Anleger befragen die Karten

Das Amtsgericht in der Bismarckstraße in Rosenheim: Hier war am Montag die Weidener Justiz zu Gast. Bild: ca

Diese Woche Rosenheim. Nächste Woche New York. Die 1. Große Strafkammer des Landgerichts Weiden hörte am Montag zwei oberbayerische Zeugen im Betrugsprozess Wolfgang S. vor Ort in Rosenheim. Dabei erfuhr die Kammer unter anderem, dass sich Fußballer des FC Bayern die Karten lesen lassen.

Hintergrund für den Außentermin: Eine 49-Jährige aus Kolbermoor hatte aufgrund der pflegebedürftigen Mutter nicht nach Weiden kommen wollen. Die ehemalige Bekannte von Wolfgang S. gilt aber als wichtige Zeugin, kann sie doch Auskunft geben über die Anfangsjahre des mutmaßlichen Millionenbetrugs ab 2006.

Ein bisschen Glitzer

Also reist das Gericht an - mitsamt Schöffinnen, Ersatzrichtern, Staatsanwalt Hans-Jürgen Schnappauf, Verteidigern und dem Angeklagten mit Polizeibegleitung. Der Ausflug lohnt sich schon allein wegen des Unterhaltungswerts: Im historischen Amtsgericht Rosenheim hat zunächst die Dame aus Kolbermoor ihren Auftritt. Fast 50, wasserstoffblonder Zopf bis zur Hüfte, dazu spektakulär lange Fingernägel, die Sorgen um die pflegebedürftige Mutter aufkeimen lassen. Den beigen Mantel mit Leopardenplüschkragen behält sie an. An den Zeugentisch von anno dazumal lehnt sie zwei Glitzertaschen. In breitem Oberbayerisch erzählt sie, wie sie über verschiedene Freundinnen an Wolfgang S. gekommen ist. "Es gäbe da einen Herren, der bräuchte Hilfe." Ihm sei das Geld eingefroren worden - und nur durch Gebühren auszulösen. Was man zahle, bekomme man doppelt zurück.

Die spirituell interessierte Dame aus Kolbermoor war vollkommen überzeugt. Auch, weil sie ihre Kartenleserin befragte: "Die hat immer eine positive Antwort bekommen." Dabei handelte es sich nicht um irgendeine Kartenleserin, sondern um "Frau Huber, eine professionelle": "Da gehen alle hin, die Rang und Namen haben." "Wer denn?", sind die Richter neugierig. "Alle Bayern-Spieler", behauptet die Oberbayerin: "Mehr sog i net. Aber 50 Prozent von denen genga da regelmäßig hi." Richter Markus Fillinger versinkt im Rosenheimer Richtersessel. Ein Bayern-Fan.

Treffen im Kempinski

Die Frau aus Kolbermoor erwärmt sich fürs Thema. "Was die mir gelegt hat, hat auch alles gestimmt." Darauf Vorsitzender Richter Walter Leupold trocken: "Na, Ihr Geld haben Sie noch nicht."

2500 Euro hat sie für die Sache Wolfgang S. gegeben. Und weil sie selbst so knapp bei Kasse war, haben ihr damaliger Lebensgefährte und dessen Vater noch eine fünfstellige Summe beigesteuert. Die blonde Oberbayerin war es auch, die Wolfgang S. mit dem jetzt inhaftierten Amberger Finanzberater zusammenbrachte. Das Treffen ging im Hotel Kempinski in München über die Bühne. Im Kempinski wartete sie auch auf Wolfgang S., als er 2006 von einem Johannesburg-Flug eintraf. Dazu der Kontoauszug vom südafrikanischen "Kings Security Treasury Depot" - "ich hab' des alles 'glaubt."

Ohnehin, warum zweifeln? "Die Tabakfirma und alles: Das hat ja Bestand gehabt", sagt die 49-Jährige treuherzig. "Ich habe ein Prospekt bekommen, wo die Tabakfabrik drauf war." Kolbermoorer Logik: "Wenn i zum Arzt geh und der hat draußen a Schildl, wo Arzt draufsteht, dann ist doch auch ein Arzt drin."

Der zweite Zeuge - ein Unternehmensberater (69) aus Dachau - schafft es dann, dass die 100-jährigen Wände des Amtsgerichts Rosenheim wackeln. Landgerichtspräsident Leupold poltert los, nachdem er sich eine Stunde windelweiche Ausflüchte angehört. Der Oberbayer war von Michael S., Geschäftsführer der Firma im Landkreis Tirschenreuth, mit einer Wertfeststellung des Unternehmens beauftragt. Der Bruder von Michael S. sollte ausbezahlt werden. Der Berater taxierte den Anteil auf 7 Millionen Euro ("eigentlich kam ich ja auf 9,5 Millionen")und ließ dabei die dubiosen Millionendarlehen an Wolfgang S außen vor.

Der Unternehmensberater, klein und kahlköpfig, wusste von den Zahlungen: "Ich dachte, wenn sich ein Unternehmer wie Michael S. zu 150 Prozent sicher ist, warum sollte ich das in Frage stellen?" Außerdem: Ein Schulfreund sei Banker in München. "Der sagt: Du glaubst nicht, was die Banken alles anstellen. Die schieben das Geld hin und her und wieder zurück." Mit seinen kurzen Fingern schiebt er seinen Aktendeckel auf dem Zeugentisch hin und her und zurück. Seine Wangen glühen. "Und irgendwann kann's wirklich sein, dass der, dem's gehört, nicht mehr weiß, wo sein Geld eigentlich ist."

Lieber Semmeln backen

Unternehmensberatung auf Oberbayerisch. Ein sechsstelliges Honorar war vereinbart. Leupold reicht's. "Fangen S' des Semmerl backen an! Aber tun S' bittschön keine Unternehmen mehr beraten!" Manche Berufe gehörten besser geschützt.

Die Beweisaufnahme im Fall Wolfgang S. neigt sich nach 25 Prozesstagen seit Juli dem Ende entgegen. Aktuell sind noch sieben Prozesstage mit einer Handvoll Zeugen terminiert. Am Donnerstag wird der Amberger Finanzberater in Weiden gehört. Nächste Woche folgen die sechs amerikanischen Zeugen in New York. Verteidiger Jörg Jendricke verzichtet am Montag im Scherz auf weitere Feststellungen: "Die Karten lügen nicht. Wir können plädieren."
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