Pole-Dance-Workshop in der Volksschule Weiden - Begeisterung bei vielen Frauen
Kein Kurs von der Stange

Wer bei der Stange bleibt, kann irgendwann auch wie Trainerin Carina Obermeier kopfüber eine richtig gute Figur an der Pole machen. Bilder: Baumgärtner
Kultur
Weiden in der Oberpfalz
25.09.2015
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Wer kann, der kann auch mit 22 Zentimeter hohen Hacken tanzen.

Wer an der Stange tanzt, arbeitet in einem StripteaseSchuppen. Wer das denkt, war schon lange nicht mehr in der Volkshochschule. Pole Dance zählt dort zu den Rennern. Ähnlich wenig an wie in einem Strip-Club haben die Kursteilnehmerinnen am Samstag trotzdem. Aus Selbstschutz: Wer mehr trägt, droht abzustürzen.

Der Inbusschlüssel in Carina Obermeiers Hand dreht die letzte Runde. Die Schraube sitzt, die Stange hält: Der Pole-Dance-Workshop in der Volkshochschule kann beginnen. Es ist Samstag, kurz vor 10 Uhr. Noch wird getuschelt statt getanzt.

Zum Beispiel darüber, wo es so eine Stange gibt. "Wir müssen das unbedingt fragen", meint Anna, eine Sozialversicherungsfachangestellte. "Ich habe mich schon informiert: Im Internet kostet sie knapp 300 Euro", sagt Barbara (51) von Beruf Physiotherapeutin. Viele, die den Kurs machen, haben schon eine zu Hause, verrät Trainerin Carina Obermeier den neun Kursteilnehmerinnen am Samstag, legt ihr Oberteil ab und damit ihre Bauchmuskulatur und das Glitzer-Bustier frei. Kaum zu glauben, dass diese Frau mit Anfang 20 Hosengröße 46 getragen und 90 Kilogramm gewogen haben soll. Aber egal. Denn gerade zieht die 36-Jährige ihre güldenen High Heels aus der Tasche. Die 22-Zentimeter-Hacken sorgen für Aufsehen - und für eine Diskussion über das absatzfeindliche Kopfsteinpflaster in Weidens Fußgängerzone. Man versteht sich im Gymnastiksaal der Volkshochschule, der weit und breit der einzige ist, in dem Halter für Pole-Dance-Stangen in Betondecken installiert sind. Das Warm up kann beginnen.

Je wärmer sich die Muskulatur anfühlt, desto klarer wird, in den nächsten dreieinhalb Stunden des Workshops ist es mit Hinternwackeln und Hüftkreisen nicht getan. Dass die Haut aber an den Zehen Blasen werfen wird, Trizeps und Schultern noch Tage später schmerzen und blaue Flecken Knöchel und Schienbein zieren werden, steht nicht in der Kursbeschreibung. Stattdessen wird darauf hingewiesen, wenn möglich kurze Hosen zu tragen und sich morgens besser nicht einzucremen.

Rutschig wird's trotzdem. Vermutlich wegen des Angstschweißes, der nach den fetzigen Tanz-Achtern mit frivolen Hüftschwüngen und sexy Körperwellen plötzlich aus den Poren drängt: Denn Trainerin Carina, Ex-Bankfachwirtin einer Sparkasse, zeigt die nächsten Übungen. Drehung rückwärts. Aufschwung kopfüber. "Ihr müsst die Zentrifugalkraft nutzen. Auf Zug bleiben. Hintern mehr zur Decke. Oberschenkel zusammen, sonst packt euch die Schwerkraft. Und: Lächeln nicht vergessen!" - "Ja", gibt Carina Obermeier augenzwinkernd zu, "Physik habe ich erst verstanden, als ich mit Pole Dance begonnen habe."

Die Leoparden-Hotpants sind schuld. Eindeutig. Seit die 36-Jährige ihre Trainingshose gegen das heiße Höschen getauscht hat, verkehrt sich der sexy Tanzkurs in ein astreines Akrobatik-Training mit Musikuntermalung. Mit jeder weiteren Übung wächst das Verständnis für das Minimum an Kleidung: Diese Frau ist nicht exhibitionistisch veranlagt. Haut haftet einfach besser an Metall.

Längst sind nicht die knappen Kleidungsstücke sondern die fehlende Kraft und die richtige Technik die Probleme der Teilnehmerinnen. Dann endlich: Es klappt. Egal ob 25 oder 51 Jahre: Alle räkeln sich schließlich kopfüber an der Pole. Die Spannung in den Oberschenkeln und die um die Stange verknoteten Knöchel trotzen der Schwerkraft.


Das hier in der VHS hat nichts mit dem in Striptease-Schuppen geborenen Stangentanz zu tun. Das hier ist knochenharter Lifestyle-Sport mit Fun-Faktor. Für den sorgen neben den koketten Tanzschritten in knappen Höschen an der Stange auch die High Heels, auf denen die Teilnehmerinnen den Echtholz-Tanzboden rund um die Pole rocken. Viele verabschieden sich mit dem Versprechen wiederzukommen. Carina Obermeier freut sich, dass ihre Ladys bei der Stange bleiben, zieht sich was über, tauscht die Hacken gegen flache Boots und greift zum Inbusschlüssel, um die erste der sechs Stangen abzubauen.

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Pole Dance im Selbstversuch: Da bleiben einer Redakteurin blöde Sprüche von Kollegen nicht erspart. Wenig später loben die Kollegen zwar Akrobatik und Technik dieses Sports. Blöde Sprüche klopfen sie aber weiter. Spaßig war der Kurs trotzdem.
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