Adoptivtochter aus Barcelona sagt aus

Die Tage im Betrugsprozess gegen Wolfgang S. (68) sind gezählt. Am 10. und 11. März wird mit den Plädoyers gerechnet. Interessant wird die Beweisaufnahme noch einmal am Mittwoch, 4. März, dem 41. Prozesstag: Die Adoptivtochter des Angeklagten, wohnhaft bei Barcelona, hat darum gebeten, aussagen zu dürfen.

(ca) Die 1. große Strafkammer unter Vorsitz von Walter Leupold hatte dagegen keine Einwände. Verteidiger Helmut Miek (Sulzbach-Rosenberg) hat Kontakt zu der 32-Jährigen, die im Zweifelsfall auch bereit wäre, die Kosten für die Anreise selbst zu tragen. Als ladungsfähige Adresse nannte Miek die Anschrift einer leiblichen Tochter von Wolfgang S. nahe Aachen, wo die Zeugin während ihres Aufenthaltes wohnen wird. Der 4. März bietet sich an, weil da ohnehin ein Spanisch-Dolmetscher für die Übersetzung spanischsprachiger Beweise vor Ort ist.

Die Zeugin und ihre Schwester waren als Kinder von Wolfgang S. adoptiert worden und lebten mehrere Jahre mit ihm in einem Haushalt. In den letzten Jahren schrieb die Spanierin gelegentlich Geschäftspost für den Angeklagten, der nach ihren Angaben nur rudimentäre Englisch-Kenntnisse habe, so Miek. Aus ihrer Sicht wäre der Angeklagte niemals im Stande gewesen, die Briefe amerikanischer Banken zu verfassen, mit denen den Geldgebern die Dollars aus der Tasche gezogen wurden. "Die Adoptivtochter hat ihn als generösen, bescheidenen und ehrenwerten Mann erlebt", berichtete Miek. Und als gutgläubigen: "Er vertraut Personen selbst dann noch, wenn sie ihn schon einmal belogen haben."

HAW-Dozentin übersetzt

Die Dozentin für "Business English" der Hochschule Weiden hätte sich am Mittwoch einen Blumenstrauß zum Abschied verdient gehabt. Sie hat an etlichen Verhandlungstagen den englischsprachigen, teils haarsträubenden Schriftverkehr eingedeutscht. Am Mittwoch standen wieder E-Mails zur Übersetzung an - die letzten aus einem ganzen Wäschekorb ausgedruckter Nachrichten, sichergestellt auf Mallorca. Es handelte sich um Briefwechsel von 2010 und 2012 zwischen Wolfgang S. und "hohen Tieren" von Banken und Behörden in den USA und Kanada.

Sollte Wolfgang S. dabei tatsächlich nicht begriffen haben, dass es sich um Betrüger handelt, so wurde massiver Druck auf ihn aufgebaut. Im Tagestakt trudelten 2010 Zahlungsaufforderungen angeblicher Bank- und FBI-Mitarbeiter ein (alles von Yahoo-Mailadressen). Sie trieben Gebühren ein: eine Stempelgebühr für die chinesische Regierung, Umsatzsteuer für Kanada, 0,01 Prozent von 27 Millionen Dollar für die US-Notenbank. Reagierte Wolfgang S. nicht prompt, kamen harsche Antworten: "Was sollen wir dem FBI sagen? Wie können Sie zugleich eine positive Reaktion erwarten?" "Ihre Verzögerungen sind schuld, wenn das Geld rücktransferiert wird." Oder schlicht: "When do you pay?" Dann würden (u. a.) 30,5 Millionen aus Kanada überwiesen.

"I will my money back"

Zwei Jahre später hörten sich die Mails noch genauso an: Eine halbe Million Dollar nach Hongkong für das chinesische Auswärtige Amt, 300 000 für einen Anwalt in Afrika. Dann, ja dann flössen die Millionen. Wolfgang S. zahlt und zahlt (mit Hilfe seiner Geldgeber). 430 000 Dollar hier, 378 000 da. Zeitweise schien dem Angeklagten zu dämmern, dass etwas faul ist - vorausgesetzt, seine Antworten waren ehrlich: "Ich bin sauer. Wir warten nicht mehr. Möchte Clearing House mein Geld stehlen? I will my money back now."
Weitere Beiträge zu den Themen: Lea (13792)Februar 2015 (7876)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.