Braucht es das Gewerbegebiet Weiden-West IV?
Eine Frage, zwei Meinungen

Am geplanten Gewerbegebiet Weiden-West IV scheiden sich die Geister. Bild: M. Ascherl
 
Bürgermeister Jens Meyer.
 
Sonja Schuhmacher, Vorsitzende der Bund-Naturschutz-Ortsgruppe Weiden.

Eine dringend nötige Maßnahme zur Arbeitsplatzbeschaffung? Oder völlig überzogene Waldvernichtung?

Am geplanten Gewerbegebiet Weiden-West IV (gegenüber West I - III an der Bundesstraße 470) scheiden sich die Geister. Am Sonntag, 9. November, sind die Weidener zum Bürgerentscheid aufgerufen. West IV – ja oder nein? Eine Frage, die Bürgermeister Jens Meyer und Sonja Schuhmacher, Ortsvorsitzende des Bundes Naturschutz, für sich selbst längst beantwortet haben. Hier nennen sie ihre Argumente.

Pro: Jens Meyer



Aus welchen Gründen braucht es das Gewerbegebiet West IV.?

Ohne Gewerbegebiete entwickeln sich weder bestehende Unternehmen am Standort, noch gelingt es, neue Unternehmen für unser Weiden zu interessieren. Allein 2014 erreichten die Stadt 62 Flächenanfragen in einer Größe von rund 70 Hektar mit einem Potenzial von mindestens 475 Arbeitsplätzen unterschiedlichster Branchen (Gastronomie, Automobil, Handwerk, Handel, Metallbau usw.). Für großflächige Entwicklungen besteht augenblicklich keine Angebotsmöglichkeit, obwohl diese gerade in letzter Zeit für hochinteressante Zukunftsbranchen bayernweit nachgefragt werden. Die Stadt verfügt derzeit nur noch über acht Hektar Gewerbefläche im Gewerbegebiet Weiden-West. Maximal zusammenhängende Flächen sind nur noch in einer Flächengröße von 2,4 Hektar anzubieten, im Gewerbegebiet "Westlich der Neustädter Straße" sind nur noch kleinparzellige Flächen von insgesamt 1,8 Hektar frei.

Der durchschnittliche jährliche Flächenbedarf von rund zwei Hektar bestätigt den Handlungsdruck. Bereits jetzt melden ortsansässige Unternehmen Erweiterungsbedarf an, das heißt, auch im Bestand ist es zwingend nötig zu handeln. Die Stadt hat deshalb in vorbereitenden Untersuchungen Potenzialflächen in Weiden und interkommunal untersucht und - unter Beachtung aller Restriktionen, die sich aus Siedlungsstruktur, überörtlichen Verkehrsachsen, Natur- und Landschaftsschutz, Biotop- und Biotopverbandsflächen, Hochwasserschutzzonen und Überschwemmungsgebieten ergeben - ermittelt, ob und wo Entwicklungschancen für ein neues Gewerbegebiet bestehen: Es verbleibt das Gebiet "Weiden-West IV".

Wichtig ist auch, dass Weiden mit einer Arbeitslosenquote von 6,5 Prozent deutlich über dem bayerischen Landesdurchschnitt (3,5) liegt und Arbeitsplätze von Unternehmen geschaffen werden, wenn die Rahmenbedingungen passen.

Gibt es dazu Alternativen ?

Aus den bereits zuvor ausgeführten Gründen haben wir keine Alternativen dazu.

Warum sind Ihrer Meinung nach die Folgen für die Umwelt hinnehmbar ?

Der artenschutzrechtliche Fachbeitrag kommt zu dem Fazit, dass das geplante Vorhaben für alle nachgewiesenen oder potenziell vorkommenden artenschutzrechtlich relevanten Arten bei Beachtung der Minimierungs-, Vermeidungs- und Sicherungsmaßnahmen unter Gesichtspunkten der artenschutzrechtlichen Prüfung als verträglich einzustufen ist. Das Gebiet wird Schritt für Schritt nach dem tatsächlichen Bedarf entwickelt. Mehr als 30 Hektar der untersuchten Fläche bleiben unangetastet. Der Bereich in Richtung Naabauen erfährt zudem eine ökologische Aufwertung.

Was wäre die Folge für Weiden und die Region, wenn Weiden-West IV nicht verwirklicht werden würde ?

Unsere Stadt könnte sich dann nicht mehr weiterentwickeln. Schon jetzt verlangen die Konsolidierungs-Maßnahmen der Stadt und ihren Bürgern Einiges ab. Nur wenn es wirtschaftlich aufwärts geht, können wir optimistisch nach vorne schauen.

Falls sich am 9. November keine Mehrheit für das Gewerbegebiet ausspricht, dann ...

Die Verfahrensweise müsste dann gemeinsam mit dem Stadtrat diskutiert und festgelegt werden. Ich setze aber auf das Interesse unserer Bürgerinnen und Bürger für eine Entscheidung in Richtung einer positiven Zukunft unserer Stadt.

Wie viel Verständnis haben Sie für die Gegner von West IV?

