Poetry Slam im City Center Weiden: Wer ist Yilmaz?
Wortakrobaten locken Publikum unter die Erde

Karsten Lampe. Bilder: Wilck
Kultur
Weiden in der Oberpfalz
27.04.2015
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Christian Ritter (links) und Felix Römer moderierten den 6. Poetry- Slam in der Tiefgarage des City-Centers. In den Pausen unterhielten sie mit merkwürdigen Dialogen aus Ritters neuem Buch.

Kinderträume, Freibier, Online-Dating oder die Reise in ein fernes Zauberland - der Poetry-Slam in der Tiefgarage des Weidener City-Centers hat ein breites Spektrum. Die Frage des Abends ist: Wer ist Yilmaz?

Neun Slammer duellieren sich am Samstagabend vor 500 begeisterten Zuhörern zum Abschluss der Literaturtage. Ihre wichtigste Waffe: Worte und Wörter. Wie Akrobaten gehen sie mit ihnen um, nicht einmal vor Goethe machen sie Halt. Buchhändlerin und Mitorganisatorin Alexandra Stangl kündigt die "Crème de la Créme der Szene" an. Die Moderatoren Felix Römer und Christian Ritter sind da etwas sporadischer: "Wir haben die Dichter nach Größe ausgewählt und nicht nach Qualität", scherzen sie wegen der niedrigen Deckenhöhe der Tiefgarage. "Hier kommen die besten kleinsten Slammer Deutschlands", kündigen sie an.

Zwei Weidener dabei

Den Anfang macht Leticia Wahl mit "Alles beginnt chronologisch". Die Marburgerin philosophiert über Kinderträume und dem Monster, das sich unter der Bettdecke versteckt: "Es heißt Vernunft." Kandidat Nummer zwei ist Nils Früchtenicht aus Oldenburg. Er stellt mit ernsten Worten dar, warum er zu schreiben begonnen hat. "Du hast jeden Tag eine Flasche Schnaps getrunken, statt auf meine Hausaufgaben zu schauen", spricht er das Unbekannte "du" an. "Dank dir habe ich ein Helfersyndrom, dank dir habe ich angefangen zu schreiben."

"Erwartungsschwanger" ist André Pscherer. Er ist einer der beiden Lokalmatadoren. Der Weidener beschreibt sich als "sehr sensibel, zuvorkommend und mit einem ausgeprägten Sinn für Sarkasmus gesegnet". Seinen Versuch des Online-Datings beschreibt er als "virtuellen Magen-Darm-Infekt". Auf der Single-Plattform "Elite-Partner" wird er fündig: "Ich bin Single mit Niveau und Akademiker bin ich auch noch." Müsste laufen, denkt er sich. Tut es aber nicht, auch nicht für den Wettbewerb: Er und Früchtenicht müssen sich schon wieder von der Bühne verabschieden, Wahl hat das Finale erreicht.

"Einfach nur leben"

Maron Fuchs beschreibt in ihrem Vortrag das "Gefühl für jeden immer verfügbar sein zu müssen": "Ich will frei sein, ich sein, einfach nur leben", resümiert die Weidenerin am Ende. Jule Weber aus Darmstadt philosophiert darüber, nicht stehen zu bleiben und vom Fliegen zu träumen. Karsten Lampe nimmt die Zuhörer mit auf eine Reise in ein fernes Zauberland nach Brandenburg. Den Text titelt er mit "Über meine Heimat". "Hallo, ich bin Karsten und bin Ossi", stellt er sich vor. "Und um allem zuvorzukommen: Wir hatten ja nüscht." Mit Spreewaldgurke, Sandgruben und den "Mauer Rangers" nimmt er seine Heimat auf die Schippe. Aus dieser Runde schafft er es ins Finale.


Nach der Pause duellieren sich Pauline Füg (Würzburg), Micha Ebeling (Berlin) und Olivia Bergdahl (Schweden). Füg ist bereits zum zweiten Mal in Weiden zu Gast und regt mit ihrem Text "Die Welt ist ein Nachtfalter" zum Nachdenken an. Damit kann sie die Zuhörer aber nicht überzeugen. Ebeling dagegen zählt in höchster Geschwindigkeit auf, was er alles kann und was nicht. Sätze wie "ich kann nicht immer so tun, als ob mir deine Frisur gefällt" oder "ich kann zu Haus Kaffee trinken und Teelichter anzünden" hieven ihn in die finale Runde. Die Schwedin Olivia Bergdahl kann mit ihrer schwedisch-englischen Mixtur das Publikum nicht auf ihre Seite ziehen. Ebeling ist in dieser Runde der klare Gewinner.

Wahl nimmt dann in ihrem "Metzgerlehrling" à la Goethe einen veganen Fleischerei-Erben aufs Korn: Mit "hacke, hacke" überredet ihn der Vater auf dem Sterbebett, die Metzgerei zu übernehmen. Der Veganer "aß kein Huhn, weil da Ei drin ist. Er aß auch kein Pferd, obwohl da ja Äpfel drin sind". 30 Weisheiten aus seinem Leben gibt es dann von Lampe: "Khakis sind orange, Orangen aber nicht khaki", "Wasabi ist kein Brotaufstrich", "spendet Trost" oder "liebt" seien die wichtigsten Dinge, die er in seinen 30 Lebensjahren gelernt habe.

Verhängnisvoller Kauf

Und dann kommt Ebeling: "Was ein Handy vom Flohmarkt und Yilmaz gemeinsam haben", heißt sein Vortrag, mit dem er schließlich den Sieg klarmacht. Als Ersatz für sein Telefon kauft er sich für zwölf Euro ein Handy, das nachts prompt zu klingeln beginnt. Die Anrufer verlangen nach einem mysteriösen Yilmaz, "Stoff", Liebe und auch Rache, weil sich Ebeling mit ihnen einen wortgewaltigen Schlagabtausch liefert. Mit "ich hab keinen Stoff, ich bin kein Tuchhändler", "Alles ok in der Moschee?" oder "katholischer Bahnhof" treibt er seine Gesprächspartner in den Wahnsinn. Alles gipfelt darin, dass er seinen ungeliebten Nachbarn samt Handy zur Verabredung mit Yilmaz' Geliebter schickt. Die Morddrohung eines Anrufers verschweigt Ebeling lieber. Er macht sich unterdessen auf in den Urlaub.

2016 kein Poetry-Slam

Das Publikum belohnt das wahnwitzige Wortgefecht mit allerhand Kuriositäten: In Tüten sammelt sich, was die Handtasche so hergibt - mit einer Forellen-Aufbewahrungsdose, einer Regenjacke oder Wollsocken zollt es dem Sieger seinen Lohn. Für Stimmung sorgen nicht nur die Slammer, sondern auch "William's Orbit" mit ihrem unverwechselbaren Sound. Die Technik-Gruppe des Augustinus-Gymnasiums taucht die Tiefgarage wieder in buntes Licht.

Einen kleinen Wermutstropfen nehmen die Poetry-Slam-Fans mit nach Hause: Wegen des Sparzwangs der Stadt entfallen im nächsten Jahr die Literaturtage und somit auch der schon zur Tradition gewordene Dichterwettstreit.
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