"Blut ist dicker als Wasser"

Justiz

Der Zeuge ist weiß wie die Wand. Der 20-Jährige ist der Cousin des Angeklagten. Er soll im Zimmer gewesen sein, als der 29-Jährige seine Freundin misshandelte. Eine Stunde lang beharrt der junge Mann: "Ich habe nichts mitbekommen." Bis die Handschellen klicken. Dann knickt er ein.

Der Angeklagte ist x-fach vorbestraft: Jetzt läuft er Gefahr, wegen Freiheitsberaubung, gefährlicher Körperverletzung und Vergewaltigung über Jahre einzurücken. Die Zeugen im Prozess stehen ganz offensichtlich unter Druck. "Haben Sie Angst?", fragt Anwältin Anne Brünnig (Nebenklage) den 20-jährigen Cousin. "Nur vor Gott", behauptet der. Aber er sagt auch: "Ich will kein Verräter sein. Blut ist dicker als Wasser."

Er hat eine der Tatnächte im Zimmer des Angeklagten verbracht, der damals in der Wohnung des Vaters in der Innenstadt lebte. Mit dem Angeklagten und seiner Freundin (28) habe er erst ferngesehen und sei dann auf dem Sofa eingeschlafen. In der ersten Version, die er dem Gericht auftischt, hat ihn der Angeklagte gegen 4 Uhr geweckt und heimgeschickt. In der zweiten Version ist er von einem Streit aufgewacht.

Landgerichtspräsident Walter Leupold hält ihm die Aussage der Hausbewohner vor. "Die Frau schrie: Lass mich gehen, ich will zu meiner Mutter. Ich hatte den Eindruck, sie wird gerade vergewaltigt", sagte ein Nachbar der Polizei. "Das ging üblicherweise über zwei Stunden. In dieser Nacht hat es nicht mehr aufgehört. Ich habe auch gehört: Der hat ja eine Waffe." Wiederkehrend die Worte: "Hör auf, hör auf, hör auf." Im Klinikum attestierte ein Arzt um 7 Uhr - unter anderem - zehn teils handtellergroße Hämatome an den Beinen. Leupold: "Es ist nicht vorstellbar, dass ein junger Mann, der in dieser Wohnung ist, nichts mitbekommt."

Staatsanwalt Hans-Jürgen Schnappauf lässt den Cousin wegen Verdachts der Falschaussage festnehmen. Polizeibeamte und Justizwachtmeister führen ihn aus dem Saal. Seine Mutter läuft schreiend hinterher. Der Zeuge überlegt es sich auf dem Weg zum Polizeiauto anders und wird erneut vernommen. Dritte Version: Der Angeklagte habe ihn aufgerüttelt. Aus Eifersucht. "Ich habe bei Allah geschworen, dass ich nichts mit ihr hatte. Ich habe geweint." Der Angeklagte habe das Opfer gegen die Wand geworfen ("ein guter Schubser"). "Ich bin losgerannt."

Damit bestätigt der Zeuge die Aussage des Opfers über diese Nacht. Der Angeklagte versucht im Prozess, an der Glaubwürdigkeit seiner Ex zu rütteln. War sie eingesperrt? "Ne." Geschlagen? "Wir haben uns oft geschlagen, aber das war immer ein gegenseitiges Hin und Her." Und die Verletzungen? "Sie hat Stühle und den Tisch umgetreten."
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