Weidenerin Hannelore Hartwich berichtet über Nahtoderfahrung
"Dann kam der Herrgott zu mir"

Ihrem entspannten Lächeln ist nicht anzusehen, was Hannelore Hartwich in den vergangenen Wochen erlebt hat: Das Herz der Weidenerin stand still. Sie war klinisch tot. Ihr Bewusstsein aber lebte weiter, bis die 50-Jährige ins Leben zurückgekehrt ist. Seitdem denkt Hannelore Hartwich jeden Tag an ihre Nahtoderfahrung und dankt dem Herrgott sowie der Mutter Gottes in der Grotte im heimischen Garten für die Rückkehr in ihr altes Leben mit der Familie im Weidener Westen. Bild: Hartl
Kultur
Weiden in der Oberpfalz
24.06.2015
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"Ich habe mit dem Herrgott kommuniziert." Zehn Minuten lang hat Hannelore Hartwich ihn überredet, sie doch nicht mitzunehmen. Nun beschreibt die 50-Jährige, wie es ist, wenn der Tod einen holen will.

Sie hätte es wissen müssen, meint Hannelore Hartwich. Dieser Gesichtsausdruck des Arztes. Skeptisch, zögernd, zaudernd sei er ihr in Erinnerung. "In dem Moment hätte ich sagen sollen: Nein, danke. Lassen wir den Eingriff, ich fahre sofort heim." Hannelore Hartwich sagt nicht "Nein, danke". Wenige Minuten später ist sie klinisch tot. Es ist Montag, der 4. Mai 2015.

Es ist der achte Tag für die Weidenerin, die schon mehrere Bandscheibenvorfälle erlitten hat, in der Spezialklinik für Rückenbeschwerden in Oberbayern. Mit Ausnahme eines verlängerten Wochenendes erhält die 50-Jährige jeden Tag zwei Injektionen zwischen die verschiedensten Wirbel. "Infiltration" nennt sich das Verfahren, bei dem Medikamente gezielt in die schmerzenden Stellen an der Wirbelsäule gespritzt werden.

"Bereits am ersten Tag bin ich kollabiert", erinnert sich Hannelore Hartwich. Ihr Kopf ist heiß, die Glieder eiskalt. Schmerzen durchfahren den ganzen Körper. Trotz der vielen Nebenwirkungen setzt die zweifache Mutter die Behandlung fort wie geplant. Sie ahnt nicht, was sie erwarten wird: Herzstillstand.

"Dabei tat die letzte Spritze gar nicht so weh", sagt Hannelore Hartwich. Wohlige Wärme überkommt sie nach dem Einstich. Dann geht alles ganz schnell. "Mein Gesicht war wie gelähmt, ein Schweißausbruch jagte den nächsten. Gleichzeitig fühlte sich mein Körper so kalt an, als wäre er über und über mit Eiswürfeln bedeckt." - "Geht's?", fragt der Arzt sie ständig. "Ja, hat der denn nicht gesehen: Ich konnte nicht antworten." Das Herz der 50-Jährigen steht still. Sie ist tot, aber ihr Bewusstsein lebt weiter. Es ist hellwach. Und so bemerkt sie wohl, wie der Trubel um sie herum einsetzt: Ärzte und Schwestern stürmen herein. "Einer hat mir eine Watsch'n gegeben. Ich hab's gesehen. Gespürt hab' ich's nicht. Und dann, ja dann ist der Herrgott zu mir gekommen."

Hannelore Hartwich fällt es schwer, weiter zu erzählen. Die zierliche Frau mit halblangem blonden Haar, die ein smaragdgrünes Kleid trägt, das ihre zart gebräunte Haut gut zur Geltung bringt, schluckt merklich. Zugleich fingert sie in ihrer Tasche nach einem Tuch. Längst quellen Tränen aus ihren blaugrauen Augen. "Ich bin schon eine gläubige Frau. Aber ich gehe jetzt nicht jeden Sonntag in die Kirche", schweift sie ab. Sie wettert über die Bigotterie mancher Priester, beklagt die Prunksucht, wie sie im Bistum Limburg zutage kam. Über das Schimpfen fasst sich die 50-Jährige. "Plötzlich tauchte ein riesengroßes Auge vor mir auf." Sie zeichnet mit weit ausgebreiteten Armen die Konturen eines Auges in die Luft. Hannelore Hartwich ist zurück in der Klinik in Oberbayern. Sie erinnert sich.

