Todestag von Max Reger
Akkordarbeiter aus der Oberpfalz

Das Ehepaar Reger auf Distanz im Sommerurlaub 1906: Elsa Reger, Pudel Lackerle, Max mit "Hetzpeitsche". Bilder: Max-Reger-Institut, Karlsruhe/Stadtarchiv Weiden
Kultur
Weiden in der Oberpfalz
07.05.2016
194
0
 
Reger 1908 zu Hause im Leipziger Konservatoriumsrock.
 
"Ich habe genug": Max Reger auf dem Totenbett am 11. Mai 1916, mittags in Leipzig.
 
Hier schreibt ein Lehrerssohn. Sein Markenzeichen: Die Noten schwarz, die Vortragsbezeichnungen rot. Opus 52/2 entstand 1900 in Weiden.
 
Max Reger (links) 1890 im Alter von 17 Jahren, das "Karpfenmaul" (von Reger so benannt) ist schon unverkennbar. 1908: Regers legendärer Schalk konnte jederzeit unvermittelt ausbrechen (Mitte). Reger im April 1916 "Die tiefe, großartige Seite seines Wesens mit einer unheimlich trübenden Erdenqual vermischt" (Willy von Beckerath).

Paul Hindemith würdigte Max Reger als "den letzten Riesen in der Musik". Dieser Riese nannte seine großen Orgelwerke "Elefanten". Um Reger, Riesen und Elefanten soll es hier gehen, ihre Gewichtigkeit und Schwächen, ihre Autorität und Verletzlichkeiten, aber auch ihre Wirkung und Nachwirkungen.

Von Peter Donhauser

Auch der Riese Reger kam als Zwergerl zur Welt. Die Taufmatrikel in Ebnath vermerken: Reger Joannes Josephus Maximilianus, Dies natalis: Brand 19 Martii 1873. Brand, zum Glück gerade noch auf Oberpfälzer Terrain, wird seinen großen Sohn nicht vergessen: Das Geburtshaus existiert noch, im Rathaus gegenüber darf man das Max-Reger-Gedächtniszimmer mit kleinen, aber feinen Exponaten bewundern. Seit 2015 gibt es in der Kirche eine neue Weimbs-Orgel (20 Register, II Manuale, Pedal) mit deutsch-romantischer Disposition, mit Schwellern und allen nötigen Spielhilfen wie Walze und Setzer.

Der Vater bewirbt sich bald mit Erfolg an der Präparandenschule Weiden. Schon im Frühjahr 1874 tritt die Familie den Umzug mit Handwagen an, eine Bahnverbindung nach Brand wird es nur von 1890 bis 1984 geben. Joseph Reger (1847-1905) unterrichtet auch Klavier, Orgel und Harmonielehre, er gibt dem genetischen Potenzial von Max Futter. Die entscheidenden Impulse gibt allerdings der Lehrerkollege Adalbert Lindner (1860-1946), der zum Freund und Vertrauten Regers wird.

Besuch des Parsifals


Von 1885 bis1888 erteilt Lindner einen didaktisch-systematischen Klavierunterricht: Etüden, Bach, Mozart, Beethoven, Romantiker und Spiel von Klavierauszügen symphonischer Werke. Zum Initiationserlebnis wird für Max 1888 ein Besuch von Richard Wagners Parsifal und Meistersingern in Bayreuth. Reger: "Als ich den Parsifal gehört habe, habe ich 14 Tage lang geheult, und dann bin ich Musiker geworden."

1882 bis1886 besucht Reger die Realschule (jetzt Kepler-Gymnasium), dann die Präparandenschule. 1889 macht er die Aufnahmeprüfung an das Lehrer-Seminar in Amberg (jetzt Max-Reger-Gymnasium), die er souverän mit Hauptnote I in allen Fächern besteht. Erst mit dieser Absicherung gibt der Papa grünes Licht für das Studium bei Hugo Riemann ("Ich denke, der junge Mann hat Talent") in Sondershausen. Die Verbindung hat Lindner eingefädelt.

