Auf Krawall gebürstet

Dauerstreitpunkt Fesselung: Auch am Freitag protestierten die Anwälte - vergebens - gegen Fußfesseln während der Verhandlung. Issa M., ältester Angeklagter, wurde zudem (nach Ärger in der JVA) in Handfesseln ins Gericht gebracht. Leupold: "Das ist Entscheidung der Polizeibeamten, nicht meine." Bild: Hartl

Das Zeit und Nerven raubende Spiel nennt sich "Konfliktverteidigung". Die zehn Verteidiger (zwei waren verhindert) im Schleuserprozess stellen am Freitag über ein Dutzend Anträge. Unter anderem wollen sie die Verlesung der Anklageschrift verhindern. Das gelingt ihnen nicht.

(ca) Landgerichtspräsident Walter Leupold lässt die Anklage verlesen. Staatsanwalt Christian Härtl wirft den fünf Tschetschenen vor, in 29 Fällen rund 175 Landsleute von Polen nach Deutschland geholt zu haben. Dabei sollen sie in wechselnder Besetzung beteiligt gewesen sein, anzuklagen des gewerbs- und bandenmäßigen Einschleusens in 8 bis 15 Fällen. Keiner der Angeklagten will sich äußern. "Wir werden uns zunächst schweigend verteidigen", sagt Anwalt Janusch Nagel aus Limburg. Die Kollegen tun es ihm gleich.

Musterbeispiel Fall 17. Der Jüngste im Bunde, Ruslan M. (28), akquirierte die Kunden in Polen, in diesem Fall ein namentlich bekanntes Ehepaar mit sechs Kindern (2 bis 12 Jahre). Magomad T. (40) und Ruslan A. (32) sollen sich um die Transportmöglichkeit gekümmert haben. Umar T. (29) und Issa M. (49) haben laut Staatsanwalt den Transport koordiniert. Die Tour ging über die A 4 bei Görlitz nach Berlin.

Weitere Routen führten über die A 15 bei Forst und die A 6 bei Waidhaus. Die Familien zahlten üblicherweise um die 1500 Euro, wobei etwa 400 Euro bei den polnischen Fahrern blieben. Auftraggeber waren oft Verwandte - Schwester, Bruder, Mutter -, um die Familien mit bis zu sieben Kindern nachzuholen. Von vielen Kindern sind die Namen nicht bekannt. Auch nicht von allen Fahrern.

Den Anwälten ist die Anklageschrift zu wenig konkret. Leupold weist das zurück: Namen seien nicht erforderlich, Ort und Zeit und Anzahl der Personen seien "hinreichend konkretisiert". Ohnehin: Erst am Ende der Beweisaufnahme entscheide das Gericht, ob der Tatnachweis geführt werden konnte.

Alle Anwälte beantragen jeweils eigene Dolmetscher neben sich. Die anwesende Übersetzerin reicht nach Ansicht des Kölners Raphael Brugger nicht aus: "Mein Mandant braucht jederzeit die Möglichkeit, mit mir zu sprechen." Sein Antrag erscheint endlos. An einer Stelle vergisst er beim Vorlesen vom Laptop, den Text nach unten zu scrollen. Zuletzt zweifeln die Verteidiger noch die Rechtmäßigkeit der Telefonüberwachung an, auf die sich die Anklage stützt.

Das Verfahren geht in die "Weihnachtspause". Für 8. Januar, 9 Uhr, sind dann über 15 Zeugen geladen.
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