Am Ende einer Epoche

Zahlreiche Preise und Auszeichnungen hat er schon bekommen. Viel Zeitkritisches zum Nachdenken präsentierte der Gesellschaftswissenschaftler Professor Dr. Meinhard Miegel im Café Mitte. Bild: Bühner

Es war nicht der erhobene Zeigefinger, sondern die Aufforderung zum Nachdenken über unsere Welt und unser Leben. Und wenn dieser Appell von einem der bekanntesten deutschen Gesellschaftswissenschaftler und Zeitkritiker kommt, ist die Aufmerksamkeit der Zuhörer sicher.

(sbü) Es war mäuschenstill im bis auf den letzten Platz voll besetzten Saal im Café Mitte in Weiden. Der Institutsleiter, Buchautor und Preisträger Professor Dr. Meinhard Miegel las aus seinem Buch "Hybris: Die überforderte Gesellschaft". Am Ende seiner Lesung, die er auch immer wieder durch freien Vortrag ergänzte, herrschte wieder Stille.

Erst nach längerer Atempause regte sich die erste Hand für eine Wortmeldung. Sie gab dem Professor die Gelegenheit zum dritten Mal den zentralsten Satz seines Vortrags zu wiederholen: "Es gibt kein Land, das sich innerhalb der Tragfähigkeitsgrenze der Erde bewegt." Miegel fasste damit zusammen, was er anhand vieler Einzelargumente belegt hatte. Vor allem, dass wir weit über unseren Bedarf hinaus produzieren und dass wir keine Zeit hätten, das Produzierte zu genießen. Und er ergänzte: "Ein Großteil der Menschen ist damit beschäftigt, nur Schäden zu beseitigen." Sie seien entstanden, weil die Gesellschaft ihre eigenen Entwicklungen und Projekte nicht beherrsche. Als Beispiele nennt Professor Miegel den Berliner Flughafen, die Kernenergie, die Informationstechnologie und das Internet, die Europäische Union und den Euro.

Ganz oben aber steht die "Super-Hybris Globalisierung". Es gebe niemand der den "Riesentanker Globalisierung fahren kann". Und der Professor fragte, "warum schaffen Menschen immer wieder Dinge, die sie nicht in den Griff bekommen". "Entgrenzung wegen der Säkularisierung des Christentums" lautet seine Antwort. Aus der Entgrenzung entstünden die vielen Dauerkrisen.

Soziale Ordnung zerstört

Der Zukunftsgläubige stürze sich in alles Neue. Früher hätten die Menschen das Glück nach dem Tod erwartet, jetzt solle das Himmelreich schon auf Erden entstehen. Professor Miegel kritisiert in diesem Zusammenhang auch die "Leichtigkeit, mit der über lange Jahre erkämpfte Persönlichkeits-Schutzrechte im Zeitalter der Informationstechnologie aufgegeben werden". Der Wissenschaftler errechnete zudem, "dass pro Kopf der Menschheit maximal 600 Dollar erwirtschaftet werden können". Unser Pro-Kopf-Einkommen sei deshalb nur über eine extreme ungleiche Einkommensverteilung möglich. Und der Professor meint, "die Europäer haben in asiatischen Ländern gut funktionierende soziale Ordnungen zerstört".

Für Miegel geht derzeit eine Epoche der Menschheitsgeschichte zu Ende. Er hoffe auf einen Paradigmenwechsel. Allerdings könne man den Paradigmenwechsel nicht beschließen, denn dieser entwickle sich nur allmählich. "Die Kunst der Beschränkung ist gefragt." Die Industrieländer sollten innehalten und fragen, "ob nicht weniger mehr sein könnte".

Der Buchautor empfahl, "die Dinge, die wir schon haben, mehr wert zu schätzen". Weltweit hätten Milliarden Menschen keinen Zugang zur Kultur. Veränderungen beginnen für Miegel immer zuerst bei den Minderheiten, denn "die Mehrheit setzt auf das alte Wertesystem". Schließlich bedauerte er auch, dass ein Satz der Kanzlerin in ihrer Neujahrsansprache zu wenig beachtet wurde. Sie sagte, "es muss eine Art des Wirtschaftens gefunden werden, die nicht unsere Lebensgrundlagen zerstört". Eingeladen hatten zu der Lesung Bund Naturschutz, Evangelisches Bildungswerk, Agenda 21, KEB, Bündnis 90/Grünen und ÖDP-Kreistagsfraktion.
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