Teil der Berliner Mauer soll vor dem Reichstag neu errichtet werden
Die Mauer muss weg: Prem, übernehmen Sie!

Prems Bagger haben 1991 vor dem Reichstag alle Schaufeln voll zu tun. Repro: Götz
Kultur
Weiden in der Oberpfalz
17.10.2014
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Auf rund 120 Kilometern Länge bauten Prems Leute die Mauer ab, um sie größtenteils zu schreddern und für den Straßenbau wiederzuverwerten. Zum Trupp zählten auch ehemalige Volkspolizisten der DDR.

Der größte Mauerspecht kommt aus Weiden. Zwischen 1990 und 1992 reißt Winfried Prem die Berliner Mauer nieder. Demnächst will der 65-Jährige sie wieder aufbauen. Zumindest ein Stück - direkt vor dem Reichstag.

Schön sind diese Denkmäler nicht. Schmutziger Beton, je 3,60 Meter hoch und einen Meter breit, löchrig, beschmiert, abgewetzt. Einst stolzer "antifaschistischer Schutzwall", dann sperriger Bauschutt, jetzt Überbleibsel der deutsch-deutschen Geschichte, die an mehreren Stellen Weidens aufragen. Zwei Mauerteile stehen sinnigerweise in der Berliner Straße, einem Wohngebiet. Ein weiteres im Pausenhof des Augustinus-Gymnasiums. Und das vierte ist Blickfang vor einem Eigenheim im dörflichen Ortsteil Muglhof. Hier lebt Winfried Prem. Der Mann, der die Berliner Mauer einst zu Fall brachte.

Prinz Charles zum Staunen gebracht

Lang ist's her, und der 65-Jährige hat seine Geschichte schon gefühlte 1000. Mal erzählt, für Zeitungen, fürs Radio, fürs Fernsehen - "Amerikaner, Japaner, Holländer, alle waren hier". Bei Podiumsdiskussion, Empfängen und geselligen Abenden. Trotzdem erzählt er sie auch in der 1001. Auflage mit Leidenschaft und vollem Körpereinsatz. Die Augen funkeln, die Hände fuchteln, keine Sekunde steht Prem still, wenn er in der Zeit zurück und vor und vor und zurück springt. Plötzlich ist's wieder Dezember 1991, eine Mercedes-Limousine mit Polizeieskorte rollt auf die Baustelle in Berlin-Treptow: Prinz Charles will unbedingt den größten Mauerspecht kennenlernen. "Er hat gestaunt, als ich ihm erzählt habe, dass ich meine Maschine aus England habe." Den "Jungs" - William und Harry - schenkt Prem Spielzeugbagger und -kräne.

Einzige mobile Brechanlage in Bayern

Die englische Maschine ist der Grund für den spektakulären Berlin-Job. Eine mobile Brechanlage, damals die einzige in Bayern. Nachdem Prem damit das abgebrannte Ausbesserungswerk in Weiden zerschreddert hatte, brauchte sie neues Futter. Nach dem Tod von Rudolf Heß im Jahr 1987 spekuliert der Bauunternehmer eigentlich auf das nun nutzlose Kriegsverbrechergefängnis Spandau, doch der West-Berliner Senat lehnt ab. Bei der Gelegenheit spricht Prem jedoch auch im Ost-Berliner Bauministerium vor, äußert dabei mal kurz eine Schnapsidee: "Die Berliner Mauer - das wäre das optimale Futter ..." Sein Gesprächspartner winkt erschrocken ab: "Herr Prem, das werden wir beide nicht mehr erleben!"

Schnelligkeit überzeugt

Knapp drei Jahre später erlebt die ganze Welt das Undenkbare. Die Mauer muss weg. Gut, dass Prem seine Visitenkarte in Ost-Berlin ließ. "Wie schnell können Sie hier sein?", fragt der Anrufer von der Nationalen Volksarmee der DDR. "In ein bis zwei Tagen", antwortet Prem. Der Weidener hat den Job. Und er hat Glück: Bei einer öffentlichen Ausschreibung nach der Wiedervereinigung "hätte ich keine Chance gehabt".

