Beim Betrugsprozess Ermahnung des Landgerichtspräsidenten an die Adresse des Angeklagten
"Hören Sie auf mit dem Unsinn"

"Sie waren James Aramanda gänzlich unbekannt." Landgerichtspräsident Walter Leupold konfrontiert den Angeklagten im Betrugsverfahren mit den Aussagen der US-Zeugen. Nach 29 Prozesstagen zieht Wolfgang S. erstmals in Betracht, womöglich selbst Betrügern aufgesessen zu sein.

Die Aussagen entlarven seine Storys als Märchen. Leupold spart am Dienstag nicht mit deutlichen Worten. "Es kann sein, dass uns die sechs Amerikaner die Unwahrheit gesagt haben - oder Sie." Im ersten Fall müsste es sich um ein "Riesenkomplott" von Clearing House, FBI und Federal Reserve handeln. Alles, was Wolfgang S. über James Aramanda erzählt habe, habe sich in New York als falsch entpuppt. Der CEO von Clearing House hat seinen angeblichen Duz-Freund Wolfgang S. nie getroffen. Für Freunde sei er ohnehin Jim. "Er ist verheiratet, seine Frau ist nicht an Krebs gestorben, sie heißt auch nicht Susan, und die Schwiegereltern wohnen auch nicht in Ohio." Seine Kinder sind wohlauf und nicht, wie behauptet, bei einem Autounfall tödlich verunglückt.

Gleiches gilt für die angeblichen Geschäfte mit Clearing House. "Clearing House hat mit Privatkunden nichts am Hut. Die vermitteln nur Bankgeschäfte im Dollarhandel." 27 Millionen Euro seien da "Peanuts". "Die sind im Billionenfachem unterwegs und zwar täglich", so Leupold.

Der befragte FBI-Agent Gregory Coleman ist Experte für Vermögensabschöpfung. "Er sagt: Wenn wir Gelder festhalten, dann behalten wir die für die Vereinigten Staaten, weil es sich um Verstöße handelt." Es würden keinesfalls Gelder festgehalten, um Steuern oder Gebühren zu fordern. Beim FBI gibt es auch keinen "Bernard Johnson". Der einzige Beschäftigte dieses Namens war ein Hausmeister, der seit 2003 in Rente ist.

Auf eines wiesen alle sechs US-Zeugen hin: Der Missbrauch von Clearing House und Federal Reserve sei bei der Abwicklung betrügerischer Handlungen typisch. Der Fed-Zeuge gab den Weidenern eine Handreichung über Vorschussbetrug mit.

Leupold legt dem Angeklagten "intensiv" ans Herz, seine bisherige Einlassung zu überdenken. "Wollen Sie sich nicht lieber Gedanken darüber machen, welches Strafmaß bei einer Verurteilung vorstellbar ist?" Er weist auf eine alte Münchner Strafe hin, die einbezogen werden müsste. In beiden Betrugsfällen liege die Strafhöchstgrenze bei 15 Jahren. "Zusammengezählt also theoretisch 30 Jahre.

"Vielleicht war ich dumm"

Wolfgang S. kündigt eine ausführliche Antwort für den 7. Januar 2015 an. "Ich habe in gutem Glauben gehandelt", versichert der 68-Jährige. "Vielleicht war ich dumm. Und ich weiß, Dummheit schützt vor Strafe nicht." Erstmals zieht er in Betracht, selbst Betrügern aufgesessen zu sein. "Das kann sein." Er werde versuchen, Benson Mayo aus Südafrika als Zeugen nach Weiden zu holen.

Und schon rutscht der Angeklagte wieder in altes Fahrwasser. Er beharrt darauf, Aramanda getroffen zu haben: "Da steht Aussage gegen Aussage. Warum sollte ich lügen?" Die 27 Millionen "waren in Valencia schon drin", ehe sie nach New York gingen. An dieser Stelle platzt Staatsanwalt Hans-Jürgen Schnappauf der Kragen: "Jetzt hören Sie endlich mal auf, uns diesen Bullshit zu erzählen." Das mildert er dann ab in "Unsinn". Verteidiger Jörg Jendricke führt ins Feld, dass Wolfgang S. seinerseits Betrugsopfer sein könnte: "Es gibt die Möglichkeit, dass Herr S. selbst - auf Bayerisch gesagt - beschissen worden ist, von einer Person, die sich als Aramanda ausgegeben hat." Dem pflichtet Kollege Rechtsanwalt Helmut Miek bei. Vorstellbar sei, "dass ihm bestimmte Leute suggeriert haben: Du hast einen Haufen Geld".

Es ist der Tag der Selbsterkenntnisse: Der Hauptgeschädigte Michael S. attestiert sich selbst eine "schlechte Menschenkenntnis". Noch heute habe er nämlich "ein gutes Bauchgefühl", was Wolfgang S. betrifft. Der Ex-Unternehmer hofft noch immer auf die Rückzahlung seiner über zehn Millionen Euro: "Wenn Sie das von Amerika sagen, dann bricht für mich eine Welt zusammen."

Psychiater Dr. Otto Schwerdtner kündigt bis Mitte Januar sein Gutachten an. Er prüft, inwieweit der Angeklagte schuldfähig ist.
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