77 000 Euro für sich selbst verwendet - 50 000 Euro waren "Geschenke" - 100 000 ohne Quittungen ...
Betreuerin ringt sich zu Teilgeständnis durch

(ca) "Zunächst wollte ich diese Geschenke nicht annehmen. Aber die Frau hat mich immer wieder bedrängt, da sie doch niemand anderen hatte." Die wegen 103 Fällen der Untreue angeklagte Berufsbetreuerin hat am Montag über ihre Anwältin eine Erklärung abgegeben. Demnach seien ihr rund 50 000 der 235 000 Euro von einer Witwe geschenkt worden. "Das war sicher falsch und unüberlegt von mir, Schenkungen ohne weiteres anzunehmen." Die Witwe kann nicht mehr befragt werden: Sie ist 2013 verstorben.

Für weitere 80 000 Euro hat die 51-Jährige zugegeben, dieses Geld "für mich selbst verwendet und verbraucht" zu haben. Dabei handelt es sich um Fälle, in denen die Beweise erdrückend sind. "Mir tut dies sehr leid, und ich kann nicht mehr nachvollziehen, wie ich mich dazu hinreißen lassen konnte", liest Verteidigerin Andrea Schnetzer vor. Aber auch für diese Taten hat die Angeklagte allerlei Erklärungen parat: Das Erbe eines Betreuten (27 000 Euro) habe sie kurz vor ihrem Urlaub auf ihr eigenes Konto überwiesen, weil dieser nicht mit Geld umgehen konnte: "Ich wollte nicht, dass das Geld auf seinem Konto bleibt." Die Betreuten kommen nicht gut weg. Beim einen war die Wohnung "vermüllt", der andere habe gespielt, der nächste den Tag im Café zugebracht. Als sie bei der Aussage eines Betreuten lachend den Kopf schüttelt, wird sie von Richter Gerhard Heindl zurechtgewiesen: "Muss man da lachen dazu?"

Sich selbst stellt sie ganz anders dar: stets bemüht um das Wohl ihrer Schützlinge. 2013 habe sie etwa 40 Fälle bearbeitet und sich "erheblich überfordert" gefühlt. "Aber ich wollte die Betreuten weiter unterstützen." Am Ende habe sie nicht einmal mehr die Post geöffnet. "Ich habe die Post morgens in den Büroschrank gelegt, in ein Fach, das schon komplett voll war." Sie habe unter Panikattacken und Schlafstörungen gelitten.

Viel zu schöne Unterschrift

Rund 100 000 Euro will die Berufsbetreuerin korrekt an ihre Schützlinge ausbezahlt haben. "Ich habe mir nie Quittungen geben lassen." Alle fünf Betreuten im Zeugenstand bestreiten diese Zahlungen. Ein Rollstuhlfahrer studiert aufmerksam die Überweisungen, die ihm der Richter reicht. 9000 Euro fehlen laut Kripo von seinem Konto. "Da hat einer meine Unterschrift nachgemacht", sagt er. "So schön kann ich gar nicht schreiben." Auch ein weiterer Geschädigter gibt Unterschriftenproben ab, weil bei ihm Zweifel bestehen. Von seinem Konto hat die Angeklagte 40 000 Euro für sich selbst abgehoben, was sie auch zugibt. Pikant: Für diesen Mann war die Betreuerin nicht mit der Vermögenssorge beauftragt. Die Bank hätte ihr nichts auszahlen dürfen.

Eine kann nicht mehr aussagen: die Witwe. Ihr Konto ist um 125 000 Euro dahingeschmolzen. Das erklärt die Angeklagte wie folgt: Rund 50 000 Euro habe ihr die Witwe geschenkt. Weitere 50 000 bis 70 000 Euro habe die Witwe daheim gehortet, teils selbst abgehoben, teils von ihr bar ausgehändigt. Dieses Geld habe sie für den Enkel aufbewahrt, sollte der doch mal zu Besuch kommen. "Um sie hat sich außer mir und der Putzfrau niemand gekümmert." Das Geld sei im Schlafzimmer versteckt gewesen. Die Angeklagte hält für möglich, dass es bei einem Wohnungsbrand im Mai 2013 verbrannt sei.

Pferde im Visier

Aufgrund des NT-Artikels über den Besitz von mehreren Pferden wurde ein Hofbesitzer aus dem Altlandkreis Eschenbach in den Zeugenstand geladen. Er hatte 2014 an die Betreuerin Boxen vermietet. Erst waren es vier Pferde, "irgendwann kam ein fünftes dazu". Er berichtet von umfangreichem Zubehör, Sättel, Trensen, Gamaschen, "sehr viele" Decken. Anfangs habe er sich über die neuen Mieter gefreut: "Ich dachte, die verdienen gutes Geld. Und auch noch Betreuer bei Gericht. Ich habe mir gedacht: Besser kann's nicht laufen." Nach einem halben Jahr habe er bemerkt, dass schon drei Mieten ausstehen. Nächster Termin: 6. Juli, 12 Uhr. Zeugen sind der Rechtspfleger und eine Anwältin, die Betreuungsfälle von der Angeklagten übernahm.
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