4000 Kilometer in sechs Tagen

Die wichtigsten Zeugen sind über alle Berge. Tschetschenen, meist Frauen und Kinder. Sie sind laut Staatsanwalt unter Mithilfe der fünf angeklagten Landsleute illegal eingereist und inzwischen abgetaucht. Ihre Geschichte erzählen nun andere: Beim "Schleuserprozess" traten Polizisten in den Zeugenstand.

Es ist der Freitag nach Pfingsten, 24. Mai 2013, auf der Autobahn A 4 bei Kodersdorf (Görlitz, Sachsen). Kühle 10 Grad. Die Sonne ist gerade aufgegangen, als Bundespolizist Ronny W. (Name geändert) und seinem Kollegen kurz nach 6 Uhr ein Toyota Avensis mit drei Insassen auffällt. Fahrtrichtung West.

Die Polizisten überholen und lotsen den Warschauer Wagen mit "Stopp Polizei" auf den nächsten Parkplatz. "Erst da habe ich gesehen, dass auf der Rückbank zwei kleine Kinder waren", erinnert sich Ronny W. Am Steuer sitzt ein Pole namens Lukasz. Beifahrerin ist eine Frau aus Tschetschenien, nach eigenen Angaben schwanger. Im Fonds hat eine zweite Tschetschenin Platz genommen, die Mutter mit ihren Buben.

Die Frauen und Kinder sind zu diesem Zeitpunkt seit sechs Tagen unterwegs. Bundespolizist Ronny W. und sein Kollege geben vor dem Weidener Landgericht wieder, was ihnen die Frauen bei der Vernehmung erzählt haben. Demnach sind sie am Pfingstsonntag, 19. Mai 2013, in Grosny in den Zug nach Moskau gestiegen. Dort stiegen sie nach Brest (Weißrussland) um. Von dort pendelt mehrmals täglich ein Elektrozug in den polnischen Grenzort Terespol. Sie überwinden die Außengrenze der Europäischen Union.

Keine Nacht in Polen

Der polnische Grenzschutz nimmt ihnen die Pässe ab und stattet die Frauen mit polnischen Asylkarten aus. Von jetzt an hätten sie in Polen bleiben müssen, bis über ihren Antrag entschieden ist. Sie sollen sich in einem zentralen Aufnahmelager melden. Die Frauen bleiben keine Nacht. "Nachdem sie in Polen aus dem Gebäude des Grenzschutz kamen, wurden sie von einem Burschen angesprochen", gibt ein Polizist die Aussage wieder. Dieser "Bursche" soll nach den Ermittlungen einer der Angeklagten gewesen sein. Der 28-Jährige, selbst Vater von zwei Kindern, habe die Fahrt nach Deutschland vermittelt.

Nein, sie habe nicht gewusst, dass sie für die Einreise nach Deutschland ein Visum gebraucht hätte, sagt die Mutter der Buben bei der Bundespolizei. "Es war schon sehr belastend für sie, mit den zwei kleinen Kindern, die sie dabei hatte." Ihr Mann sei seit zwei Monaten verschwunden. "Sie wollte mir nicht sagen, wohin." Sie versicherte dem Beamten, dass sie die Asylkarte als eine Art Passersatz innerhalb Europas verstanden habe. Es handelt sich um ein amtliches Dokument in polnischer Sprache. Der polnische Adler ist vorne drauf. "Viele sind der Meinung, sie könnten damit auch über die Grenze fahren", sagt der Polizist. "Ich weiß ja nicht, was der polnische Grenzschutz bei der Aushändigung sagt."

Noch am Abend des 23. Mai 2013 steigen die Frauen und Kinder 20 Kilometer hinter Warschau in den Toyota Avensis des Polen Lukasz. Sie warten an der Straße. Man kennt sich nicht. Der Pole sagt aus, ein Bekannter habe ihn gebeten, die Leute mit nach Deutschland zu nehmen. Zitat aus seiner Vernehmung: "Ich habe gesagt: Wenn mit den Leuten alles in Ordnung ist, nehme ich sie mit." Er bekommt von jeder Frau 300 Euro "Fahrtkosten-Beteiligung". Ziel: das 1000 Kilometer entfernte Saarlouis an der Grenze zu Frankreich. Dort habe er geschäftlich zu tun gehabt. Seine Fahrgäste hätte er an einem Parkplatz absetzen sollen, mit einem Zettel mit französischen Anschriften. Sie fahren die Nacht durch und kommen - wie bekannt - bis Kodersdorf.

Spurlos verschwunden

Wo sind die Frauen jetzt? Sie wurden in ein deutsches "Ausländerwohnheim" gebracht, weiß einer der sächsischen Bundespolizisten. Drei Tage später, am Montag, 27. Mai 2013, verschwanden sie von dort spurlos. "Ich vermute, sie sind abgeholt worden."
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