegeben."

Nicole und Jasmin Neumann: Eier- und Tomatenkopf


Nervt es euch, wenn ihr verwechselt werdet? Nicole und Jasmin sitzen auf dem Sofa in Nicoles Zimmer - eng beieinander. Die Schwestern schauen sich kurz an und sprudeln los: "Neee, überhaupt nicht!" "Das sind wir schon gewöhnt und hören oft auf den Namen der anderen. Weil wir es nicht anders kennen." Nicole lacht. Sie ist die Mutigere von beiden. "Ich schieb meine Zwillingsschwester immer vor und sag: Frag mal du! Oder, wenn ich beim Essen was nicht kenne: Probier mal! Wenn es ihr schmeckt, probier ich es auch", gesteht Jasmin. Nicole nickt. Wenn es um Fleisch und Gemüse geht, ergänzen sie sich. Jasmin isst lieber Fleisch, dafür kaum Gemüse. Nicole isst Gemüse und gibt Jasmin dafür ihr Fleisch.

Ein Trick, mit dem sich die Grafenwöhrerinnen auf Kinderfotos wiedererkennen: Jasmin hat einen schmalen Kopf - einen Eierkopf. Nicole einen runden - einen Tomatenkopf. "So wissen wir immer, wer da in die Linse grinste", erklärt Nicole. Sie zeigt auf ein Foto und malt die Köpfe mit dem Zeigefinger nach.


Jasmin und Nicole Neumann aus Grafenwöhr (von links). Bild: spi

Immer zusammen
Die 20-jährigen Schwestern sind rund um die Uhr zusammen: Sie haben zusammen gelernt, arbeiten jetzt in derselben Firma und wohnen beide noch bei den Eltern. Ein Erlebnis bleibt ihnen deshalb besonders gut im Gedächtnis: der Tag, an dem sie zum ersten Mal getrennt waren. "Es war so scheiße! Da waren wir 16 Jahre alt", erinnert sich Nicole. Im zweiten Lehrjahr musste jede an einem anderen Tag nach Regensburg in die Berufschule. Nicole am Dienstag und Jasmin am Mittwoch. "Wir mussten erstmal allein den richtigen Zug und Bus finden. Bislang sind wie immer zusammen zum Bus. Ich hatte Angst, dass ich ihn verpasse. In Regensburg fühlte ich mich so allein in der großen Stadt." Jasmins Stimme wird immer leiser. Fast als wäre es ihr unangenehm, das zuzugeben. "Es fehlte einfach was." Sie rutscht auf dem Sofa herum und sieht ihre Schwester schüchtern an. "Ja, zu zweit fühlt man sich sicherer", bestätigt Nicole. "Man kann sich vertrauen und weiß, die andere hilft einem, wenn was schief gehen sollte. Zusammen ist man stärker."

Plötzlich fällt Nicole noch etwas ein, was sie am Zwillingsdasein nervt. "Wenn wir früher was haben wollten, hieß es oft: Das ist zu teuer, das brauchen wir ja dann zweimal!" Deswegen war es für die Schwestern umso schöner, als sie in der fünften Klasse zur Firmung endlich ein Handy geschenkt bekamen. Natürlich das Gleiche!

Lorena und Leonie Müller: Streiten oft wegen Kleinigkeiten


"Mama, ich will, dass du morgen mit mir in die Schule kommst." Lorena macht einen Schmollmund. Sie will, dass ihre Mama Nina Bickel sie zum ersten Schultag in das Elly Heuss Gymnasium begleitet. Zwillingsschwester Leonie kneift die Augen zusammen und protestiert: "Nein, Mama kommt mit mir mit." Eine schwierige Situation für die Mutter, denn die Schwestern gehen ab morgen auf unterschiedliche Schulen. "Ich weiß noch nicht, wie ich es machen werde. Ich will keine verletzen, aber ich kann mich nicht teilen. Das sind die Schwierigkeiten, die man als Mama von Zwillingen meistern muss", weiß Nina Bickel. "Einen Mittelweg zu finden, dass keine zu kurz kommt, ist nicht einfach."

