Schwerelosigkeit am Klavier

Keine Angst, Steinway & Sons: Sa Chen attackiert keinen Flügel - auch nicht bei Rachmaninoff. Sie sieht ihn als Musizierpartner. Bild: Kunz

Vorsprung durch Technik - nichts ist unmöglich: Das demonstriert die 35-jährige chinesische Pianistin Sa Chen am Freitagabend beim Förderkreis für Kammermusik in der Max-Reger-Halle.

Besonders bei Rachmaninoffs Sonate b-Moll op. 36 geistern einem diese Leitsprüche durch den Sinn. Für die Notation braucht es nicht selten drei statt der zwei gebräuchlichen Notenzeilen. Doch können alle Konzertbesucher bezeugen, dass Frau Sa Chen wirklich nur mit zwei Händen, zehn Fingern und reichlich Pedal Musik macht. Der pianistische Aufwand dieses Opus scheint jedoch die musikalische Substanz zu überfluten. Bei der Laudatio ihres Werdegangs sollte das Management der Künstlerin dennoch auf dem Boden der Tatsachen bleiben. "Die erste Pianistin aller Zeiten, welche die bedeutendsten internationalen Wettbewerbe für Klavier gewann", heißt es vollmundig im Programm. Eine Recherche korrigiert das so: Leeds-International-Piano-Competition 1996: 4. Platz; Chopin-Piano-Competition 2000: 4. Platz; Van-Cliburn-Piano-Competition 2005: 3. (nicht 1.) Platz; ARD-Wettbewerb: Fehlanzeige.

Fotografisches Gedächtnis

Die manuelle Begabung und/oder der Fleiß von Sa Chen lassen jedenfalls die technischen Herausforderungen dahin schmelzen wie den Schnee in der Februarsonne. Mit Leichtigkeit, ohne spür-, hör- oder sichtbaren Stress, mit einem fotografisch genauen Gedächtnis und gusseisernen Nerven - die Mikrofone von BR Klassik lauschten mit - musiziert sie ihr Programm von Romantik und Impressionismus bis zu zaghaft verhaltener Moderne. Zu Beginn steht Chopins Prélude cis-Moll op. 45, quasi ein Duo für Harfe und Flöte, gestaltet mit poetischer Agogik, die Kadenz gerät etwas beiläufig. Attacca angefügt Prélude, Choral et Fugue von César Franck, in seidig schimmerndes Licht getaucht, weich artikuliert, ohne pianistisches Schwermetall. Die Mittel- und Unterstimmen, die differenzierten Pianissimo-Farben sind nicht immer plastisch heraus modelliert und ausgekostet.

Dieser Grundtenor passt hervorragend zu Debussys Rêverie und zu den drei Images II: Mystische, ätherische, überirdisch-transzendente Stimmungen werden selbst im nüchternen Konzertsaal (glückliches Weiden, er steht und klingt seit 1992) erfahrbar, auch wenn die Hörweite im dichten Pedal-Nebel bisweilen etwas gering wird.

Pulsierende Klangflächen

Selten hört man Stücke von Autoren der hochstehenden Kulturnation China. Sa Chen spielt von Xiaohan Wang (*1980) die "Inspiration by Chinese Painting" von 2004. Sie scheint über pulsierenden Klangflächen im Freien zu spielen, Licht und Luft zu atmen. Die pentatonischen Zitate chinesischer Volksmusik erkennen wir, ihre Bedeutung bräuchte Erläuterungen.

Von vielen und hochprozentigen Tönen berauschter Applaus, zwei charmant und suggestiv gespielte Zugaben, die erste zum neuen chinesischen Jahr im Zeichen der Ziege, das am 19. Februar begonnen hat. Auf ein gutes Neues!
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