Alle wollen ins Büro

Eine Expertenrunde berät in der Arbeitsagentur Weiden über Möglichkeiten zur Schließung der Fachkräftelücke: (von links) Ralf Kohl von der IHK-Regensburg, Wirtschaftsclub-Präsident Jürgen Spickenreuther, Arbeitsagentur-Chef Thomas Würdinger, Agentur-Bereichsleiter Bernhard Lang und Kreishandwerkerschafts-Geschäftsführerin Christa Neubauer-Kreutzer. Bild: sbü

Es mangelt an Lehrlingen und Fachkräften. Weil es einfach immer weniger Jugendliche gibt, die zudem oft lieber ein Studium als eine Ausbildung beginnen. Viele Ausbildungsplätze könnten jedoch besetzt werden, wenn häufiger die Berufe mit den besseren Arbeitsmarktchancen gewählt würden.

(sbü) Eltern und Schüler wählten häufig die "vermeintlich attraktiven Berufe". Diese hätten aber oftmals den schlechteren Arbeitsmarkt. So kommentierte Thomas Würdinger, Vorsitzender der Geschäftsführung der Arbeitsagentur Weiden, die Jahresbilanz 2013/2014 für den Ausbildungsstellenmarkt in der Region. Als Beispiel für Berufsentscheidungen, die weniger mit Blick auf den Arbeitsmarkt, sondern wegen des Berufsimage gefällt werden, nennt Würdinger die Büro- und Verwaltungsberufe. "Bürokaufleute und Verkäufer stehen an der Spitze der häufigsten Berufswünsche, aber auch an der Spitze der berufsspezifischen Arbeitslosenquoten."

Wie es gelingt, mehr Jugendliche von der Wahl eines "Mangelberufs mit sehr guten Arbeitsmarktchancen" zu überzeugen, darüber diskutierten Experten der Arbeitsagentur, der IHK, HWK und des Wirtschaftsclubs Nordoberpfalz anlässlich der Präsentation der Ergebnisse des abgelaufenen Ausbildungsjahres. Während noch in den vergangenen Jahren im Vordergrund stand, dass Jugendliche überhaupt irgendeinen Ausbildungsplatz finden, käme der "richtigen Wahl des Ausbildungsplatzes in Zeiten zunehmender Fachkräfteknappheit auch für die gesamte wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland große Bedeutung zu", erklärten die Experten.

Immer mehr studieren

Die Zahl der Jugendlichen geht zurück. Deshalb sei es besonders wichtig, Angebot und Nachfrage in den einzelnen Berufen besser in Einklang zu bringen. Die Jahresstatistik für den Bezirk der Arbeitsagentur Weiden enthält viele Einzelbeispiele für dieses Ungleichgewicht. So gab es am Ende des Ausbildungsjahres für Berufe im Bereich der Energietechnik 101 gemeldete Ausbildungsstellen, aber nur 45 Bewerber. Für die Angestelltenberufe in Unternehmen interessierten sich 371 Bewerber bei lediglich 214 Stellen. Ähnliches gilt bei den Arzt- und Praxishilfen: 140 Bewerber, aber nur 112 Stellen.

Unter Hinweis auf die zunehmenden Studentenzahlen sagte Ralf Kohl von der IHK Regensburg: "Wir müssen begreiflich machen, dass für viele Jugendliche die berufliche Bildung das Beste sein kann." Kohl berichtet auch von Prognosen, dass in der Oberpfalz bis 2030 rund 30 000 betrieblich ausgebildete Fachkräfte, aber nur 900 Akademiker fehlen würden. Und Christa Neubauer-Kreutzer, Geschäftsführerin der Kreishandwerkerschaft, verwies auf viele "anspruchsvolle Handwerksberufe mit guten Verdienstmöglichkeiten und Aufstiegschancen". Jürgen Spickenreuther, Präsident des Wirtschaftsclubs Nordoberpfalz, empfahl den Betrieben, in die Qualität ihrer Ausbildung zu investieren und junge Menschen am Ende ihrer Ausbildung auch zu übernehmen.

Zu wenig Bewerber

Die Gesamtbilanz des Ausbildungsjahres 2013/2014 fällt so aus: Es gab 1791 gemeldete Ausbildungsstellen bei 1576 Bewerbern. Noch vor sieben Jahren standen sich knapp 2900 Bewerber und gut 1500 Ausbildungsplätze gegenüber. 149 Stellen der Agenturstatistik blieben unbesetzt, 56 mehr als vor einem Jahr. Dazu bemerkten die Besucher, dass viele Betriebe längst resigniert hätten und ihre freien Ausbildungplätze nicht mehr melden.

Im Handwerk müsse - anders als im IHK-Bereich - laut Neubauer-Kreutzer in der nördlichen Oberpfalz mit rückläufigen Vertragszahlen und mehr unbesetzten Ausbildungsplätzen gerechnet werden.
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