Bereichernde Herausforderung

Was bedeutet die Aufnahme von Flüchtlingen an einer Grundschule? Viele neue Aufgaben, aber auch viel Positives, meinen Rektorin Evelyn Dineiger (links) und Schulamtsdirektorin Christine Söllner. Bild: Hartl

Sprachbarrieren und Kinder, die in so jungen Jahren schon Traumatisches erlebt haben: Nein, leicht ist die Aufnahme von jungen Flüchtlingen an Schulen wie der "Albert Schweitzer" nicht. In einer ersten Bilanz überwiegt dennoch etwas anderes: Die Aufgabe mag herausfordern, vor allem aber ist sie bereichernd.

Wer's in der Arbeit gern durchgeplant mag, für den ist das nichts: "Flexibilität", das ist das erste Wort, auf das Rektorin Evelyn Dineiger kommt. Und das noch x-mal im Verlauf des Gesprächs fallen wird. Flexibel müssten sie immer wieder sein an ihrer Albert-Schweitzer-Schule, sagt sie. In der Stockerhut mögen sie eh schon viel Erfahrung mit Integrationsarbeit haben. Seit aber vermehrt Flüchtlingskinder die Schule besuchen, brauche es noch viel mehr die Fähigkeit, neue Lösungen zu suchen, umzuplanen. Etwa, wenn an einem Montag plötzlich eine Mutter mit zwei Kindern vor der Schule steht. Flucht vor Krieg richtet sich nunmal nicht nach Einschreibungsfristen.

Überraschend wenige

14 Flüchtlingskinder - ihr Status reicht vom Bewerber bis zum Geduldeten - sind es derzeit an der "Albert-Schweitzer". Die Hälfte davon in der "Flexiblen Eingangsstufe 1/2". Die Schule ist nur ein Beispiel. Auch andere im Schulamtsbezirk, etwa die "Gerhardinger", haben Flüchtlinge in ihren Klassen. Die Zahlen ändern sich immer wieder. Sind aber noch längst nicht so hoch, wie sie erwartet hätte, sagt Schulamtsdirektorin Christine Söllner. Warum? Sie weiß es nicht. Jedoch ist auch eine kleinere Zahl dieser Kinder eine Herausforderung. Aber eine, die vor allem viel Positives für alle mit sich bringt, sagen Dineiger und Söllner in einer ersten Bilanz vor den Herbstferien.

Beispiel Schweitzer-Schule: Hier haben sie seit September eine Deutsch-Förderklasse. Die jungen Flüchtlinge, aber auch andere Kinder, die Schwierigkeiten haben, bekommen 14 Stunden die Woche gesonderte Sprachförderung. Dafür verlassen sie ihre normalen Klassen während Fächern, in denen sie wegen Sprachbarrieren eh kaum folgen könnten. Bei Handarbeit etwa kehren sie aber zurück - und freuen sich auf die regulären Klassenkameraden, wie Dineiger sagt. Für die Lehrer - nicht nur in den Förderklassen - "ist die Arbeit äußerst anspruchsvoll". Aber offenbar erfolgreich. Erste Schreibübungen absolvieren die Kinder jetzt jedenfalls schon. Ohnehin, betont Dineiger: Der Lerneifer der Neuen beeindrucke sie tief.

In anderen Schulen ohne diese speziellen Klassen, ergänzt Söllner, übernehmen Förderlehrer, oft mit Zusatzausbildung, diesen Part. Dank "toller Arbeit" funktioniere die Sprachbildung auch hier. Wobei die neuen Anforderungen weit übers Sprachliche hinausgehen. Für viele Flüchtlingskinder "ist Zuwendung das A und O", wie Dineiger sagt. Die Kleinen hätten oft Traumatisches erlebt. Sie selbst habe Schicksale gehört, die "mich zutiefst getroffen" haben. Die Erfahrungen der Kinder machen sich auch im Schulalltag bemerkbar. Wenn die Kinder plötzlich weinen, wenn sie im Unterricht nicht mehr mitmachen. Hier sei nicht zuletzt die Kollegin gefordert, die Jugendsozialarbeit an der Schule leiste. Keine leichte Aufgabe, die sie aber großartig bewältige.

Keine bösen Worte

Natürlich gebe es auch Eltern, die sich angesichts der Veränderungen sorgen. Da sei es auch gut, dass sie sich darüber mit den Lehrern unterhielten. Aber, das betont die Rektorin, böse Worte fielen noch nie. Im Gegenteil: Der Elternbeirat biete seine Unterstützung für die Flüchtlinge an. Ohnehin überwiegen für die Schule die Vorteile. Nicht nur, dass es auffällig sei, dass die neuen Kinder "keine Schwierigkeiten, keinen Ärger machen" und "sich einbringen wollen". Ihre Anwesenheit bringt auch bei den anderen Kindern Bemerkenswertes zutage: "Sie übernehmen Verantwortung für sie - nicht bloß die Lehrer -, weil sie merken, dass da jemand Unterstützung braucht".

Daneben lernen die Kinder dank Flüchtlingen - aber auch Migranten, deren Eltern schon länger in Deutschland leben - mehr über andere Kulturen. Und bekommen so Zugang zu diesen, wie es ihn sonst wohl kaum gäbe. Nicht nur aus Erzählungen, sondern auch mal ganz kulinarisch. Für ein Schulfest im Mai haben etwa jetzt schon Flüchtlingseltern angeboten, Speisen aus der Heimat beizusteuern. Oder es komme auch mal vor, dass manche der Schüler wegen muslimischer Feiertage eigentlich frei hätten. Dann stehen sie aber doch vor der Schule - um den anderen etwas von ihren Festtagsspeisen vorbeizubringen. Es sind solche Momente, die wohl der Lohn sind für die Flexibilität.
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