Natürlich nehmen wir die Sorgen und Ängste unserer Bürgerinnen und Bürger ernst. Jeder darf zum Thema eine eigene Meinung vertreten. Genau deshalb führen wir einen Bürgerentscheid durch. Zudem haben wir ja schon im Vorfeld Experten ins Boot geholt, um dieses Gebiet sowohl ökologisch als auch ökonomisch im Einklang entwickeln zu können.


Contra: Sonja Schuhmacher



Welche Gründe sprechen gegen das Gewerbegebiet West IV?

Große Flächen ziehen nicht unbedingt gute, solide Firmen an. Wer sagt, dass sich hier nicht ein Mega-Schlachthof ansiedeln will? Oder dass ein Unternehmen große Lagerhallen baut mit nur zwei bis drei Beschäftigten? Ein großes, ökologisch wertvolles Waldgebiet zu erhalten, hat einen höheren Stellenwert. Ist es erst einmal vernichtet, dauert es mindestens 100 Jahre, bis ein vergleichbarer Wald nachgewachsen ist. 100 Hektar Wald binden jedes Jahr 1000 Tonnen CO2, produzieren 30 000 Tonnen Sauerstoff, filtern 50 000 Tonnen Staub, bilden 100 000 Liter Trinkwasser und bieten ca. zehn Beschäftigten Lohn und Brot. Zudem dient der Wald an der B 470 als Pufferzone für die ökologisch sensible Schweinenaab mit ihrem großen Artenreichtum, versorgt uns als Frischluftschneise mit guter Luft und als Filter mit klarem Grundwasser.

Sehen Sie Alternativen?

Flächenrecycling, zum Beispiel 20 Hektar bleiverseuchtes Gelände in Altenstadt, nur einen Kilometer vom Gewerbegebiet Weiden am Forst entfernt. Bahnhofsgelände Weiden, Flugplatz Weiden, Flächen neben der Autobahn. Interkommunale Zusammenarbeit: Im Umland von Weiden sind 250 Hektar voll erschlossenes Gewerbegebiet vorhanden.

Warum sind Ihrer Meinung nach die Folgen für die Umwelt nicht hinnehmbar?

Wir leben in einer Zeit eines Klimawandels, der nicht nur ökologische Räume, sondern auch unsere Zivilisation bedroht. Waldvernichtung ist hier ein No-Go, kommt gar nicht infrage, weder in Weiden noch am Amazonas. Die ungehemmte Wachstumspolitik, die für wenige immensen Reichtum schafft und viele in die Armut treibt, bereichert sich auch auf Kosten der Natur. Die Folge ist ein beispielloses Artensterben. In dem bedrohten Wald gibt es 50 Brutvogelarten (davon 19 geschützt), 16 Fledermausarten (davon 13 auf der roten Liste), mehrere Amphibien- und Reptilienarten sowie 62 Ameisenhügel. Ein Kiefernmischwald wie dieser kann aber, wenn er erhalten bleibt, die Folgen der bevorstehenden Klimaerwärmung überstehen. Die Versiegelung wird hingegen zu Hochwasser in der Weiding führen.

Geraten Weiden und die Region ohne West IV nicht ins Hintertreffen?

Nein. West IV beruht auf einer veralteten Wachstumsideologie, die meist weder vernünftige Arbeitsplätze schafft, noch den Menschen nützt. Wir sind für Qualität statt Quantität. Weiden wird gedeihen dank seiner Lebensqualität - das zieht solide mittelständische Firmen mit geringem Flächenbedarf und ihre qualifizierten Mitarbeiter an. Aber auch deren Eltern, die hier gern ihren Lebensabend verbringen - in unserer liebenswerten Stadt und der schönen Natur.

Falls sich am 9. November eine Mehrheit für das Gewerbegebiet ausspricht, dann ...

Der Ball liegt im Feld der bayerischen Staatsregierung. Sie muss dem Tausch oder Verkauf des Staatsforsts zustimmen oder ihn ablehnen. Dabei wird sich zeigen, ob das "Jahr des Waldes" nicht nur für Sonntagsreden taugt, sondern auch für echten, ernst gemeinten Naturschutz. Knapp 18 000 Menschen haben inzwischen unsere Online-Petition an den Bayerischen Landtag "Stoppen Sie die Waldvernichtung in Weiden in der Oberpfalz" unterschrieben. Dass der Bund Naturschutz auch rechtlich gegen einen solchen Präzedenzfall der Staatswaldvernichtung vorgeht, der auch andere stadtnahe Wälder in Bayern gefährden könnte, ist nicht ausgeschlossen.

Wie viel Verständnis haben Sie für die Befürworter von West IV?

Die alte Wachstumsstrategie hat bis in die 80er Jahre viel Wohlstand geschaffen. Das gilt heute nicht mehr. Langsam, vielleicht zu langsam, setzt sich die Erkenntnis durch, dass unendliches Wirtschaftswachstum in einer endlichen Welt nicht möglich ist, sondern unsere Lebensgrundlagen zerstört: sauberes Wasser, saubere Luft, gesunde Lebensmittel, eine Umwelt, in der es sich leben lässt.