So ist es ein Millionengeschäft. In den folgenden beiden Jahren bricht der Oberpfälzer zwei Drittel der Mauer ab, mit U-Eisen verbundene Elemente von insgesamt rund 120 Kilometern Länge, dazu Lkw-Sperren und Wachtürme. Die insgesamt 180 000 Tonnen Schotter dienen als Untergrund beim Straßenbau. 21,50 Mark bekommt Prem für die Tonne. Ein Berliner Konkurrent besucht den Mann aus Bayern auf der Baustelle, winkt ihn zu sich, öffnet einen Koffer. 1,5 Millionen Mark in gebündelten Scheinen. "Insgesamt sollte ich 7 Millionen bekommen, wenn ich den Auftrag abgebe."

Prem denkt nicht dran. Er legt sich eine zweite Brechmaschine zu. Eine mahlt nun in Berlin-Schönwalde, die andere bei Schönefeld. Ironie der Geschichte: Die vormaligen Barrieren helfen beim Brückenschlag - Mauerschutt füllt die Gräben zwischen Ost und West. Dazu passt, dass der Unternehmer zum Abbau der Segmente ehemalige Volkspolizisten rekrutiert. Insgesamt 30 Beschäftigte arbeiten für Prem in Berlin, 50 weitere in Weiden. Es waren die besten Jahre.

In der Heimat Oberpfalz ausgenutzt

"Ich hätte in Berlin bleiben sollen", sagt der 65-Jährige und lächelt gequält. Ausgerechnet daheim in der Oberpfalz ging alles in die Binsen. Bei einem Großauftrag "war ich zu gutmütig", bedauert Winfried Prem. "Man hat mich ausgenutzt." Vor zwei Jahren sprang er gerade noch einmal dem Tod von der Schippe: Bei einem schweren Unfall hatte er eine Gehirnblutung erlitten. Vollständig genesen, sei er heute froh und zufrieden, betont er. "Am schönsten ist es, wenn ich Musik spiele." Mit seiner Quetsch'n tritt Prem landauf, landab als Alleinunterhalter auf. "Ich bin ein Stehaufmännchen. Wenn nichts mehr geht, kann ich immer noch Musik machen."

Denkmal vor Reichstag

Seine Zukunftsmusik allerdings hat wieder mit der Vergangenheit zu tun. Mit der Mauer. Der Mann hat noch Träume. Zum Beispiel den von einem mobilen Mauer-Museum, einem Truck voller Erinnerungsstücke an die deutsche Teilung. Den könnte er eigenhändig zu Schulen steuern, sagt Prem. Einige Mauerelemente hat er nicht geschreddert, sondern gespendet - etwa eben ans Augustinus-Gymnasium oder den Weidener Kunstverein -, einige weitere hat er noch in seinem Besitz. Wie viele und wo, das verrät der Muglhofer nicht. Eines jedenfalls will er demnächst zurück nach Berlin bringen.

Mail an Kanzlerin Angela Merkel

Deshalb hat Winfried Prem kürzlich die Kanzlerin angemailt. Sein Angebot: Vor dem Reichstag könnte er ein schön erhaltenes Mauerteil aufstellen lassen. Wetterfest bedruckt werden soll es mit einem Kunstwerk des Neustädter Malers Ernst Umann, der Prems Mauer-Geschichte bildlich aufgerollt hat. Die Silhouette Berlins, davor Prems Bagger, die sich durch die Mauer fressen, daneben das Konterfei von Prinz Charles, und im Zentrum der Schriftzug "Prem Bau Recycling". "Damit", sinniert Winfried Prem, "könnte ich mir mein Denkmal setzen."
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