"Ich habe gebetet"

"Das konnte nur der Herrgott sein. Ich wollte ihn sehen. Ich war neugierig. Ich bin schon immer neugierig. Doch stattdessen hat er mich angeschaut. Er hat in mich reingeschaut. Richtig reingeschaut. Nichts konnte ich verbergen. Er hat alles gesehen. Und das Auge kam immer näher. Es ist in mich rein gekrochen. Und plötzlich ist es ganz hell um mich geworden", erzählt die Weidenerin. Auch noch Wochen danach ist der 50-Jährigen das Erlebte unheimlich. Wieder fließen Tränen über ihre Wangen. Tränen der Angst. Tränen der Erleichterung. Tränen des Glücks, Tränen der Sehnsucht: "Jeden Tag schau ich um mich, ob es irgendwo nochmal so ein helles Leuchten gibt." So ein verzerrtes, helles Leuchten. Eines mit solchen Strichgesichtern, ähnlich wie die aus Holz geschnitzten Jesusfiguren. Fehlanzeige. "So etwas gibt es hier nicht."

In das Leuchten hinein fragt sie ständig: "Was bist du? Bist du der, der über allem steht? Was willst du? Mich? Du kannst mich jetzt nicht mitnehmen! Das habe ich gesagt. Immer wieder." Und dann fleht sie: "Lass mich bitte da! Nimm mich nicht schon mit! Nicht, wenn ich mein erstes Enkelkind bekomme."

Hannelore Hartwich schluchzt. Zu sehr wühlen die Ehefrau und Mutter zweier erwachsener Kinder die Erinnerungen auf. Trotzdem spricht sie weiter: "Ich habe das Vaterunser gebetet. Das 'Gegrüßet seist du Maria'. Aber nicht lange. Dann ging das Licht weg. Es glitt über meinen Körper hinab." Bis zu den Knien. Bis zum Zeh. Dort wird es zum schwarzen Punkt. "Ich habe plötzlich diese Leichtigkeit gespürt und mich gesehen, wie ich da auf dem Röntgentisch lag. Als ich die Augen aufgemacht habe, sah ich zwei Menschen, die meine Hände gedrückt haben: den Intensivmediziner und die Schwester. Auch ich habe fest zugedrückt und zu ihnen gesagt: 'Der Herrgott war bei mir und ihr seid meine Engel. Ich danke euch'."

Zehn Minuten sind vergangen. Zehn Minuten, in denen Hannelore Hartwichs Herz stillstand. Die Weidenerin war klinisch tot. Ehemann Peter erfährt von dem kritischen Zustand seiner Frau im Zug. Er ist auf dem Weg zu ihr, will sie nach der letzten Behandlung abholen und nach Hause bringen. "Wir kennen uns seit meinem 15. Lebensjahr. Das war auch für ihn nicht einfach." Auf der Intensivstation fällt sich das Paar schließlich in die Arme. "Er hat mich so fest gedrückt."

"Mein zweiter Geburtstag"

Fast zwei Monate ist es nun her, dass die 50-Jährige dem Tod von der Schippe gesprungen ist. Irreversible Folgeschäden, wie sie nach zehn Minuten Herzstillstand nicht unwahrscheinlich sind, hat Hannelore Hartwich wie durch ein Wunder nicht erlitten. Der Rücken aber schmerzt weiter. Schwere Arbeiten sind tabu. Das ist hart für eine Frau wie "Hanne", die eines von zehn Kindern ist, die mit sechs Jahren ihren ersten Schweinebraten gekocht hat, die gern anpackt. Aber es lastet nicht so schwer, wie die aufwühlenden Erinnerungen.

Denn es vergeht kein Tag, an dem die Weidenerin nicht an den 4. Mai 2015 zurückdenkt. "Mein Mann hat gesagt, das ist nun mein zweiter Geburtstag, und umsonst lässt mich der Herrgott nicht da. Jetzt kommt meine schöne Zeit." Dafür müsse sie Gott ihre Dankbarkeit zeigen. Jeden Tag. Zum Beispiel mit Beten an der Mariengrotte im eigenen Garten, die hier steht, seit einst die achtjährige Tochter Juliane den Krebs besiegt hat. "Ehrlich gesagt, ich weiß nicht, ob das reicht. Ich kaufe mir jetzt erst mal eine Bibel."
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