Alexander Frisch war zur rechten Zeit am rechten Ort.
Engel auf Rädern

"Für Lebensretter" steht auf dem Umschlag. Darin steckte eine Karte, die eine 38-jährige Niederbayerin an ihren Oberpfälzer Retter geschrieben hat. Die Frau bedankte sich bei Alexander Frisch aus Neustadt/WN, dass er ihr Auto bei voller Fahrt auf der Autobahn gegen die Leitplanke gedrückt und ihr damit das Leben gerettet hat. Die Niederbayerin hing bewusstlos in ihrem Gurt. Frisch soll für seine Hilfe bei der Aktion "Kavalier der Straße" geehrt werden. Bild: hfz
 
Alexander Frisch: "Ich hatte nur Angst davor, dass die Frau tot sein könnte oder ich sie wiederbeleben müsste."

Es sind nur Sekunden, die für eine Entscheidung bleiben. Alexander Frisch aus Neustadt/WN war zur rechten Zeit am rechten Ort. Er hat Leben gerettet. Auf spektakuläre Weise.

Eigentlich ist es ein Tag wie jeder andere - der Donnerstag, 5. November. Und trotzdem auch nicht, zumindest für Alexander Frisch. Der 41-Jährige ist um 17.40 Uhr auf dem Heimweg. Vor ihm auf der Autobahn in Richtung Hof ein gelber Fiat, der schlingert. Und eine Frau, die reglos im Gurt hängt. Frisch greift ein, bremst das Auto, indem er es gegen die Leitplanke drückt, und riskiert damit sein eigenes Leben. Im Interview erzählt er von diesem Erlebnis:

Herr Frisch, was ist an diesem Tag auf der A 93 passiert?

Alexander Frisch:Zuerst will ich mich bei den zwei zivilen Polizisten, die zufällig vorbeikamen, und der Rettungsleitstelle bedanken. Sie haben sich vorbildlich verhalten, das können's auch ruhig schreiben. Ist man so nicht gewöhnt, normalerweise kriegt man nur Strafzettel (lacht). Ich war auf dem Heimweg. Das Kuriose ist, ich wollte eigentlich einen anderen Weg nehmen. Normalerweise wäre ich zur Post gefahren. Mein Chef wollte, dass ich für ihn einen Brief aufgebe. Es war aber ein Fehler in der Adresse. Der Brief wollte einfach nicht raus. Und normalerweise erreicht man mich auch nicht gut. Diesmal war der Akku vom Handy voll. Mysteriös, aber eine Verkettung von glücklichen Umständen.

Der Unfall, wenn man Unfall sagen kann, war kurz hinter der Ausfahrt Weiden-West. Ich habe gesehen, dass der Fiat auf die Seite zieht. Sieht man ja öfter, wenn man übermüdet ist. Ich bin dann näher, hab gehupt, aber es kam keine Reaktion. Normal bremst man ja dann. Als ich überholt habe - ich sitze in meinem VW T4 höher - war mir klar, dass was passieren muss. Das Auto war führerlos. Die Frau machte ruckelnde Bewegungen (wackelt mit seinem Oberkörper wie bei einem Presslufthammer) und dann klappte sie zur Seite. Das Licht vom Navi hat direkt in ihr Gesicht geleuchtet. Sie war bewusstlos. Mit dem Auto habe ich sie vorsichtig nach rechts gedrängt und an die Leitplanke gedrückt.

Sie hatten wenig Zeit, nachzudenken, was Sie tun können. Woher wussten Sie, dass das funktioniert und das Auto so zum Stehen kommt?

Frisch:In dem Fall war es leicht. Mein Auto ist doppelt so schwer wie der Fiat. Ich kenn mein Auto gut und vielleicht auch durch Menschenverstand. Den Winkel muss man relativ flach halten zum Bremsen. Unsere Autos waren gleich auf - bei Tempo 70. Was ich gemacht habe, war tangieren. Ich habe mit meinem Auto an ihrem angedockt und sie vorsichtig nach rechts gedrängt. Das hört man ja am Geräusch, ob es klappt - wie scheuerndes Blech, verbiegendes Metall. Die Leitplanke auf der anderen Seite, das habe ich bewusst geplant. Wenn keine Leitplanke gewesen wäre, hätte ich es anders machen müssen. Früher habe ich "Colt Seavers" (Ein Colt für alle Fälle) geguckt. Eine Serie aus den 80ern. Ich weiß nicht, ob ich es deshalb wusste.

