Premiere der Luisenburg-Festspiele
„Verkaufter Großvater“ schrill und schräg

Sie lieferten eine temporeiche und satirisch anmutende Aufführung: das Ehepaar Haslinger (Norbert Heckner und Nikola Norgauer), Biobauer Kreithofer (C. C. Weinberger), Haslinger-Fahrer Jo (Franz Josef Strohmeier), Altenpflegerin Zenz (Simone Bartzick), Michael Altmann als Großvater und schließlich Eva Bauriedl als Haslinger-Tochter Jackie (alle von links). Bilder: Luisenburg-Festspiele
Kultur
Weiden in der Oberpfalz
27.06.2016
394
0
 
Biobauer Kreithofer (C. C. Weinberger) und die Altenpflegerin Zenz (Simone Bartzick): "Besser eine fette Zenz, als ein Alter mit Demenz."

Beim "Verkauften Großvater" werden Erinnerungen an die kultige Inszenierung mit Michl Lang wach ... Wie lässt sich eine angestaubte Komödie in die Moderne übertragen? Der Intendant der Luisenburg-Festspiele, Michael Lerchenberg, wagt den Versuch, das Volksstück in den neuen Kleidern des 21. Jahrhunderts auf die Bühne zu bringen.

Wunsiedel. Das Premieren-Publikum wirkt am Freitagabend in den ersten Minuten verdutzt. Was anfangs wie ein kreatives Comedy-Warm-Up wirkte, gestaltet sich im Lauf der über zweistündigen Aufführung zu einer frechen Persiflage auf den Umgang mit den alten Menschen. Als Clowns und Harlekins kostümiert und geschminkt, gewinnt das etwas andere Volksschauspiel schräg und schrill Tempo: Surreal, überzeichnend und burlesk nehmen sich die Handelnden aktionsreich selber auf die Schippe, inklusive der Volkstümelei. Es ist wohl kein Zufall, dass die bäuerliche Groteske von Anton Hamik (geboren 1887 in Oberösterreich) nun in Niederbayern spielt - mit nicht eindeutigen Dialektfärbungen.

Durch ihren leidenschaftlichen, überragenden Einsatz halten die Darsteller - trotz des dick aufgetragenen, absehbaren Endes - den Spannungsbogen aufrecht. Denn die Handlung ist simpel gestrickt: Ein betuchter Viehhändler erfährt, dass dem Großvater eines armen Bauern zwei Häuser gehören. Deshalb kauft er dem finanzschwachen Landwirt seinen Großvater ab. Der Opa ist jedoch noch gerissener als der Erbschleicher. Das überdrehte Verwechsel- und Verwirrspiel nimmt natürlich ein glückliches Ende.

Der in den Eröffnungsreden zur 126. Spielsaison hoch gelobte Intendant Lerchenberg verleiht dem traditionellen Stück nicht nur eine clowneske "Verpackung": Der greise Opa wird in seinem listigen Widerstand gegen das berechnende Viehhändler-Ehepaar zur unberechenbaren "APO"; der arme Landwirt zum Biobauern, sein Sohn Elvis rapt und rockt.

Genialer Hauptakteur


Die pointierten Anspielungen auf das Zeitgeschehen würzen den Gang der Dinge. Da schult die Altenpflegerin Zenz (Simone Bartzick köstlich schnippisch und kess) als Verkäuferin bei Schlecker auf Altenpflege um; der überschuldete Biobauer Kreitmeier (C. C. Weinberger herrlich um einen Rest an Anständigkeit ringend) widmet sich dem Strickzeug wie einst die Grünen auf ihren Parteitagen - und sagt "wir schaffen das".

Zwischen Hilflosigkeit und hintersinniger Listigkeit tappt der Großvater durch das Stück. Der Profi-Mime Michael Altmann (73) verkörpert genial den greisen Senior, der zunächst seine Umgebung mit Eulenspiegeleien nervt ("der alte Depp muss aus dem Haus"), dann die Verschlagenheit und Unmenschlichkeit des Viehhändler-Ehepaars Haslinger enttarnt. Die strategische Raffinesse des Großvaters ist gepaart mit Szenen von erbarmungswürdiger Hilflosigkeit.

Norbert Heckner ("Rosenheim Cops", "Bulle von Tölz", "Tatort") schlüpft in die Rolle des nur auf "Profit-Maximierung" bedachten Haslingers: Mit seiner gepunkteten Weste unter dem Trachtenjanker ist er der Biedermann schlechthin. Die Regensburgerin Nikola Norgauer spielt an seiner Seite die Haslingerin: zuckersüß, geldgierig und triebhaft. Stark besetzt sind auch die weiteren Rollen mit der in Wien agierenden Schauspielerin Eva Bauriedl (Haslinger-Tochter Jackie), die mit ihrem weiten Herzen Sympathiepunkte sammelt und mit der Klamotte "Bienchen, Bienchen gib mir Honig" für Situationskomik sorgt. Benedikt Zimmermann (Bayerischer Theaterpreis 2012) sorgt als Elvis - Sohn des Biobauern - in roter Lackhose für jugendlichen Schwung und musikalischen Charme; der aus Straubing stammende Schauspieler Franz Josef Strohmeier gibt als Jo in Unterhosen den lässigen Fahrer des Haslingers.

Gewollte Parallelen


Das bizarre Wasserpistolen-Duell zwischen dem Biobauern und dem Viehhändler versinnbildlicht die Abnormalität der Handlung: ethische Skrupel gegen den Verkauf des Großvaters einerseits, und berechnende Benutzung des alten Menschen andererseits. Die Parallelen zum 21. Jahrhundert sind gewollt. Manche krachende Lacher weichen an dem lauen Sommerabend auf der Luisenburg einer selbstkritischen Nachdenklichkeit im Publikum.
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.