24. Tag im Prozess gegen mutmaßliche Schleuserbande - Berliner Zeugin nimmt Überdosis Tabletten
Sieben Kinder besuchen Angeklagten

Weiden. (ca) Der Angeklagte Ruslan A. hat sieben Kinder, vier bis elf Jahre alt. Wie die Orgelpfeifen spazieren diese drei Buben und vier Mädchen am Montag in den Weidener Schwurgerichtssaal, angereist aus Berlin und extra hübsch gemacht. Begleitet von der Mutter, nehmen sie in den Zuschauerbänken hinter ihrem Vater Platz. Der sitzt dort mit Fußfesseln, flankiert von den Verteidigern. Dem 33-Jährigen und vier weiteren Angeklagten wird die Schleusung von 175 Landsleuten vorgeworfen.

Landgerichtspräsident Walter Leupold hat keine Einwände. "Wir sind zwar kein Kindergarten, aber wenn sie brav sind ..." Und wie brav. Die Verlesung von seitenweise TKÜ-Protokollen (Telefonüberwachung) hat auf Kinder derartige Wirkung, dass nach einer Stunde fast alle eingeschlafen sind. Zusammengesackt über den Klapptischen für Reporter. Die Jüngste schlummert mit Schnuller auf dem Schoß der Mutter.

Dabei sind die Telefonate, verlesen von den Richtern Matthias Bauer und Marco Heß, durchaus spannend. Sie zeigen die Abwicklung von illegalen Grenzübertritten aus Polen. Frage: "Wie viele sind es?" Antwort: "Vier Kleine und zwei Große. Sie geben zwölf Scheine. Sie bezahlen hier." Frage: "Wohin? Zu dir in die Hauptstadt?" Antwort: "Ja." In einem anderen Telefonat kündigt ein Anrufer die Ankunft einer größeren Gruppe von Inguschen an: "Gut möglich, dass die Leute uns bald überrollen", sagt er: "Bald fallen sie auf uns wie das Getreide beim Mähen."

Zeugin schluckt Tabletten

Sie "fallen nicht auf uns" aus Jux und Tollerei, wie ein Zwischenfall aus Berlin zeigt. Eine Zeugin - eine mutmaßlich eingeschleuste Tschetschenin - sollte von der Berliner Polizei abgeholt und am Montag in Weiden vorgeführt werden. Sie hatte die Tür verbarrikadiert und zwar derart, dass die Polizei eine Stunde brauchte, um in die Wohnung zu gelangen. Die Beamten fanden die Zeugin krampfend im Bad. Sie hatte eine Überdosis Tabletten geschluckt, weil sie dachte, die Polizei wolle sie nach Polen oder Russland abschieben. Die Frau wurde in ein Krankenhaus gebracht.

"Der Alte" protestiert

Lautstark protestierte am Montag der älteste Angeklagte Issa M. gegen die Verlesung der Telefonprotokolle. Er wird dem Anrufer "Stari" zugeordnet, "der Alte". Auch seine Verteidiger erneuerten ihren Antrag, die Telefonüberwachung nicht zu verwerten. Anwalt Dominic Kriegel forderte einen Abbruch der Verlesung. Da man die Identität der Dolmetscher (aus Sicherheitsgründen) nicht kennt, könne man sich von ihrer Qualität und Arbeitsweise kein Bild machen.

Trotz der Arbeit seiner Verteidiger fühlt sich der 49-jährige "Alte" nach wie vor schlecht verteidigt, bezeichnete Kriegel gar als "Schädling meiner Verteidigung". Seine Anwälte Kriegel und Haberl forderten im Gegenzug wieder einmal vergeblich die Entpflichtung. Vorsitzender Richter Leupold: "Es kann nicht angehen, dass sich ein Angeklagter aus Willkür, ohne sachliche Gründe, von seinen Verteidiger befreien kann und damit ein Verfahren willkürlich zu Ende bringen kann."

Nach wie vor schweigen alle fünf Angeklagten zu den Vorwürfen - auch Ruslan A., der in der Mittagspause unter einer Traube an Kindern verschwindet. Seine Frau packt eine Tupperschüssel mit Selbstgekochtem aus. Auch der Angeklagte Magomed T. hat Besuch von Frau und Söhnchen. Der Prozess wird sich ziehen. Aktuell werden Termine bis Oktober anberaumt. Es ist ein Rechtshilfeersuchen an Polen gestellt. Offen ist, ob zu Zeugenvernehmungen nach Warschau gefahren würde oder eine Videoschaltung machbar ist.
Weitere Beiträge zu den Themen: Mai 2015 (7908)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.