Thomas Gottschalk landet mit seiner Autobiografie "Herbstblond" einen absolut amüsanten ...
Festmahl für die Fangemeinde

Er kann nicht nur reden, er kann auch schreiben. Thomas Gottschalk hat mit seinen Erinnerungen auf Anhieb die Bestsellerlisten gestürmt. Ein verdienter Erfolg für den Entertainer im Herbst seiner Karriere. Bild: dpa
Nein. Den Literaturnobelpreis wird Thomas Gottschalk für "Herbstblond" keinesfalls gewinnen. Auch für den Büchnerpreis kommt die Autobiografie des berufsjugendlichen Entertainers sicher nicht in die engere Auswahl. Der Otto-Normal-Leser hingegen, der dem inzwischen 65-Jährigen wohlgesonnen gegenübersteht, wird das beste Prädikat vergeben, das abseits akademisch geprägter Gremien möglich ist: "Dieses Buch hat allerhöchsten Unterhaltungswert."

Gottschalks Deutschlehrer hat einst die germanistischen Fähigkeiten des damals 17-jährigen Gymnasiasten mit den Worten beurteilt: "Sie verstehen es meisterhaft, eine weitgehende gedankliche Leere durch sprachlich hohes Niveau zu überdecken." Das sprachliche Niveau hat "Thommy" eine traumhafte Karriere in Rundfunk und Fernsehen beschert. Und was die gedankliche Leere angeht: Man sucht sie in diesem erstem literarischen Gehversuch vergeblich. Der Mann hat etwas zu erzählen.

Keine Langeweile

Wie die meisten Autobiografien beginnt auch diese mit Kindheit und Jugend des Autors. Doch Gottschalk langweilt den Leser nicht mit uninteressanten Verflechtungen oder Gefühlsduseleien, sondern wählt prägnante Ereignisse aus, die man begierig aufsaugt. Ein Beispiel: Während sich seine Klassenkameraden Schlaghosen und Beat-Stiefel besorgten, klaubte sich der damals nicht gerade mit Reichtum gesegnete Teenager aus Pappkartons irgendwelche Kleidungsstücke, die anderen nicht mehr gut genug waren. Er kombinierte den Kram mit ein paar Teilen, die er sich leisten konnte, und tat so, als sei er modisch der Zeit voraus: "In der Kleinstadt und mit meiner Klappe ging das. In München wäre ich ein Clown gewesen, in Kulmbach war ich ein Exot."

Gottschalk ist das Lebensglück im Laufe der Zeit mehrmals in den Schoß gefallen. Doch der Erfolg kam nicht einfach zu ihm, er rannte ihm nach. Mit unerschütterlichem Selbstbewusstsein und freundlicher Frechheit kletterte Gottschalk eine Sprosse um die andere die Karriereleiter hoch. Eigentlich wollte der angehende Abiturient Journalist werden, doch ein Aufenthalt in "Swinging London" versetzte ihn in einen Traum-Zustand, aus dem er nach eigenen Worten bis heute nicht erwacht ist. Er fasste den kühnen Plan, dass Beatles, Rolling Stones oder Pink Floyd die deutschen Radiosender erobern sollten, deren "Verwaltungsbeamte" eher auf Schlager, seichten Pop, Volksmusik und Orchester-Sound setzten.

Schnippischer Dandy

Bei einem Nachwuchswettbewerb des Bayerischen Rundfunks beeindruckte Gottschalk, der daraufhin einen Fragebogen zugeschickt bekam, mit dem er sich bewerben sollte. Doch statt zu antworten, strich er die meisten Punkte durch: "Man hört es eurem Programm an, dass ihr die, die es machen, per Fragebogen gefunden habt." Der schnippische Dandy bekam den Job. Der Rest ist Rundfunk- und Fernsehgeschichte.

Mit feiner Selbstironie stellt der sympathische Aufschneider fest, dass die "Bild"-Zeitung nur drei Menschen in den Titanen-Status erhoben hat: Oliver Kahn, Dieter Bohlen und eben jenen Thomas Gottschalk, der richtigerweise erkennt, dass dieser Titel nichts mit ausuferndem Intellekt zu tun hat, aber immerhin den Zuspruch der Massen signalisiert. Man nimmt es ihm ab, dass er keinen Fan zurückweist, der ihn auf der Straße anspricht. Zwar nervt ihn allzu große Vertrautheit völlig Fremder, doch er weiß, wem er Erfolg und Wohlstand zu verdanken hat.

Gottschalk lässt den Leser Platz nehmen auf der "Wetten, dass..?"-Couch neben einem orientierungslosen Peter O'Toole, einem schüchternen Michael Jackson, einem pöbelnden Götz George, einem gut gelaunten Rod Stewart, einer zickigen Madonna oder einem entspannten Bill Gates. Unumwunden gibt der schriftstellerische Novize zu, dass mancher Karriere-Knick seine Ursache in einer "gewissen Selbstüberschätzung" hat. Und dank einer gewissen analytischen Intelligenz war Gottschalk seit längerem bewusst, dass sich der Samstagabend-Dampfer zum sinkenden Schiff entwickelt, und er tüftelte an einer Ausstiegsstrategie.

Der schlimme Unfall von Samuel Koch, der sich beim Sprung über ein fahrendes Auto eine Querschnitt-Lähmung zuzog, beschleunigte den Denkprozess. Dass Gottschalk seither nicht mehr im medialen Mittelpunkt steht, scheint ihm wenig auszumachen. Ganz weg ist er nämlich trotzdem nicht, ob mit seinem Freund Günther bei "Gottschalk und Jauch gegen alle" oder als Moderator seiner eigenen Geburtstagsshow bei RTL. Das familiäre Fenster macht Gottschalk in diesem Buch nur ein Stück weit auf, setzt sich allerdings kritisch mit der kapitalistisch geprägten Gesellschaftsordnung seiner amerikanischen Wahlheimat auseinander, in der es zwar großartige Angebote in Bildung, Medizin und Kultur gebe, "aber eben nur für die, die sich das auch leisten können. Die Politiker haben zwar die Glücksfindung ihrer Bürger in die Verfassung aufgenommen, aber sie sind bei der Suche danach wenig hilfreich."

Normales Geplapper

Der bodenständige Globetrotter weiß, dass er ein Goldkind ist, das aus seinem Talent etwas gemacht hat. Er mag die Menschen, und die Menschen mögen ihn. Gottschalk plappert mit den Großen der Unterhaltungsindustrie genauso ungezwungen wie mit Otto-Normal-Verbraucher in der Oberpfalz. Hier traf er übrigens vor Jahren einen Mann, der im Beisein der 30-jährigen Tochter stolz erzählte, dass der Showstar bei der Zeugung der Dame sozusagen dabei war. Er könne sich aber leider nicht mehr erinnern, welchen Song der damalige Radio-König gespielt habe, "als er seiner Freundin auf einem dunklen Feldweg bei Weiden an die Wäsche ging".

Fazit: Wer mit der Kulmbacher Plaudertasche überwiegend nichts anfangen kann, braucht natürlich keine 19,99 Euro für objektiv belanglose 367 Seiten investieren. Wer allerdings Gottschalk über Jahre oder Jahrzehnte hinweg akustisch oder visuell regelmäßig in seine vier Wände gelassen hat, wird sich köstlich amüsieren über ein überraschend strukturiertes und originelles Werk.

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Thomas Gottschalk "Herbstblond" - Die Autobiographie, 19,99 Euro, Heyne-Verlag.
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