"Wir haben keine Fragen gestellt"

Marius Weber (links) und Marc Reeder, der für seinen Uniformfetisch bekannt ist. Bild: hfz

West-Berlin der 80er Jahre und die Oberpfalz haben etwas gemeinsam. "Das war schon echt abgefahren", sagt der Weidener Marius Weber. Er spielt in einem Film mit, der die wilde Zeit dokumentiert. "B-Movie: Lust & Sound in West-Berlin 1979-1989" läuft nun auch in zwei Oberpfälzer Kinos.

Wie eine Insel schwamm die Stadt im Ozean des Ostblocks. Auf ihr tobten sich die heutigen Stars aus Pop, Kunst und Techno aus. In den 80ern waren sie noch unbekannte Dilettanten, Freaks und Hausbesetzer. Sie experimentierten mit Farben, Musik, Körpern und Drogen. "Wir glitten wie auf Schienen durch die Nacht und schnieften billiges Speed", kommentiert der Sprecher aus dem Off.

Dieser Erzähler ist einer, der mittendrin war. Der Künstler Marc Reeder kam 1979 aus Liebe zum deutschen Punk nach Berlin. Dort wohnte er mit Nick Cave zusammen, war Manager der Toten Hosen und Synchronsprecher für Pornofilme. Und seine Super-8-Kamera war immer dabei. Aus unzähligen Film-, Konzert- und Alltagsmitschnitten entstand ein Film. Und hier kommt Marius Weber ins Spiel. Der gebürtige Weidener sieht Marc Reeder sehr ähnlich. Und doubelt in den wenigen nachgespielten Szenen des Films den jungen Reeder, der sich in seiner typischen Uniformkluft in West-Berlin herumtreibt.

Vom Double begeistert

Zum ersten Mal sah Weber den Film beim internationalen Filmfestival Berlinale und wurde danach auf der Bühne beklatscht. Nicht minder begeistert ist Reeder von seinem Double. "Das war schon irre, sich gegenüberzustehen. Im Film musste ich am Anfang zwei mal hinschauen." Der Film erntet Top-Kritiken, wird hochgelobt in allen Medien. "B-Movie ... ist ein irrer Trip durch ein irres Jahrzehnt an einem irren Ort", urteilt die "Welt".

Auch die "taz" zeigt sich begeistert: "Die gelebte Anarchie der Tage, festgehalten in Originalaufnahmen und versehen mit einem Soundtrack zum Niederknien." Die Türen zu Szenekneipen wie Risiko und SO36 öffnen sich und die jungen Wilden zeigen sich beim Feiern, Kunst machen, im Alltag. Der junge Nick Cave, schon damals in Anzug und mit Gel in den Haaren, führt durch seine Berliner Butze. Mark Reeder steht mit Christiane F. an der Bar und sitzt mit Farin Urlaub von den Ärzten im Café. Inmitten der Berliner Ruinenlandschaft schlagen Punks auf Tonnen, der Künstler Keith Haring besprüht die Mauer, Thierry Noir versucht dort ein Pissoir anzubringen. Die Protagonisten des Films prägen auch den Sound. Viele von ihnen - damals unbekannte Spinner - sind heute Promis: Die Toten Hosen, Einstürzende Neubauten, Westbam, Nena, Joy Division. Auch Marius Weber lobt den Soundtrack. Und der 27-Jährige kennt sich aus mit Musik. Er ist neben seiner Barista-Tätigkeit als Kaffeespezialist auch noch DJ. Er legt jedoch modernere Sachen auf wie House, Techno und Dub.

Chaoten heute Stars

Die Bands der 80er sind ihm jetzt zu "Mainstream". Ironie des Schicksals: Die unbekannten Chaoten aus den 80ern sind nun kommerzialisierte Mega-Stars. Die junge Generation der Gegenwart gräbt wieder neue Revoluzzer aus. Auf Webers Initiative hin zeigen Kinos in Weiden und Amberg das B-Movie einmalig: AmDonnerstag, 30. Juli (20 Uhr), im Neue-Welt-Kino in Weiden, am Freitag, 31. Juli (20 Uhr), im Ring-Theater in Amberg.

Eigentlich wollte auch Mark Reeder zur Filmschau kommen, doch er ist gerade in Großbritannien. Um das Lebensgefühl der 80er in die Oberpfalz zu holen, hält er konkrete Tipps bereit: "Viele jüngere Menschen möchten gerne ein aufregendes, wildes Leben probieren. Aber sie stellen zu viele Fragen. Einfach machen! Damals haben wir keine Fragen gestellt. Wir haben eine Idee gehabt und alles in Bewegung gesetzt, um es auszuführen. Ohne über die Konsequenzen oder Folgen nachzudenken."

Marius Weber hat einfach mal gemacht. Und bringt den Streifen in seine Heimat. Überraschend unkompliziert sei die Organisation gewesen, berichtet der 27-Jährige. Beide Kinos kamen seiner Anfrage entgegen. "Wenn jemand einen guten Film hat und garantieren kann, dass Zuschauer kommen, machen wir das gerne", sagt Evelyn Nadler vom Weidener Neue-Welt-Kino.

Der Film kommt sehr gut an beim Publikum. Produzent Klaus Maeck berichtet von 25 000 Zuschauern in der sechsten Woche. Auch kursiert der Streifen auf Festivals in Istanbul, Moskau und Manila/Phillipinen. "Der Film reist um die Welt", sagt Maeck. Nun macht er einen Abstecher in die Oberpfalz.
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