Raus aus dem Schatten

Die Schattenspieler von "Amazing Shadows" boten nicht nur lustige Geschichten dar. Sie thematisierten auch ernste Themen wie die Trauerbewältigung beim Verlust eines geliebten Menschen oder das Mobbing an Schulen. Bild: Kunz

Jeder kennt die Szenen. Hinter einer beleuchteten Stoffwand werden mit Handbewegungen Tiere oder Figuren kreiert. Es ist lang her, dass es Schattenspiele auf die Bühnen schafften. Den Tänzern von "Amazing Shadows" gelang es.

Ihnen gelingt es, ganze Geschichten künstlerisch wertvoll und abendfüllend allein mit ihren schattenwerfenden, menschlichen Körpern auf die Leinwand zu zaubern. Und das ist neu. Am Mittwochabend zeichnet das Ensemble mit vollem Körpereinsatz perfekte Bilder von Menschen, Pflanzen und Fabelwesen auf der Bühne. Ganz großes Theater. Es ist Tanz und Akrobatik, wenn diese Silhouette Performers, wie sich die Schattenleute von "Catapult" bezeichnen, mit gefühlter Leichtigkeit und unglaublicher Präzision Tiere, Menschen und Maschinen erscheinen lassen. Der kreative Kopf dahinter ist Adam Battelstein, der selber 20 Jahre lang Tänzer war und in der New Yorker "Carnegie Hall" Erfolge feierte.

Trauma-Bewältigung

Er ist der Choreograph. Aus seinen Ideen entstehen Geschichten, die von fantastischen Schattenmenschen umgesetzt werden. Die Handlungen sind nicht immer nur lustig. Mit dem Stück "Dream" bewältigt Battelstein beispielsweise den Tod seiner Eltern. Es geht um Abschied nehmen. Um die Verarbeitung von Verlust-Ängsten. Um einen Jungen, dem Spinnen und wilde Tiere nachts den Schlaf rauben, der im Traum seinen Eltern begegnet, sie aber wieder verliert, um sie schließlich in seinem Kopf einzuschließen. Auf diese Weise kann er ihnen nahe sein.

Wie ein Gemälde lässt er Vivaldis "Vier Jahreszeiten" vorüberziehen. Den Frühling mit Fröschen, den Sommer mit Stranderlebnissen, den Herbst mit fallenden Blättern und den Winter mit Weihnachtsstimmung. "Milestones" - ist ein Denkmal für die Opfer von Newtown. Er gedenkt der Schüler, die bei einem Amoklauf getötet wurden. Hier auf der Bühne lässt er sie das Leben leben, das ihnen nie ermöglicht wurde.

Battelsteins Choreographien berühren die Seele. Sie sind augenblicklich, mystisch, manchmal grausam. In Sekundenschnelle zerfällt die Berliner Mauer unter der Musik der Scorpions. Ein "Wind of Change" weht sie um. "Spy" schildert das Doppelleben einer Hausfrau, die im Nebenberuf Spionin ist. Sie erlebt Abenteuer, um abends pünktlich wieder am Herd zu stehen. Das dramaturgische Mittel sind die Körper der fünf Frauen und drei Männer, die erst am Ende sichtbar werden, wenn sie vor dem Publikum posieren. Es ist aber auch die Musik. Manchmal werden Farben beigemischt. Meist immer dann, wenn sich die Protagonisten in den Weltraum entfernen. Sie tanzen vor Infrarot-Licht, um wie eingefroren zu wirken.

Bis zum Mond

Und sie zerbrechen sich den Kopf, wie man Mobbing in der Schule begegnen kann. Klassenkameraden werden als Drachen bloßgestellt. Ein Ball bringt die Lösung. Er impft dem Mobbing-Opfer Stärke ein. Kraft, die er braucht, sich zu wehren. Am Ende nimmt "Amazing Shadows" das Publikum mit auf eine Entdeckungsreise, die sie nach Italien, in den Orient und bis hinauf zum Mond führt.
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