Orgelkonuert bei den Max-Reger-Tagen
Zurück in die Zukunft

Bernhard Haas (links) spielte auf der Orgel unter anderem Werke von Schönberg und Max Reger. Moderiert wurde der Abend von Wolfgang Rathert. Bild: Donhauser

Von Peter Donhauser

Weiden. Hochinteressant war er, der Orgelabend in St. Michael! Selten konnte man so ein Bündel an neuen Erfahrungen, ja Erkenntnissen mit nach Hause nehmen. Das Duo Wolfgang Rathert am Pult und Bernhard Haas an den Tasten sorgen bei den Max-Reger-Tagen am Mittwoch für lehrreiche Worte und großartige Musik.

Die Meister geehrt


Es ist altbewährt, bei Konzertprogrammen von alten zu neuen Werken fortzuschreiten, zu zeigen, wie geschichtsbewusst etwa Reger die Meister Bach und Brahms ehrt und auf ihre Gedanken aufbaut. Bernhard Haas hat das Prinzip umgedreht. Er schreitet von neu zu alt, von heute zu gestern, von Heinz Holligers Ciaconna (1999) zu Max Regers Symphonischer Phantasie und Fuge (komponiert 1901 in Weiden), dem grandiosen künstlerischen und persönlichen Statement Regers, mit dem er weit in die Zukunft blickte. Informativ, knapp, mit Charme, so lieben wir Konzert-Moderationen. Nicht zum ersten Mal besorgt dies - bestens vorbereitet - Wolfgang Rathert. Bernhard Haas (geboren 1964, seit 2012 in München Nachfolger von Edgar Krapp) behandelt die Orgel wie ein hochdifferenziertes Orchester. Nie - auch nicht bei Reger - protzt oder blendet er mit rauschendem Getöse, nie fühlt man sich als Hörer (frei nach Reger) "wie ein Relief an der Wand kleben".

Schönbergs Fragment des 1. Satzes der Orgelsonate balanciert mit 12-Ton-Musik und nun (1941) wieder mit Tonalität, mit traditioneller Verwobenheit der Motive. Dieses Prinzip hat man der Natur abgeschaut, aus dem Samenkorn wird die Pflanze. Stockhausen "Fische" und "Waage" aus den zwölf Tierkreis-Stücken (1974) experimentieren mit seriellen wie improvisatorischen Elementen. Heinz Holligers schon erwähntes Opus stellt neue Klänge in den klaren bekannten Rahmen der Ciaconna, einer Variationsform. Haas spielt die oft introvertierten, feinsinnigen Stücke geradezu meditativ, er eliminiert mühelos alle Hörschwellen zu nicht-tonaler Musik. Das Opus "IX 99 X" (komponiert September bis Oktober 1999) hat Johannes Fritsch (1941-2010) dem Organisten gewidmet. Hier herrscht das technische Prinzip "Baukasten": Selbstständige charakteristische Motivgruppen, die immer wieder aufscheinen, bilden einen musikalischen Raum um den Hörer herum, ein faszinierendes Highlight des Konzerts!

Ausgefeilte Registrierkunst


In diesem Umfeld erscheinen die 23 Minuten von Regers Opus 57 nicht als Spätfolge von Bach, Brahms oder Liszt, sondern als Auslöser für Musik mit neuen Gestaltungsprinzipien diesseits und jenseits von Tonalität. Haas fährt Regers Dynamik um einige Stufen zurück ohne die Kontraste einzuebnen. Selten hat man die "Symphonische" so erlebt: So aufgelichtet, so durchschaubar, so bewusst die Stimmen modelliert. Ein Loblied darf man der ausgefeilten Registrierkunst singen. Der spärliche Konzertbesuch kann als "Kollateralschaden" der hochsommerlichen Wetterplanung von St. Petrus gedeutet werden.
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.