37. Verhandlungstag: Psychiater gibt Gutachten ab - Urteil wird im März erwartet
Mallorca-Betrüger voll schuldfähig

Dass er den Ausgangspunkt der Geschichte nicht mehr kennt, das glaube ich jetzt nicht.
(ca) Er mag ein zwanghafter Lügner sein. Aber das bewahrt Wolfgang S., angeklagt des Millionenbetrugs in 78 Fällen, nicht vor einer möglichen Haftstrafe. Der psychiatrische Gutachter Dr. Johannes Schwerdtner erachtet den 68-Jährigen als voll schuldfähig. "Er war immer Herr seiner Sinne." Die Psychiatrie als Alternative zum Gefängnis wird damit ausscheiden. Ein Urteil wird im März erwartet.

Ausgangspunkt ist Vorschussbetrug. Wolfgang S. braucht um 2005 Geld für seine Pläne, auf Mallorca Tabak anzubauen. Auf Darlehenssuche gerät er an den Klassiker der internationalen Betrugsbranche: Vorschussbetrüger, auch genannt "Nigeria-Connection" nach dem Ursprungsland dieser Betrugsmethode. In Massen-Mails werden potenzielle Opfer um vergleichsweise kleine Summen gebeten, mit denen aberwitziges Vermögen losgeeist werden könnte. Ausgerechnet Wolfgang S. beißt an und wird zum perfekten Geldeintreiber. Er ist die Idealbesetzung: Der Psychiater erkennt Hinweise auf "Pseudologia Phantastica", zwanghaftes Lügen, um zu beeindrucken. So hat er dem Forensiker erzählt, Fidel Castro Fahrräder verkauft zu haben. Parallel weist Wolfgang S. eine Persönlichkeitsstörung mit histrionischen, narzisstischen und dissozialen Anteilen auf. Sprich: Er neigt zu Theatralik und Grandiosität. Aktuell arbeitet er in seiner Zelle an einer Autobiografie (Titel: "OKA - Ohne Knete angefangen"). Im gleichen Zug ist er leicht beeinflussbar. "Suggestibel."

Damit bleiben zwei Möglichkeiten: Entweder Wolfgang S. hat sich von Vorschussbetrügern als Geldeintreiber vor den Karren spannen lassen (wissentlich oder unwissentlich). Oder der schlaue Fuchs hat der "Nigeria Connection" einfach die Story geklaut und die Masche übernommen, möglicherweise mit einem Partner. Dafür käme ein Finanzberater aus Amberg in Betracht, der bis Ende 2014 emsig weiter Geldgeber schröpfte. Was stimmt? "Das obliegt der Entscheidung des Gerichts", sagt Psychiater Schwerdtner.

Der Angeklagte will - oder kann - die Antwort darauf nicht geben. Gegenüber dem Psychiater beharrte er zunächst auf seinen realen 1,3 Milliarden. Bei einem späteren Termin zog er in Betracht, seinerseits ausgenutzt worden zu sein. Schwerdtner will sich nicht festlegen: Einerseits sei es typisch für Pseudologen, nur ungern von ihren Lügen abzurücken. Andererseits sei Wolfgang S. sehr intelligent und geistig sehr beweglich. "Dass er den Ausgangspunkt der Geschichte nicht mehr kennt, das glaube ich jetzt nicht."

Der Psychiater betont auch den Widerspruch zwischen den angeblich erfolgreichen Geschäften ("130 Container Tabak pro Jahr") und der Tatsache, dass Wolfgang S. ständig das nötige Kleingeld für das Alltagsleben fehlte. "Er hat sich als weltgewandten Menschen dargestellt, der in seinem Leben viele erfolgreiche Firmen geführt hat." Als harmonisch beschrieb er sein Privatleben. Wolfgang S. erzählte von zwei Ehen, einer längeren Partnerschaft und fünf eigenen, adoptierten und angeheirateten Kindern. Eine 35-jährige Spanierin hat sich diese Woche überraschend bei den Verteidigern gemeldet. Sie würde gern zugunsten ihres Adoptivvaters aussagen.
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