Orgelkonzert von Gereon Krahforst in St. Michael
Orgelmusik für Gott und die Welt

Die Max-Reger-Tage stehen mit ihren 17 Lenzen an der Schwelle zur Volljährigkeit. Die Orgelmusik als ein Eckstein in Regers Schaffen hat, wie auch das Konzert von Gereon Krahforst in St. Michael zeigte, endlich den gebührenden Platz erobert.

Von Peter Donhauser

Gereon Krahforst (43), Organist der Abtei Maria Laach, spielt in der Kirche St. Michael ein bestens durchdachtes Programm mit Bach, Reger und einer Improvisation, alles verbandelt durch musikalische und inhaltliche Querverbindungen. Bachs Präludium und Fuge cis-Moll BWV 849 aus dem "Wohltemperierten Clavier" hat Reger mit Feingefühl bearbeitet. Das zu den Händen tretende Pedal eröffnet Freiräume, die er dezent mit Oktav-Versetzungen, Durchgangsnoten und organisch eingefügten Stimmen füllt, dazu tritt eine differenzierte Dynamik.

Ohne stupide Etüden


Die Räume geistlicher Musik betreten wir mit Regers spirituell inspirierter "Passion" op. 145/4. Mit ihr schuf er erstmalig ein Formkonzept zwischen Choralvorspiel und romantischer Kleinform. Das Zentrum dieser Meditation, dieser "Andacht" bilden schon in der einleitenden Fantasie Motive des Chorals "Mein herzliebster Jesu, was hast du verbrochen?". Außer Sichtweite stupider Etüden bewegt sich Bachs zweistimmige Invention d-Moll, die Reger in seiner "Schule des Triospiels" um eine dritte Stimme ergänzt hat. Hier wie auch bei BWV 849 zeigt Krahforst seine Vorliebe für gelassene Tempi, Transparenz steht weit oben im Lastenheft. Für seine Improvisation im Stil von Reger hat er den Choral "O Mensch bewein dein Sünde groß" gewählt. Unter seinen Händen entsteht eine grandiose Choralfantasie, deren Fuge schließlich krönend der Choral überlagert. Sie endet theologisch stimmig in erlösendem Dur. Sehr einfühlsam spielt Krahforst sechs der "leicht ausführbaren Choralvorspiele" aus op. 67 von 1902, zu denen Reger bemerkte "daß seit Bach keine derartige Sammlung mehr veröffentlicht wurde!". Mit ihnen gewann er die Sympathien vieler evangelischer Kirchenmusiker.

Virtuoser Rausch


Schließlich wird ein Reger'scher Elefant aus der fabelhaften Weimbs-Orgel in die Arena gelassen: Introduktion, Passacaglia und Fuge op. 127, geschrieben 1913 als Einweihungsstück für die Sauer-Orgel der Jahrhunderthalle Breslau, mit 187 Registern die damals größte Orgel Europas. Karl Straube spielte Opus 127 (wohl wegen der Saalakustik) in 40 Minuten, Krahforst trotz der transparenten Akustik in St. Michael in 39, die "Rasende Rosalinde" Haas in virtuosem Rausch in 23.

Selten hat man das monumentale Werk so überlegt und überlegen, so rhythmisch klar, so feinsinnig registriert und artikuliert, mit "seelisch bewegtem Vortrag" gehört wie von Krahforst. Doch zerreißt das beklemmend langsame Grundtempo schier den harmonischen Kontext des Passacaglienthemas. Das Agitato inmitten der 26 Variationen trabt statt im Galopp daher zu jagen. Das statisch zelebrierte Moderato sempre leggiero der Fuge wirkt wie buchstabiert. Reger auf domestizierter Gasflamme gekocht, nicht auf wildem offenem Feuer.
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