Verfahren wegen Drogenmissbrauchs - Angeklagte mit ungewöhnlichen Lebensgeschichten
Crystal gegen Tumorschmerzen

Teufelszeug Crystal: Einer der Angeklagten brauchte am Ende 1 bis 2 Gramm pro Tag. Schon um diesen Eigenbedarf zu decken (Einkaufspreis 20 Euro pro Gramm) war der Handel mit dem Gift nötig. Bild: ggö

Der Handel und die Einfuhr von Crystal sind nichts Neues. Seit das weiße Teufelszeug auf Asiamärkten in Tschechien angeboten wird, überschwemmt es Bayern. Staatsanwalt Christian Härtl befasst sich seit Jahren damit. "Und es ebbt nicht ab." Ungewöhnlich (traurig) waren am Montag aber die Lebensgeschichten der Angeklagten.

Im Ablauf unterscheiden sich die Taten nicht von vergangenen Verfahren: Einer holte das Zeug über Waldsassen ins Land. Fünf Fahrten, insgesamt 300 Gramm. Die anderen drei Männer verkauften es für über 18 000 Euro - das Dreifache - in Franken. Alle vier sind selbst abhängig von Methamphetamin. Das Pulver hat ihrer aller Leben zerstört, das sie sich so mühsam aufgebaut hatten.

Der Elektriker (52), der das Crystal eingekauft hat, nahm es gegen seine Schmerzen. Der Nürnberger leidet seit 19 Jahren an Knochenkrebs, diese Woche wird ein Blasentumor entfernt. Er hat Metastasen vom Fuß bis zur Schulter. Er nimmt solche Mengen an Schmerzmitteln, dass ein Arzt sagt: "Wenn man das spritzt und nicht gewohnt ist, ist man tot." Vor 20 Jahren hat der zaundürre Angeklagte zudem einen dramatischen Arbeitsunfall erlitten. Er brach sich die Wirbelsäule und wurde 24 Mal operiert.

Mordanschlag auf den Vater

Und noch etwas sorgt für Aufmerksamkeit: Mit 17 Jahren hat der Nürnberger einen Mordanschlag auf den eigenen, gewalttätigen Vater verübt. Er wollte ihn mit dem Auto überfahren und wurde zu Sozialstunden verurteilt. Eine glückliche Kindheit kann er auch seinem eigenen Sohn nicht bieten, den er allein groß gezogen hat. Jetzt schreibt ihm der 15-Jährige Briefe aus dem Kinderheim in die JVA: "Er vermisst mich und ich ihn." Crystal bei Krebs? Dr. Thomas Wenske, dem stellvertretenden Leiter der forensischen Psychiatrie Erlangen, ist das schon öfter untergekommen: "Es kann tatsächlich sein, dass ich dann gar keine Schmerzen mehr habe."

Eine verkorkste Kindheit können auch die anderen drei Angeklagten bieten. Etwa der Iraker (36): als Dreijähriger verlassen von der Mutter, im Irak aufgezogen von einer Stiefmutter, die ihre eigenen Kinder vorzog. Herumgereicht unter Verwandten, die ihn auch nicht wollten. Mit 13 arbeitete er auf einem Friedhof, auf dem er am Ende wohnte. Der Bub baute sich dort einen Schuppen aus.

Nach dem Ausbruch des Bürgerkriegs kam er über die Türkei nach Deutschland. Allein, mit 17. Der Iraker lebte nie "vom Amt". Er arbeitete bei "Pizza-Hut", für Reinigungs- und Sicherheitsdienste gleichzeitig. Ab Anfang 20 nahm er gelegentlich Drogen. Als seine Partnerin ein behindertes Kind bekam und ihn am Ende verließ, stieg der Konsum rasant. Ab 2014 schnupfte er mehrere Lines am Tag. "Damit er alles vergessen könnte, sich ein paar Tage glücklich fühlen könnte", erklärt es der Psychiater.

Eltern nur von Fotos

Vor den Richtern Reinhold Ströhle und Peter Werner breitet sich viel Elend aus. Der Türke (39), der bei der Oma am Schwarzen Meer aufwuchs und die Eltern - Gastarbeiter in Deutschland - nur von Fotos kannte. Als sie ihn mit Zwölf nachholten, waren sie ihm fremd. Er machte sein Ding: Quali ohne Wiederholen, zuletzt Vorarbeiter in seiner Firma. Heirat, Kind, Eigentumswohnung. Als er sich 2011 ständig müde fühlte (unerkannte Diabetes), ließ er sich auf Speed ein. Vor seiner Festnahme 2014 schnupfte er täglich Crystal. "Jetzt läuft er Gefahr, alles zu verlieren", sagt Verteidiger Tobias Konze. Die Firma hat gekündigt. Die Frau überlegt eine Scheidung.

Beim Vierten im Bunde, einem Fürther, scheiterte ein Fußballmärchen: Als 20-Jähriger stand er kurz vor der Übernahme in einen Profiklub, als das Kreuzband riss. Es wäre ja auch zu schön gewesen: vom Underdog zum Fußballprofi. Der 46-Jährige wuchs mit sieben Geschwistern in einem sozialen Brennpunkt in Fürth auf. Bei einem Brand starb neben ihm sein Bruder an einer Rauchvergiftung. Wie alle Kinder des Viertels ging er zur Sonderschule. "Das hätte es nicht gebraucht", bezeichnet ihn Wenske als durchschnittlich intelligent.

Der Fürther schlug sich mit verschiedenen Jobs durch, hat zwei Kinder von verschiedenen Frauen, darunter eine Tochter mit Mukoviszidose. Seit 15 (!) Jahren konsumiert er fast täglich Crystal. Im Zwangsentzug der Haft leidet er an starkem Suchtverlangen. "Das ist eine Krankheit. Das muss man einfach so sehen", betont sein Anwalt Marc Steinsdörfer. Staatsanwalt Härtl hält dagegen, dass die Angeklagten am eigenen Leib wussten, was sie da verbreiteten.

Therapie statt Gefängnis

Die Männer - teils gar nicht oder kaum vorbestraft - sind geständig. Im Gegenzug verzichtet das Gericht auf den Vorwurf des bandenmäßigen Handelns. Die Hilfsstrafkammer verurteilt die drei Haupttäter zu Haftstrafen (4 Jahre 8 Monate bis 5 Jahre 8 Monate). Aber Ströhle ordnet die Unterbringung in einer psychiatrischen Klinik des Maßregelvollzugs an. Sprich: In wenigen Monaten treten sie eine zweijährige Zwangstherapie an. Der vierte "kleine Fisch" bekam 2 Jahre Haft "ohne", auf die eine halbjährige Therapie angerechnet wird.
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