Untertan, Hochstapler, Übermensch: Journalist Rüdiger Schaper und Schauspieler Herbert Fritsch ...
Wildwest-Stimmung bei den Literaturtagen

Rüdiger Schaper (links) und Herbert Fritsch ziehen vor dem Winnetou aus Pappe ihre "Pistolen". Bild: Kunz
Da standen sie nun, die beiden Helden. Der edle Apachen-Häuptling Winnetou und sein treuer Blutsbruder Old Shatterhand. Zwei Werbe-Aufsteller aus dem Fundus des Weidener Neue-Welt-Kinocenters. "Wenn man anfängt, sich mit Karl May zu beschäftigen, ist man tief in der eigenen Jugend gefangen, es packt einen wirklich", sagt Rüdiger Schaper.

Der Kulturjournalist hat sich mit dem Phänomen Karl May intensiv beschäftigt. "Meine Generation ist über das Kino zu May gekommen, über Pierre Brice und Lex Barker", sagt er. "Es gab in jeder Familie damals natürlich auch die Bücher, aber ich hab die mit den Filmen gar nicht so sehr in Verbindung gebracht."

Zum 100. Todestag des Schriftstellers stellte Schaper bei den Weidener Literaturtagen am Mittwochabend im Medienhaus "Der neue Tag" sein Buch "Karl May - Untertan, Hochstapler, Übermensch" vor. Der Berliner Schauspieler und Dramaturg Herbert Fritsch, aufgewachsen in Neustadt/WN, las dazu Passagen aus den Büchern. Eine Szene aus "Winnetou I" spielten Cora Schön (als Nscho-tschi) und Helmut Urban (als Old Shatterhand) von den Karl-May-Festspielen in Dasing. Dort wird ab 7. Juli "Unter Geiern" gezeigt.
Scharper beschreibt den dornenreichen Weg eines Underdogs aus bettelarmen Verhältnissen zum Literatur-Popstar des Wilhelminischen Zeitalters. Er zieht in seiner Lesung Parallelen zwischen dem Mann aus Radebeul und dem 2010 verstorbenen Regisseur Christoph Schlingensief: "Sein geistiger Urgroßvater heißt Karl May. Das Treffen von Menschen unterschiedlichster Kulturen, das war Schlingensiefs Idee, und Karl May hätte dies nicht schöner einrichten können."

May, ein Autodidakt, ein Selfmademan, provoziert und spaltet: "Er hat glühende Anhänger und fanatische Feinde." May sei ein Christ gewesen, der sich sein eigenes Christentum zusammengebastelt habe, was ihm später große Probleme bereitete - in den Prozessen, die ihm so zugesetzt hätten. "Sein Glaube hatte buddhistische Elemente, und er bezog sich auch stark auf den Islam."

Eine wichtige Passage über Gläubige und Ungläubige, ein Gespräch zwischen Kara Ben Nemsi und seinem Diener Hadschi, zeichnete Herbert Fritsch in der fast atemlos vorgetragenen Szene aus "Durch die Wüste" nach. Beeindruckend, berührend und spannend zugleich war auch der zweite Text: die Sterbeszene des berühmten Häuptlings aus "Winnetou III". May war Fließbandarbeiter, sagt Schaper. Während der 35 Jahre seiner Schaffenszeit habe er täglich vier Seiten Text geschrieben. Alles per Hand. "Der physische Akt des Schreibens mit der Schlagzahl eines Karl May stellt jede Wüstendurchquerung auf dem Kamel in den Schatten." Der berühmte Jugendschriftsteller habe Reisen bis nach China beschrieben: "Dabei saß er bis vier Jahre vor seinem Tod nur an seinem Schreibtisch und hat sich das alles ausgedacht."

Was Schaper überhaupt nicht verstehen könne, sei, dass es May nie geschafft habe, als Literat anerkannt zu werden. "Der riesige Erfolg von 200 Millionen Exemplaren Weltauflage war ein Hindernis für viele Germanisten, ihn ernst zu nehmen."
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