Am liebsten bohrende Gesten

Es ist doch kinderleicht: Wenn Mama oder Papa gucken, zeigen die drei Kleinen mit Babyzeichensprache, was sie brauchen. Bei Lena (von links) ist beispielsweise etwas kaputt. Matthias möchte mehr. Und Alena, gerade mal zehn Monate alt, fragt, wo etwas herkommt. Bilder: hfz (3)

Babys können noch nicht sprechen. Dabei hätten sie so viel zu sagen. Ein Kurs zur Babyzeichensprache hilft den Kleinen und ihren Eltern, sich zu verständigen - und das lange bevor die ersten Worte aus dem Kindermund sprudeln.

Jakob ist 15 Monate alt. Hat er die Windel voll, streicht er mit den Händen über seine Beckenleisten. Am liebsten aber bohrt er einen Finger in die Wange. Damit zeigt der einjährige Jakob, dass er Lust auf Süßes hat. Das ist unmissverständlich. Zumindest für Mutter Angelika Dexheimer. Sie beherrscht schließlich die Zwergensprache, die auch Babyzeichensprache genannt wird.

Was in England und in den USA neben dem obligatorischen Babyschwimmen oder der -massage längst zum Standard-Kursangebot zählt, gibt es in Deutschland erst seit zehn Jahren. In Weiden startet am Mittwoch, 3. Dezember, erstmals ein Kurs zur Babyzeichensprache. Angelika Dexheimer, eine gelernte Erzieherin, leitet ihn. Sie verspricht allen Teilnehmern: "Das Kind wird am Ende weniger quengeln und weinen. Die Eltern müssen weniger nachhaken." Zum Beispiel beim Abendbrot.

Schluss mit Wutanfällen

Das Kind zeigt auf den gedeckten Tisch. "Willst du den Käse? Die Gurke? Die Semmel? " Bis das Kind nickt, kann es dauern. Oder einen Tobsuchtsanfall kriegen, weil die Eltern so lange nicht kapieren, was es will. "Mein Jakob tauscht sich mit mir aus, macht das Zeichen für Semmel, Butter und Tomate - und isst. Alles ist ganz entspannt." Und trotzdem bleiben viele skeptisch.

Im Fall von Jakob beispielsweise die Großeltern. Skeptisch waren sie, als Angelika Dexheimer den damals noch in Amberg angebotenen Kurs mit Jakob besuchte. "Sie haben einfach die Vorteile für uns alle nicht überrissen", sagt die Erzieherin. Zum Beispiel? "Jakob kann seine Bedürfnisse mitteilen. Er kann von sich aus einen Dialog eröffnen." Setzt sich ein Vogel auf den Baum vors Fenster, zeigt Jakob "Baum" und "Vogel". Das Kind, das die Zeichensprache nicht gelernt hat, deutet aus dem Fenster, sagt vielleicht noch "da" - und das Rätselraten bei den Eltern beginnt. Der Frust beim Kind steigt, wenn Mama das Tier nicht sieht. Fliegt der Vogel in der Zwischenzeit weg, schießen dem Kind Tränen in die Augen.

Aber braucht man das überhaupt, eine Verständigung mit dem Baby über Zeichen? "Ja", findet Angelika Dexheimer. "Dabei soll die Zeichensprache aber kein Ersatz für die Lautsprache sein", betont die Erzieherin. Die Zeichensprache überbrücke aber die Zeit, in der die Kinder schon viel zu sagen hätten, es aber nicht können. "Denn die Mundmotorik ist erst zwischen 12 und 20 Monaten soweit ausgereift, dass ein Kind zu sprechen beginnen kann. Die Handmotorik ist schon viel früher bereit: ab etwa sechs Monaten aufwärts. Das kann man nutzen", findet die Erzieherin.

Mehr Synapsen im Gehirn

Zudem würden beim spielerischen Erlernen der Zeichensprache beide Gehirnhälften gefordert. Die linke nimmt die akustischen Reize, also den Laut, auf; die rechte die visuellen Reize, also das passende Zeichen zum Laut. "Und unterm Strich werden so mehr Synapsen gebildet."

Auch Angelika Dexheimers großer Sohn Moritz (4) "spricht" Mamas und Jakobs Zeichensprache. Das führt schon mal zu Situationen wie dieser: Moritz muss bei der großen Familienfeier im Wirtshaus auf die Toilette. Allerdings plärrt er das nicht durch den Raum. Vielmehr sucht er Mamas Blick und streift mit dem Daumen über die Schulter. Wenig später verlassen die beiden diskret die Wirtsstube in Richtung Toilette.
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