Raus aus der Isolation

Was vor zwei Jahrzehnten noch ein Experiment war, ist heute normal. Psychisch Kranke sollen nicht jahrelang in stationären Einrichtungen versteckt, sondern in Wohnumgebung zu selbstständigem Handeln geführt werden. Damit dies gelingt, braucht es viel Unterstützung.

(sbü) Der Dienst "Ambulant betreutes Wohnen" von der Dr. Loew Soziale Dienstleistungen GmbH & Co. KG widmet sich dieser Aufgabe. Jetzt feierte er sein 20. Jubiläum.

Wer die Situation psychisch Kranker kennt, weiß, wie schwierig es für diesen Personenkreis ist, den Alltag selbstständig zu bewältigen. Eine Betroffene erzählte: "Ich habe wochenlang mein Geschirr nicht mehr gespült. So hatte ich keine sauberen Teller mehr und habe auch nichts mehr gegessen." Was für viele Menschen zu den einfachsten Dingen des täglichen Lebens gehört, schaffen psychisch Kranke oftmals nicht mehr. Noch viel schwieriger wird es, wenn Einkäufe oder Behördengänge erledigt werden müssen oder sogar ein Arbeitsplatz ausgefüllt werden muss.

Lange Zeit wurden deshalb viele Betroffene über Jahre in stationären Einrichtungen versorgt. Dass heutzutage der Grundsatz "ambulant vor stationär" möglichst häufig umgesetzt werden kann, dafür sorgt der Dienst "Ambulant betreutes Wohnen" der Dienstleistungsgruppe Dr. Loew. "Unser Ziel ist es, Kranke bei einer weitgehend selbstbestimmten und selbstständigen Lebensführung zu unterstützen." So beschreibt Thomas Hammer, Leiter der Einrichtung Ambulant betreutes Wohnen, diese Aufgabe.

Feier im Schätzlerbad

Dass diese Arbeit fast immer eher im Stillen und im Hintergrund abläuft, sei für jedermann verständlich, berichtet er auch. Doch jetzt, anlässlich ihres 20-jährigen Jubiläums, konnte sich seine Organisation einer breiten Öffentlichkeit präsentieren. Sie machte es mit einer beeindruckenden Geburtstagsfeier in stimmungsvoller Naturumgebung auf den Terrassen der Schätzlerbad-Gaststätte. Sehr viel war bei dieser Veranstaltung über die Arbeit mit und für psychisch Kranke zu erfahren. "In der Arbeit mit psychisch Kranken lernt der Betreuer jeden Tag etwas Neues", berichtet Einrichtungsleiter Hammer. Echte Hilfe könne nur derjenige geben "der sich auf die Kranken einlässt".

Dass es dabei auch eine gute Kooperation mit dem Bezirksklinikum Wöllerhof gibt, berichtete Oberärztin Dr. Melanie Würth von der Psychiatrischen Institutsambulanz des Bezirksklinikums. Sie lobte die Einrichtung Ambulant betreutes Wohnen als "festen Bestandteil im Leben vieler psychisch Kranker". Sandra Loew von der Geschäftsführung der Dr. Loew Soziale Dienstleistungen GmbH & Co KG stellte fest, dass der Stellenwert der Begleitung psychisch kranker Menschen in der Gesellschaft erheblich gewachsen ist.

Damals fast revolutionär

Aus der "Geschichte des Jubilars" berichtete Bereichsleiter Klaus Meierhöfer. "Als wir 1995 die ersten sechs Wohnplätze eingerichtet haben, war dies fast noch ein revolutionäres Konzept." Zwischenzeitlich verfügt die Einrichtung über 50 betreute Plätze, die von 10 Fachkräften betreut werden. 250 Kranke seien bisher versorgt worden. Die Erfolgsquote liege bei 80 Prozent. Dass auch in Zukunft diese Einrichtung von der Stadt Weiden und dem Bezirk Oberpfalz unterstützt werde, versprach Lothar Höher als Bürgermeister und Bezirkstagsvizepräsident. Höher plädierte auch dafür, "psychische Erkrankungen aus dem Tabubereich herauszuholen". Abgerundet wurde die Feier durch eine Vernissage mit Bildern und Skulpturen psychiatrieerfahrener Künstler sowie durch Aline Bernardo mit Gitarrenklängen.
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