Lorena und Leonie Müller sind zehn Jahre alt und Zwillinge. Auch, wenn man das nicht auf den ersten Blick erkennt. Und auch nicht auf den Zweiten. Sie sind zweieiige Zwillinge und sehen sich kein bisschen ähnlich. Lorena ist blond und hat blaue Augen - Leonies Haarfarbe und Augen sind braun. Das ist auf der einen Seite gut so, finden die Mädchen. Weil sie keiner verwechseln kann. Auf der anderen Seite: "Witzig wäre es schon! Dann könnten wir die Eltern austricksen", kichert Lorena. "Wenn uns wer fragt, ob wir Geschwister sind, sagen wir, dass wir Zwillinge sind. Aber das glaubt uns keiner. Die meisten lachen erst", erzählt Lorena. Dabei sind sie so stolz darauf, Zwillingsschwestern zu sein.


Die Zwillinge Leonie (links) und Lorena Müller (rechts) mit ihrer Cousine Mia (Mitte). Bild: spi

Ganz unterschiedlich
So unterschiedlich, wie die beiden aussehen, sind auch ihre Charaktereigenschaften. "Lori will oft lieber allein sein und Leo braucht ihre Schwester", weiß die Mutter. "Ja, ich bin eher ängstlich und Lori will immer alles ausprobieren", stimmt Leonie zu. Die Schwestern vergleichen sich viel untereinander. Deshalb ist es gut, dass morgen der erste Schultag in der fünften Klasse losgeht. "Für uns ist das eine große Erleichterung, wenn die Zwillinge in der Ganztagsschule jeder seperat ihre Hausaufgaben machen können", erklärt sie. "Zusammen lernen war ein Chaos! Die eine tat sich schwer, wo sich die andere leicht tat und umgekehrt." Deshalb hat Leonie mit ihrer Mama gelernt und Lorena mit dem Opa. "Ich wollte unbedingt auf das Elly-Heuss-Gymnasium. Ohne meinen Opa hätte ich das nicht geschafft!" Lorena wird nachdenklich. Er bedeutet ihr sehr viel.

Sich ein Zimmer zu teilen, ist für die Zwillinge unvorstellbar. "Wir streiten viel. Meistens wissen wir gar nicht, warum wir uns in die Haare kriegen", gibt Lorena ein wenig kleinlaut zu. Sie zuckt mit den Schultern. "Es ging schon so weit, dass wir unser Schlafzimmer räumen mussten, damit jede ein Einzelzimmer haben konnte." Nina Bickel verdreht die Augen. "Wir schlafen jetzt quasi auf dem Dachboden. Dafür ist endlich Ruhe!" Fragen wie Ein Zimmer für beide - geht das gut? stellen sich noch mehr Zwillingseltern. In einem Blog dokumentiert eine Mutter die Erlebnisse mit ihren Zwillingen. Es geht um Husten, der nicht mehr weggeht. Und die ersten Tage in der Kinderkrippe. Es gibt sogar eine Facebookseite, die extra für Zwillinge erstellt wurde. Dort können sich seit 2. Juli 2010 Zwillinge austauschen, Fotos posten oder den Maxi-Cosi anderen Zwillingseltern anbieten. Sie Seite hat bereits 4865 "Gefällt mir" gesammelt.

Hürden für die Mütter


Im Alltag gibt es noch mehr Hürden für Zwillingsmütter. Wie trägt man beispielsweise beide Kinder und den Einkaufskorb gleichzeitig? "Zwillings-Mütter sind einfallsreicher! Ich hab die zwei schon in einem Wäschekorb ins Haus getragen, um keine zurück lassen zu müssen." Probleme gibt es auch beim Einkaufen mit dem breiten Kinderwagen. "Die Kassen stehen zu eng beieinander. Da komme ich mit den Zwillingen nicht durch. Da denkt keiner dran, wenn sie die aufbauen", regt sich die Zwillings-Mutter Nina Bickel auf.

"Die Hilfsbereitschaft bei den Menschen ist außerdem gleich Null", beschwert sich Nina Bickel. An eine Situation kann sie sich noch sehr genau erinnern: "Ich musste den Maxi-Cosi einige Meter zum Orthopäden schleppen. Dann war auch noch der Aufzug defekt und der Orthopäde im dritten Stock. Auf dem Weg nach oben kam mir ein Bodybuilder entgegen. Statt mir zu helfen, wurde er frech", regt sich Nina Bickel heute noch auf. Das Erlebnis ist jetzt schon rund zehn Jahre her. Aber es bleibt ihr im Gedächtnis.

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