Alices Wunderland

Bei der Vernissage machte sie nicht viel Aufhebens um sich. Dabei gehört die 94-jährige Alice Psacaropulo zu den Größen der italienischen Kunstszene. Bilder aus ihren verschiedenen Schaffensphasen sind in der Galerie Recknagel ausgestellt. Bild: otj

Der Star der Vernissage ging in der gut gefüllten Galerie Recknagel fast ein bisschen unter. Die Malerin Alice Psacaropulo ist eine kleine Frau - aber eine Riesin in der italienischen Kunstszene.

Geboren 1921 in Triest, blickt Alice Psacaropulo auf 70 Jahre als akademische Malerin zurück. Schon bei der 24. Biennale 1948 wurden ihre Bilder gezeigt - in bester Umgebung: Auch Picasso, Chagall oder Beckmann stellten in diesem Jahr aus. Trotz dieser hohen Weihen präsentiert sie sich am Freitagabend in Weiden zurückgenommen. Mit einem charmanten, fast schüchternen Lächeln sitzt sie in ihrem Sessel und lässt die Blicke schweifen. Die Bilder sprechen für sich: Man könnte den Eindruck bekommen, die Ausstellung versammle Bilder unterschiedlichster Künstler. Das rührt her von einem langen Arbeitsleben. Sie war immer bereit, sich weiterzuentwickeln und dabei Stile wie Realismus, Kubismus und Expressionismus zu einer großartigen Synthese zu führen.

Eigener Ausdruck

Die Weidener Kunsthistorikerin Silke Winkler würdigt in ihrer Laudatio ein Leben im Dienste der Kunst. Studiert habe die Italienerin bei Felice Casorati, welcher der bedeutenden Künstlergruppe "Novecento" angehörte. Bei ihren sehr frühen realistischen Werken werde diese Schule besonders deutlich. "Doch Alice wäre nicht Alice, wenn sie der Lehre des großen Meisters nicht ihren eigenen Ausdruck verliehen hätte."

Ihre Stillleben und Porträts aus den 50er Jahren wurden von kubistischen Formen dominiert. Expressionistische Arbeiten entstanden in Honduras, wo die Künstlerin einige Zeit lebte. "Und in Alices Venedig-Bildern löst sich die Formenstrenge der früheren Werke beinahe gänzlich auf."

In diesem Werkzyklus befasse sich Psacaropulo mit der Frage: Wie könnte Venedig unter Wasser aussehen? Die Auseinandersetzung mit einem möglichen Untergehen der Lagunenstadt sei keineswegs pessimistisch. Venedig werde nicht untergehen. Doch das Gedankenspiel lasse wunderbare Werke entstehen.

Ein Thema, dem sich die Malerin recht spät zugewandt habe, sei der Geist der Musik. Dabei ist die Affinität dazu doppelt begründet. Zum einen sei ihr Sohn ein begnadeter Künstler. Zum anderen verwiesen ihre familiären Wurzeln auf die kykladischen Inseln. Bei den dortigen Idolen hat sich die Künstlerin Inspiration geholt. Die Statuetten von Flöte und Harfe spielenden Musikern charakterisiere die Gesichtslosigkeit. In ihren Bildern habe sie diese abstrahierten Gestalten integriert.

Träumerisch entrückte Welt

"Alice ist in ihrer letzten Werkphase also zu ihren Ursprüngen zurückgekehrt", sagt Winkler. Diese archäologische Spurensuche habe sie zum Ausgangspunkt ihrer Kunst gebracht. Das Figürliche stehe wieder im Mittelpunkt. "Doch diesmal im Kontext einer träumerisch entrückten Welt."

Auch die musikalische Begleitung zur Vernissage ist eine Familienangelegenheit: Psacaropulos Sohn Stefano Casaccia, Professor am Konservatorium in Triest, an der Blockflöte und Violinist Claudio Gasperoni spielen Barockes und Venezianisches.
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