An Grenzen stoßen

Um ein sehr emotionales Thema ging es beim jüngsten "Filmgespräch" im Neue-Welt-Kino. An der intensiven Diskussion beteiligten sich unter anderem (von links) Dr. Jürgen Hahn, Dr. Cornelia Radeck, Pfarrer Herbert Sörgel (Moderator), Irmgard Reitzig (Caritas) und Hans Bräuer (Katholische Erwachsenen-Bildung). Bild: uz

Ein alter Mann, eine alte Frau. Seit Jahrzehnten ein harmonisches Paar. Dann der Hirnschlag. Die Gattin wird zum Pflegefall. Eine harte Prüfung, eine menschliche Katastrophe.

Die berührende Situation zweier Menschen gab beim "Weidener Filmgespräch" Anlass, über spezielle Zuwendung und Tötung als Liebesakt zu diskutieren. Zuvor hatten sich die Gäste im Neue-Welt-Kinocenter gemeinsam den hochdekorierten Film "Liebe" von Regisseur Michael Haneke angesehen.

In dem Streifen ging es um die herzzerreißende Episode einer tiefen Liebe, die zeigt, dass es trotz aller Widrigkeiten Sinn hat, den langen Weg durchs Leben gemeinsam zu gehen. Nicht umsonst wurde der Film unter anderem mit der Goldenen Palme in Cannes und dem Oscar als bester fremdsprachiger Film ausgezeichnet. In dem Streifen erfüllt der Mann seiner Frau den Wunsch, sie niemals in ein Pflegeheim zu stecken - mit dramatischen Konsequenzen.

"Nicht jeder, der arbeitslos ist, kann in der Pflege arbeiten", betonte die Pflegedienstleiterin der Caritas-Sozialstation, Irmgard Reitzig. Sie bezog sich mit ihrer Feststellung auf Forderungen der Politik. Dass Gewalt in der häuslichen Pflege in Momenten der Verzweiflung vorkommen könne, wie im Film gezeigt, habe sie selbst schon erlebt. "Man kann als Pflegender, wenn man auf sich alleine gestellt ist, schnell an seine Grenzen stoßen. Wer das noch nicht gemacht hat, kann das alles gar nicht nachvollziehen."

Diskussionsleiter Pfarrer Herbert Sörgel zeigte sich tief beeindruckt von dem alten Mann, der seine Frau aufopferungsvoll pflegt. So traurig, wie im Film gezeigt, gehe es in der professionellen Pflege eigentlich gar nicht zu, betonte Irmgard Reitzig. Manche Menschen könnten sich an vieles gewöhnen, selbst wenn sie bettlägerig seien. Pflege sei ein dauerndes Auf und Ab. "Es gibt Phasen, da wollen sie sterben. Dann gibt es wieder welche, da wollen sie es nicht."

"Es gibt in solchen Fällen die Patientenverfügung", brachte Neurologin Dr. Cornelia Radeck ein. Die Fachärztin beleuchtete die medizinischen Aspekte des Films. Die panische Angst vieler älterer Menschen vor dem Pflegeheim komme aus "der alten Zeit." Früher sei es wirklich oft schlimm in den Heimen gewesen.

Eine Pflege zu Hause, wie früher üblich, sei fast nicht mehr möglich, fuhr Irmgard Reitzig fort. "Die Familie ist berufstätig, oft auswärts. Die Zeit der Großfamilie ist längst vorbei."
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