Ab Juni 1898 wohnt Reger nach dem gesundheitlichen und finanziellen Desaster im mondänen Wiesbaden wieder bei den Eltern im beschaulichen Weiden. Es sollen drei erstaunlich kreative und produktive Jahre werden, an deren Ende der Umzug der Familie nach München steht. Herausgehoben sei die Geburt der schon genannten "Orgel-Elefanten", der sieben grandiosen Choralphantasien, der "BACH" op. 46 und der Symphonischen Phantasie und Fuge op. 57. Schon in dieser Zeit pflegt Reger Kontakte zu regionalen Musikern wie dem Geiger Joseph Hösl aus Kaltenbrunn, der Werke uraufführt und Reger hilft, in München Fuß zu fassen.

Im August 1904 treffen wir Reger wieder in der Region an, diesmal in Amberg. Er unterbricht seinen Sommerurlaub, um bei der 12. Oberpfälzischen Kreislehrerversammlung zwei Konzerte im Stadttheater zu geben: Diesmal sind der in Nittenau gebürtige Sänger Joseph Loritz (München) und der aus Königstein stammende Georg Grosch (Nürnberg) dabei, es werden auch Lieder von Anton Beer-Walbrunn (1864-1929, geboren in Kohlberg) gesungen. Reger begeistert wieder einmal mit "wirklich glanzvoller, ungemein klarer und seelenvoller Vortragsweise" (Amberger Volkszeitung). Das Verhältnis Reger-Loritz ist nicht ohne Spannungen: Das "Milieu" in den Konzerten passt Reger nicht ("ich komme mir wie ein Narr vor"), ebenso wenig die von Regers Mutter erwünschte Rolle von Loritz als Schutz und Schirm vor Bier und Wein.

"Maks Röhkör"


Die Sprache Regers ist übrigens vom Oberpfälzer Dialekt geprägt: Unter seinen geliebten Sprachspielen findet sich die "fohn mühr örvuntenö neihe Wöldsprache" und er unterzeichnet mit "Ür örkäpentsdör Maks Röhkör". Das "oberpfölzer L" lässt grüßen.

Lindner hatte die Wurzeln für Regers Bach-Begeisterung gelegt, Riemann unterfüttert sie mit Theorie und Analyse. Bezüglich der Interpreten richtet sich der Blick des Katholiken Reger hin zu den protestantischen Organisten, deren Spieltechnik an Bach geschult war: "Der katholische Ritus verbietet jegliches virtuose Orgelspiel u. in den Orgelconcerten spielen die Herren gemächlich nur leichte Sachen." (1901) Die Anforderungen steckt er hoch: "Liszt muß einer gespielt haben, ehe er an meine 'Elefanten' gehen kann!" (1901)

Die schon erwähnten Choralphantasien bauen auf die Polyphonie Bachs, die Harmonik Wagners, verbinden Deutung der Choraltexte mit meditativem wie impulsiv-dramatischem Gestus. Sie erscheinen geradezu wie geistliche symphonische Dichtungen. Die klangliche Inspiration verdankt Reger Orgeln deutsch-romantischer Prägung wie die von Walcker in der Marktkirche Wiesbaden, (1863 erbaut, 53/III/P). Karl Straube wird Regers Werke an der Sauer-Orgel im Willibrordi-Dom Wesel spielen (1895, 80/III/P). Für die Steinmeyer-Orgel des Schützenhauses Meiningen (erhalten in der Weihnachtskirche Berlin-Spandau) entwirft Reger sogar die Disposition (50/III/P), für die Einweihung der größten Orgel Europas 1913 in der Jahrhunderthalle Breslau (Sauer, 200/V/P) komponiert er sein Opus 127. "Allein, warum bauen unsere großen Orgelbauer wie Sauer, Walcker ect. ect. solche Prachtwerke, solche mit allen möglichen Raffinements ausgestatteten Orgeln? Diese Möglichkeiten will ich nun voll u. ganz ausnützen. Daß dadurch das Werk an sich schon schwerer, complizierter wird, ist klar." (1899)

State of the Art der deutschen Ingenieurskunst, nämlich monumentale Orgeln mit leichtgängig zu spielender (elektro-) pneumatischer Register-Kanzelle, virtuose Spieltechnik und höchste Kompositionskunst deutscher Tradition treffen hier zusammen und setzen einen Kontrapunkt zur französischen Schule des Orgelbauers Aristide Cavaillé-Coll (mechanische Schleiflade) und zu Komponisten wie Widor und Vierne. Regers Werke polarisieren, verstören oder begeistern: Theodor Kroyer schreibt 1901 über Karl Straubes Konzert im Kaim-Saal München: [Reger sei] "schon heute unter den Vordersten der ersten Reihe ... mit souveräner Beherrschung aller Ausdrucksmittel eine beispiellose Kombinationskraft ... Er durchsetzt mit intensiver Wärme, das ist das echte signum ingenii, das ist Bach'scher Geist."

