Sigrid Damm liest aus ihrem Buch "Sommerregen der Liebe"
Liebe in der Weimarer Klassik

Die Autorin Sigrid Damm liest in der Buchhandlung Rupprecht aus ihrem Buch "Sommerregen der Liebe". Bild: Helmut Kunz

Sigrid Damm gibt in ihrer Lesung einen eigenartigen und einzigartigen Einblick in die Beziehung zwischen Johann Wolfgang von Goethe und Frau von Stein. Der Briefwechsel des 26 Jahre jungen Juristen mit der sieben Jahre älteren Charlotte von Stein gehört zu den schönsten Zeugnissen der Weimarer Klassik.

Im Sommer des Jahres 1775 bekommt Johann Wolfgang von Goethe die Silhouette der ihm damals noch unbekannten Charlotte von Stein in die Hand und schreibt darunter: "Es wäre ein herrliches Schauspiel zu sehen, wie die Welt sich in dieser Seele spiegelt." Drei Monate später tritt der junge Dichter, berühmt geworden durch seinen "Werther", den Dienst in Weimar an, und lernt Frau von Stein kennen.

Sigrid Damm hat sich spätestens seit ihrer Recherche über Goethe und Christiane Vulpius und seit ihrer Schiller-Biografie als Kennerin des klassischen Weimar ausgewiesen. Sie hat Goethes Briefe an Frau von Stein gelesen, ist den Spuren darin nachgegangen und hat nicht nur diese eigenartige und einzigartige Liebesgeschichte in schönen Sprachbildern in ihrem Buch "Sommerregen der Liebe" an ihre Leser vermittelt, sondern zugleich ein Porträt des jungen Goethe gezeichnet. Am Montagabend las sie in der Buchhandlung Rupprecht in Weiden.

Junger Wilder


Den Dichter Goethe kennt Frau von Stein. Denn sie hat den Werther gelesen und ist mit der darin dargestellten Beziehungsproblematik durchaus vertraut. Doch mit der "überbordenden Vereinnahmung" durch den jungen Berater des noch jüngeren Fürsten Carl August hat sie nicht gerechnet. Sie ist sieben Jahre älter als er, hat sieben Kinder geboren, genießt als Hofdame an der Seite der jungen Herzogin Louise höchstes Ansehen. Goethe geht aufs Ganze und wird von ihr zurückgewiesen. Sie sucht sich eine Rolle, hinter der sie sich verschanzen kann und die das tägliche Zusammensein möglich macht. Sie wird die Bildnerin und Erzieherin des ungebärdigen jungen Wilden, dem sie vorwirft, dass er den jungen Herzog verderbe. "Und nun, sein unanständiges Betragen, sein Fluchen mit pöbelhaften niedern Ausdrücken." Frau von Stein wird diesen Bürgerlichen für den Weimarer Hof zurecht schleifen.

Goethe seinerseits zieht, das weisen die zitierten Beispiele nach, alle Register. Die Attribute sind überschwänglich, die Metaphern übersteigern sich bis dorthin, wenn er schreibt, von Stein sei in abgelebten Zeiten seine Schwester oder seine Frau gewesen. Charlottes Antworten sind nicht bekannt. Sie hat später ihre Briefe zurückgefordert. Ihre Reaktionen können nur aus Goethes Erwiderungen vermutet werden. Der Briefwechsel verlässt schwärmerische Höhen und ergeht sich im Alltag. Das Ritual gemeinsamen Essens spielt eine große Rolle. Er kümmert sich auch um ihre Kinder, hilft beim Umzug in ein neues Haus. Goethe fühlt sich wie "ein ehemännischer Liebhaber", spricht in diesem Zusammenhang sogar vom Sakrament ihrer Ehe.

Jede Spur verfolgt


Sigrid Damm ist jeder einzelnen Spur nachgegangen in diesem Dickicht der Gefühle, zwischen himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt. Wie Leuchtpunkte stehen darin Geeichte, die Goethe der Geliebten widmet, zum Beispiel das berühmte "Wanderers Nachtlied". Und doch: Die Unmöglichkeit einer Beziehung zu Frau von Stein, die nun schon zehn Jahre währt, geht einher mit der Erkenntnis, dass er so gut wie nichts geschrieben hat in dieser Zeit. Die Geschäfte als Mitglied des Fürstlichen Conseils nerven ihn. Zudem weist ihn Charlotte massiv zurück und schweigt.

Zweimal bittet Goethe die Geliebte um Urlaub. Während eines Kuraufenthalts in Karlsbad entschließt er sich, kehrt nicht mehr nach Weimar zurück, sondern reist nach Italien. Dort wird er zu neuer Lebenslust finden, zu Kunstgenuss. "Schuppenweise" fällt es ihm von den Augen. Er sei von einer ungeheuren Leidenschaft und Krankheit geheilt. Sei wieder zu Lebensgenuss, zum Genuss der Geschichte, der Dichtkunst und der Alterthümer genesen. Aufgeben will er die Beziehung nicht. Nach seiner Rückkehr aus Italien wird er Christiane Vulpius kennenlernen, mit ihr eine Verbindung eingehen. Der Briefwechsel mit Frau von Stein wird Geschichte.

Sigrid Damm hat Goethe einmal mehr von der Denkmal-Patina befreit. Die Menschen in diesem Buch sind keine Standbilder, sind lebendig, leiden, machen sich vielleicht auch schuldig. Das wirkliche Weimar wird lebendig.
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