Spannungsgeladene Exkursionen

Im Sommer erhält Ralph Towner (links) bei der "Jazzopen Stuttgart" die "German Jazz Trophy" für sein musikalisches Lebenswerk. Mit seiner Gruppe Oregon sorgte er beim Jazz-Zirkel für einen musikalischen Höhepunkt. Bild: Reitz

Seit mehr als vier Jahrzehnten verbinden Jazz-Liebhaber mit Oregon nicht den amerikanischen Bundesstaat, sondern ein Quartett, das sich als Grenzgänger zwischen Klassik, Jazz und Folk einen herausragenden Platz in der Musikgeschichte geschaffen hat.

Ralph Towner und Paul McCandless prägen den Sound der Gruppe. Schon ihre Instrumente sind im Jazzkontext ungewöhnlich: eine Konzertgitarre, gespielt mit klassischer Anschlagtechnik, sowie Oboe und Englischhorn, die in der Jazz-Historie nur gelegentlich eine Nebenrolle einnehmen. Am Sonntag gastierte die Formation beim Weidener Jazz-Zirkel.

Ralph Towner spielt die ersten Töne auf seiner Gitarre, der Bass gesellt sich dazu, fast zaghaft dazwischen Einwürfe auf den unterschiedlichsten Perkussionsinstrumenten, dann langgezogene Melodielinien auf dem Sopransaxofon - so beginnt das Konzert in der Max-Reger-Halle - und schon ist er da, der unverkennbare Sound von Oregon! Das Publikum ist vom ersten Ton an gefangen von der einzigartigen Klangwelt, dicht und luftig zugleich, raffinierte Arrangements einerseits, freie, aus dem Augenblick entstehende Klänge als Gegenpol. Hier sind sie wieder: Themen die unter die Haut gehen, altbekannt und doch immer wieder völlig neu!

Harmonik und Rhythmik

Ein Geheimnis liegt wohl in der raffinierten Instrumentierung der Kompositionen, die meist aus der Feder von Ralph Towner bzw. Paul McCandless stammen. Towner wechselt zwischen Gitarre und Konzertflügel, setzt aber auch mal ein Keyboard mit Samples ein, und am Konzertende kommt sogar noch eine futuristische Elektrogitarre zum Einsatz.

Paul McCandless ist Herr über ein ganzes Arsenal von Blasinstrumenten: Oboe und ihr tieferer Bruder, das Englischhorn, als Exoten im Jazz, Bassklarinette, Sopran- und Sopraninosaxofon sowie diverse Flöten erweitern das Klangspektrum immens, und gelegentlich werden sogar die Mundstücke als Klangerzeuger eingesetzt. McCandless ist ein Virtuose auf diesen Instrumenten und hat im Bereich der Klassik mit vielen großen Orchestern zusammengespielt. Sein klassisch geprägter Ansatz kontrastiert zur Harmonik und Rhythmik des Jazz, und der ständige Wechsel zwischen den Instrumenten steigert die Spannung. Ohne Probleme springt er zwischen den unterschiedlichsten Tonarten, die für Bläser oft problematisch sind, hin und her. Sein Motto: "Ein guter Musiker kann in jeder Tonart spielen!"

Mark Walker ist nicht ein herkömmlicher Schlagzeuger, sondern versteht sich eher als Perkussionist. Mit den unterschiedlichsten Trommeln, Becken, Rasseln, Glöckchen kommentiert, akzentuiert und koloriert er die Kompositionen. Er wechselt zwischen Besen, Stöcken und Schlägeln, gelegentlich schlägt er seine Trommeln auch mit den Händen an, alles höchst musikalisch, nie aufdringlich.

Folk und Jazz-Rock

Neu in der Gruppe ist der italienische Bassist Paolino Dalla Porta, der bei der aktuellen Tournee Gründungsmitglied Glen Moore ablöst. Er fügt sich so harmonisch in das Gruppenkonzept ein als wäre er schon immer dabei und verfügt über eine hervorragende Technik. Sein Vorliebe für die tiefen Lagen gibt der Gruppe eine solide Basis, unisono Passagen von Gitarre und Bass werden bravourös gemeistert. Man kann kaum glauben, dass Weiden erst die dritte Station dieser Tournee war. Oregons Repertoire setzt sich aus neuen und alten Kompositionen zusammen. Ralph Towners "Anthem" erinnert an einfache Melodien aus der Folksong Tradition, ein Hauch von "Greensleeves" swingt hier mit, aber die Ausführung ist hochvirtuos!

Auch eine freie Improvisation ohne Absprachen steht im Programm. Sie beginnt als imaginärer Soundtrack im Regenwald: Synthesizer und Perkussion, außergewöhnliche Klänge auf Mundstücken oder unkonventionelle Bogentechniken münden in einem swingenden Riff, das an Herbie Hancocks "Headhunters-Phase" erinnert.Gegen Ende des Konzertes greift Towner auch zur E-Gitarre und Erinnerungen an Joe Zawinul und Wayne Shorter mit ihrer Gruppe "Weather Report" werden wach. Nun kann Mark Walker zeigen, dass er auch das herkömmliche Drumset im Jazz-Rock Metier souverän beherrscht.

Unvergesslicher Abend

Das enthusiastisch klatschende Publikum im voll besetzten Saal bekommt als Zugabe noch einen echten Ohrwurm, der seit Jahrzehnten immer wieder im Repertoire von Oregon auftaucht. "Witchi-tai-to" von Jim Pepper - und hier brilliert Paul McCandless auch mit einem herrlichen Flötensolo. Ein unvergesslicher Konzertabend mit Weltstars im 40. Jubiläumsjahr des Jazz-Zirkels!
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