Der rasende Reisende


Mit reger Reisetätigkeit erwirbt Reger bald einen Ruf als versierter und virtuoser Pianist, der seine schweren Werke durchaus selbst aufführen kann. Der voll gepfropfte Konzertkalender einiger Jahre macht schier schwindelig. Seine Schwerpunkte sind Kammermusik mit Streichern, Liedbegleiter, vierhändiges Spiel und immer wieder Bachs Werke wie das "Wohltemperierte Clavier". Leider wird eine Schallplatteneinspielung Bachscher Musik kriegsbedingt nicht realisiert. Reger legt Wert auf "unakademisches" Spiel: "Bitte spielen Sie Bach nie nach Metronom! Vor Allem muß beim Bachspiel das Tempo so genommen werden, daß jede Figur ausdrucksvoll wird; in Folge dessen nehmen Sie ganz ruhig ihre Tempi! Frei, frei und frei Bach spielen, immer quasi una fantasia!" (1907). Max Brod hört ihn 1910 in Prag: "Reger spielte mit einer Zartheit, einer gottergriffenen Innigkeit, einer Feinheit und Präzision, wie ich zeitlebens nie wieder Klavier spielen gehört habe." Immerhin sind digitale Medien erhalten, 1904 spielt Reger Rollen für Welte-Mignon auf Klavier und Orgel ein. Das Verfahren speichert die Anschläge einschließlich Lautstärke auf Lochstreifen. Leider hat er nur kurze einfachere Stücke aufgenommen, doch vermitteln sie den "seelisch bewegten Vortrag", auf den er höchsten Wert legt.

"Bitte sei nicht böse"


Reger bezeichnet sich selbst vieldeutig als Akkordarbeiter, seine Arbeitsmanie wirkt sich allerdings zerstörerisch auf seine Gesundheit aus. Vor der Heirat schreibt er 1902 an seine künftige Frau Elsa: "Weißt mein liebes, herziges Schatzerl: ich bitte Dich jetzt schon: du darfst darüber nie böse sein, wenn ich sehr viel, sehr viel arbeite! Um 7 Uhr früh stehen wir auf; punkt 8 Uhr beginne ich zu arbeiten - bis 1 Uhr; dann essen wir zu Mittag; von 2-6 1/2 Uhr arbeite ich dann wieder; dann abendessen; von 7 1/2 Uhr bis 8 3/4 Uhr singen; von 8 3/4 Uhr bis 9 1/2 Uhr lesen wir zusammen u. dann arbeite ich noch bis nachts 12 Uhr. Bitte, bitte, bitte, sei über diese Zeitaufstellung nicht böse!"

Es wird keine so recht glückliche Ehe, auch die zwei Adoptivtöchter kitten sie nicht. Elsa Reger schreibt 1913: "Er kommt mir immer vor, als wenn er glaube, es steht jemand mit der Hetzpeitsche hinter ihm, so jagt er durchs Leben". Wie Bach, Brahms und Bruckner schreibt Reger keine Oper, wie Hugo Wolf oder Strauss keine große Sinfonie, sonst bedenkt er alle Gattungen: Orchester- wie Kammermusik, Orgel, Vokalmusik (Solo, Chorwerke), dazu kommt eine Unzahl an Bearbeitungen für Klavier: Diese leisteten damals dasselbe wie heute CD, Radio und Youtube: Musik kennenlernen und erleben. Faszinierend und einmalig sind Regers Autographe: Akkurat sauber geschrieben, die Noten mit schwarzer, die Vortragsangaben und Lautstärkeverläufe mit roter Tinte, letztere geben den Werken wesentliche Struktur. Den teuren Zweifarbendruck leistet sich leider kein Verlag!