Wie lange hat es gedauert, bis beide Autos sicher standen?

Frisch:Gefühlt eine Ewigkeit. Tatsächlich vielleicht 30 bis 40 Meter. Ich weiß es aber nicht genau.

Haben Sie in der Situation mal daran gedacht, was passieren könnte, wenn es nicht klappt? Dass Sie dabei sterben könnten?

Frisch:Der Gedanke war nicht da - in keinster Weise. Das wäre auch falsch. Wichtig war, dass die Frau nicht auf die Straße fährt, dass es ihr gut geht. Der Rest ist ja wurscht. In dem Moment war es Berufung. Ich hatte nur Angst davor, dass die Frau tot sein könnte oder ich sie wiederbeleben müsste. Mein letzter Erste-Hilfe-Kurs liegt lang zurück. Ich bin froh, dass die Polizei da war. Die weiß, was man tun muss. Ich habe alles gemacht, was ich konnte. Aber der Ruhm gilt nicht nur mir allein. Ich finde, dass der, der's sieht in der Pflicht ist. Das war auf Mallorca auch so. Ich hab ja schon einmal jemandem das Leben gerettet. Es war März, ein Oster-Urlaub. Alle saßen um den Pool herum. Keiner war im Wasser. Ein zweijähriges Kind lief am Becken entlang, fiel ins Wasser und tauchte nicht mehr auf. Aber ich will da jetzt nicht groß davon erzählen.

Was wäre passiert, wenn Sie es nicht geschafft hätten?

Frisch:Bei dem Verkehr wäre die Wahrscheinlichkeit groß gewesen, dass es eine Massenkarambolage gegeben hätte. Das Auto wäre an die Leitplanke gerollt und zurück auf die Straße. Selbst als die Polizei mit Blaulicht da war, hat kaum einer die Spur gewechselt und auch nicht angehalten. Bis auf zwei Polizisten in zivil.

Was haben Sie gemacht, als die Autos sicher standen?

Frisch:Ziemlich bald die Warnblinkanlage angeschaltet und mein Handy aktiviert, die 110 gewählt und einen Rettungswagen verständigt. Während des Gesprächs kamen die Polizisten. Die Frau war die ganze Zeit nicht ansprechbar. Aber der Krankenwagen war zum Glück schnell da. Wirklich super.

Wie hat die Polizei auf Ihr Manöver reagiert?

Frisch: Die war sehr freundlich. Ich fand es fast übertrieben, aber sie haben gesagt, dass sie so etwas in ihrer Laufbahn noch nicht erlebt haben.

Wissen Sie, wie es der Frau geht? Wollen Sie noch einmal Kontakt zu ihr aufnehmen?

Frisch:Soweit ich weiß, geht es ihr gut. Sie hat sich am Telefon bedankt. Ich war aber nicht dran. Dafür habe ich ihr eine Karte geschrieben. Von ihr kam auch eine zurück. Sie hat sich sehr darüber gefreut, dass ich ihr geholfen habe.

Wie groß ist der Schaden?

Frisch:Der Fiat hat schon ein bisschen gelitten. Die Fahrertür musste man mit einem Brecheisen aufmachen. Dafür möchte ich mich auch bei der Frau entschuldigen, dass ich ihr Auto demoliert habe.

Haben Sie Angst vor Konsequenzen? Übernimmt die Versicherung den Schaden?

Frisch: Gehört habe ich noch nichts. Es war ein gewaltsamer Eingriff in den Straßenverkehr. In dem Fall war es aber zum Glück ganz klar, ob es richtig oder falsch war. Die Polizisten haben meine Ängste auch gemildert. Sie meinen, die Versicherung übernimmt es schon. Und wenn nicht, wäre es halt so.

Würden Sie es wieder so machen?

Frisch:Ja, es war die richtige Entscheidung - für den Moment.
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