Brechen, bis das Kind kommt

So manches Übel macht selbst vor dem Adel nicht Halt: Hyperemesis Gravidarum zum Beispiel. Herzogin Kate leidet wohl erneut unter dieser extremen Schwangerschaftsübelkeit - und die ganze Welt scheint mitzuleiden. Ein, zwei einfühlsame Ärzte in Weiden hätten Kerstin Lehner schon gereicht, als sie bis zu 30 Mal pro Tag spuckte.

"Aber ich wurde mit meiner extremen Übelkeit immer nur müde belächelt", erinnert sich die Weidenerin. Das gehört nunmal dazu, sagten alle. Gut ein Jahr ist Kerstin Lehners Schwangerschaft nun her. Eine Schwangerschaft mit fünf Krankenhausaufenthalten wegen Dehydration und jeder Menge unqualifizierter Kommentare. Dabei hat es nach eineinhalb Jahren endlich geklappt: "Wir waren schwanger."

Die typische Müdigkeit übermannte die damals 28-Jährige. Ihr war dauernd schlecht. Ihre Arbeit als Sozialversicherungsfachangestellte bei der Krankenkasse musste sie mehrmals unterbrechen: "Das Spucken ging los." Alle typischen Tipps gegen die Übelkeit wie Ingwer oder viel frische Luft hat Kerstin Lehner befolgt. Vergeblich. Es wollte nicht mehr aufhören: "Schnell musste ich bis zu 30 Mal pro Tag brechen, ich konnte mich kaum mehr auf den Füßen halten." Sie litt wie Kate an Hyperemesis Gravidarum (HG). Nur attestierte ihr das niemand.

Von wegen nur wehleidig

Etwa zwei von 100 Schwangeren trifft HG. "Vermutlich sind es mehr, aber es wird nicht diagnostiziert oder gar nicht erst statistisch erfasst", meint Kerstin Lehner. HG hat nichts mit einer "normalen" Übelkeit in der Schwangerschaft zu tun. Frauen mit HG erbrechen sich ständig, nehmen stark ab. Lässt das Spucken nach, führt allein der Gedanke an Essen zu unerträglicher Übelkeit. Selbst Trinken ist kaum möglich. Schnell sind Infusionen nötig, damit der Körper nicht austrocknet.

Bei Kerstin Lehner folgte auf die Krankschreibung das Beschäftigungsverbot. Und immer wieder trösteten die Ärzte, dass es eben manche Schwangere in der Hinsicht arg erwische. Bald werde es besser. Von wegen. "Bis zum Entbindungstag habe ich täglich gespuckt." Gerüche wie jener der Ledercouch im Wohnzimmer lösten den Brechreiz genauso aus wie TV-Werbung. "Neun Monate lang konnte ich meine Küche nicht betreten. Ich dachte, ich seh' sie nie wieder von innen." Statt wie andere Schwangere an Gewicht zuzulegen, nahm Kerstin Lehner erst einmal fünf Kilo ab. Satt hatte sie die Blicke, die ihr zu verstehen gaben, sie solle nicht so einen Aufriss machen "wegen dieser bisschen Spuckerei".

Doch wer ständig über der Kloschüssel hängt, kann seinen Alltag nicht mehr stemmen. "Meine Schwiegermama hat für meinen Mann gekocht, meine Mutter hat geputzt." Aus dem Haus ging die 28-Jährige nur selten, zum Beispiel für Arztbesuche. Spucktüten mussten immer mit. Zudem suchten ihre Augen die Gegend ständig nach Mülleimern und Gulli-Deckeln ab, ein Taschentuch an der Nase sollte "üble" Gerüche fernhalten.

Schließlich landete die Weidenerin im Klinikum. Einmal, zweimal. Am Ende waren es fünf Aufenthalte. Immer bekam sie Infusionen und Mittel gegen die Übelkeit. Zu oft bekam sie psychische Probleme attestiert. "Mein Mann würde mich nicht unterstützen, sagte mir eine Ärztin. Eine andere meinte, mein Körper wehrt sich mit Brechen, weil ich das Kind eigentlich nicht will", empört sich Kerstin Lehner. "Damals war ich zu schwach, um zu widersprechen." Irgendwann aber bemerkte sie den neuen Eintrag im Mutterpass: Hyperemesis Gravidarum. "Ich gab's bei Google ein und bin dort auf dieses Forum gestoßen."

Da waren Leute mit den gleichen Beschwerden online. Beschwerden, die Symptome einer Krankheit sind. Von wegen einfach nur wehleidig oder gar psychisch krank. "Aufklärung wie hier braucht es dringend. Hier sind die Ärzte vor Ort gefragt."

Was die Krankheit auslöst, steht aber nicht fest. Vielleicht reagieren Frauen auf die hormonelle Umstellung so schlecht. Oder ein Bakterium im Magen-Darm-Trakt ist schuld. "Geforscht wird hier nicht wirklich. Zu wenig sind betroffen. Das lohnt sich nicht für die Pharmaindustrie", meint Kerstin Lehner. Apropos: Auf dieser Seite war auch die Rede von Medikamenten, die die Übelkeit lindern würden, aber nicht in Deutschland erhältlich seien. Und: Bei einer weiteren Schwangerschaft ist die Wahrscheinlichkeit hoch, erneut an HG zu erkranken.

Nochmal durch die Hölle?

"Mit der Geburt war die Übelkeit weg", sagt Kerstin Lehner. Über ein Jahr ist das nun her. Sohn Alexander geht es prima. Er feierte Mitte September seinen ersten Geburtstag. Ein Geschwisterchen aber wird ihm Mama wohl nicht schenken. Zu groß ist die Angst, wieder unter HG zu leiden. Obwohl: "Betroffene haben mir erzählt, irgendwann überwiegt der Kinderwunsch, und du gehst nochmal durch die Hölle."

___

Mehr Infos zur HG-Selbsthilfegruppe unter

http://www.de-de.facebook.com/HyperemesisGravidaru... oder unter www.facebook.com/groups/246391625565432
Weitere Beiträge zu den Themen: Oktober 2014 (9311)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.