Auch als Dirigent der Meininger Hofkapelle setzt Reger die Messlatte für sich und das renommierte Orchester sehr hoch und festigt dessen Ruf durch überbordende Tourneeaktivitäten. Die Dirigententätigkeit inspiriert ihn zu Orchesterwerken. Nach dem Regerfest Karlsruhe 1913 notierte er: "Das Publikum war äußerst animiert u. nach Schluss des Programms erhob sich ungeheuerer Applaus; ich hatte schon während des Konzerts viele Hervorrufe - am Schlusse wollten dieselben gar kein Ende nehmen." Seinen Arbeitgeber Herzog Georg II. "perhorresziert" er immer wieder mit Wünschen bezüglich der sozialen Absicherung der Musiker durch Auszeichnungen und Festanstellungen: "... ich fühle mich zu sehr als Vater der Hofkapelle und möchte meinen Kindern diese großen Freuden machen." (1912) Kein Wunder, dass das Orchester seinen strengen aber väterlichen Chef liebt und ihm nachtrauert.

Der verletzliche Riese


Regers Persönlichkeit vereint viele extreme Facetten: Da ist der aufmerksame Freund, der intelligente, geistreiche Autor, der gegenüber Kritik hochempfindliche Komponist (er versteckt sich gern hinter derben Witzen), der strenge herausfordernde Hochschullehrer, der rastlose disziplinierte Arbeiter. Er kann spontan, schlagfertig, penetrant fordernd, impulsiv bis cholerisch sein, aber auch resignativ bis depressiv. Er ringt ein Leben lang um den adäquaten Umgang mit Zigarren und vor allem Alkohol. So schreibt er 1899 an Joseph Hösl: "Ich fühle mich unter dem neuen 6. Kirchengebote: 'Du sollst nicht genießen, was Alkohol etc. enthält' sehr wohl".

Tragisch, mit einem nächtlichen Eklat bricht 1910 die Freundschaft mit dem Ehepaar Marteau: Reger war angetrunken und Blanche Marteau hört im benachbarten Hotelzimmer "daß Frau R. ihren Mann in aller Form verprügelt und mit Stühlen nach ihm geworfen" habe. Der Rückzug nach Jena 1915 soll Ruhe in dieses immer mit Vollgas gefahrene Leben bringen. Die letzte Fotografie vom April 1916 zeigt einen erschreckend verfallenen 43-Jährigen, der sich selber zeitlebens mit einer robusten Gesundheit gesegnet wähnt. In der Nacht zum 11. Mai 1916 verstirbt er im Hotel Hentschel in Leipzig an einem Herzschlag.

Lebensstationen19. März 1873 - März 1890 Brand und Weiden: Die Eltern erkennen das Talent von Max, der Weidener Lehrer Adalbert Lindner fördert und fordert es.

April 1890 - August 1890 Sondershausen: Hugo Riemann unterrichtet Reger in Theorie, Komposition und Klavier. Er nimmt ihn fürsorglich wie einen Adoptivsohn in seiner Familie auf.

September 1890 - Juni 1898 Wiesbaden: Max zieht mit den Riemanns als "Spezialschüler" in das Kurbad. Er erlebt Erfolge, Ablehnung, finanzielle Probleme, erkrankt und hat eine Lebenskrise.

Juni 1898 - August 1901 Weiden: Reger erholt sich im Elternhaus, in einer schöpferischen Phase entstehen auch die großen Choralfantasien, die "Elefanten für die Orgel".

September 1901 - März 1907 München: Reger scheint zwischen allen Stühlen zu sitzen, er polarisiert im Umfeld der konservativen Rheinberger-Schule und dem Opern- und Programm-Komponisten Richard Strauss

April 1907 - Oktober 1911 Leipzig: Erfolgsjahre: Der Universitätsmusikdirektor und Professor für Komposition erlebt einen Durchbruch - Reger erwirbt europaweit hohes Ansehen als Pianist.

November 1911 - April 1915 Meiningen: Als erfolgreicher Dirigent profiliert Reger sich und die Hofkapelle als herausragendes Team.

März 1915 - 11. Mai 1916 Jena: Der Gesundheit zuliebe reduziert Reger die Aktivitäten und konzentriert sich auf "Klasse statt Masse"

Weitere Informationen:

www.max-reger-institut.de www.max-reger-tage.de www.reger2016.de
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.