Brenzliger Rekord

Bild: Feuerwehr Weiden

Die Feuerwehr schlägt Alarm - in eigener Sache. Sie steuert auf einen Rekord bei den Einsatzzahlen zu. Für manche Aktive ist die Belastungsgrenze erreicht. Die Folgen sind potenziell brandgefährlich, die Gründe dafür mitunter kurios.

Der Wind war heftig. Und bald gingen die ersten Meldungen bei der Feuerwehr ein: "Baum über Fahrbahn", hieß es unter anderem. Die Einsatzkräfte rückten also an und fanden - "einen armdicken Ast, den jeder Passant hätte wegräumen können", wie Richard Schieder sagt. "Ob ich da wirklich die Feuerwehr alarmieren muss ..."

Der Stadtbrandrat kann noch eine ganze Reihe solcher Einsätze aufzählen, die es nicht wirklich gebraucht hätte. Da wären zum Beispiel die Alarmierungen, wenn jemand einen Kanarienvogel im Baum entdeckt hat. Tier in Not - die Wehr kommt da schon. Nur: Vögel haben nunmal die lästige Angewohnheit wegzufliegen. Spätestens, wenn die Leiter an den Baum gerückt wird. Gerettet haben sie jedenfalls noch keinen. Oder die vielen Fälle von öffentlichen Mülleimern, die qualmen, weil mal wieder jemand eine Kippe hineingeworfen hat. Da wird die Wehr alarmiert - und schon mal bei der Arbeit von Anwohnern aus dem Fenster beobachtet. Warum keiner von ihnen einfach ein Glas Wasser nimmt und das nicht ganz so große Inferno selbst löscht? Schieder weiß es nicht.

Solche Fälle - hinzu kommen noch die vielen Fehlalarme, etwa weil wieder jemand neben einem Rauchmelder gebohrt hat - sind aber nicht nur kurios. Sondern laut Schieder eine ernstes Problem. Etwa jeder zehnte Einsatz, schätzt er, ist unnötig. Und sie fallen umso mehr zur Last, weil es heuer ein neues Allzeithoch bei den Einsatzzahlen geben könnte.

Dem gegenüber steht eine Wehr, die dem Stadtbrandrat zufolge zunehmend überlastet ist. Was auch an ihrer Struktur liegt: Es gibt 8 Hauptamtliche und 238 aktive Freiwillige, wobei der harte Kern an Freiwilligen, die regelmäßig bereit stehen, deutlich kleiner ist. Und: Viele davon sind berufstätig. Gerade von Montag bis Freitag zwischen 7 und 17 Uhr wird es deshalb manchmal eng. In den eingemeindeten Ortsteilen stehen da nur zwei bis vier Freiwillige zur Verfügung. Die Hauptfeuerwache kann auf mehr Kräfte zurückgreifen. Aber auch hier macht die Anfahrt vom Arbeitsplatz durch den Verkehr zur Wache natürlich umso mehr Probleme, je mehr Einsätze anstehen. Zumal es ja noch die Chefs der Freiwilligen gibt. "Ich glaube, dass auch der gutmütigste und dem Feuerwehrwesen zugeneigteste Arbeitgeber irgendwann sagt: ,Leute, das funktioniert nicht.'" Auch die Willigsten müssten deshalb mitunter passen.



In der Hauptfeuerwache haben sie daher vergangenes Jahr während der Kernarbeitszeiten nur 72 Mal die Freiwilligen alarmiert. Obwohl das eigentlich bei 123 Einsätzen nötig gewesen wäre. Aber auch das ist nur ein Notbehelf. Wenn - wie heuer schon sieben Mal der Fall - bei ohnehin hoher Belastung schon wieder jemand mitten in der Nacht die Wehr um Hilfe bittet, weil eine Fledermaus in der Wohnung ist, dann kann es auch den Engagiertesten zu viel werden. Eine zweistellige Zahl an Aktiven, so Schieder, habe in den vergangenen Jahren hingeschmissen. Weil "der Spagat zwischen Familie, Beruf und Ehrenamt" zu viel wird. "Da haben gute Leute aufgehört."

Die Folgen sind potenziell gefährlich. Gerade werktags. "Es wird schwierig, Hilfsfristen einzuhalten." Eigentlich sollten immer neun Kräfte innerhalb von zehn Minuten nach der Alarmierung vor Ort sein. "Aber das schaffen wir nicht mehr in allen Teilen der Stadt." Das gelte für Weiden-Ost und -West, aber auch für die eingemeindeten Ortsteile. Bislang sei dadurch noch niemand zu Schaden gekommen. Aber, dass dabei auch reines Glück mithalf, "das darf man durchaus so sagen".

Wunsch: Mehr Personal

Die Feuerwehr erstellt deshalb gerade einen Bedarfsplan, der zeigt, wo es personell brennt. Er soll noch heuer im Stadtrat vorgestellt werden. Ziel ist laut Schieder, die Zahl der Hauptamtlichen zu erhöhen. Wobei ihm bewusst sei, dass das angesichts der Finanzlage der Stadt schwer werde.

"Eine große Entlastung" wäre aber auch, wenn es weniger unnötige Einsätze gäbe. Dabei dürfe man ihn freilich nicht missverstehen, betont Schieder. "Es kommt immer auf den Einzelfall an." Wenn beispielsweise jemand sehr alt oder hilflos sei oder das Tier partout die Wohnung nicht verlasse, sei die Wehr immer gerne bereit, Fledermäuse einzufangen. Überhaupt: Wenn eine Gefahr auch nur irgendwie denkbar sei, sollten die Menschen "lieber einmal zu viel anrufen". Aber, so sein Appell: Jeder sollte Vorsicht bei Brandmeldeanlagen walten lassen und überlegen, ob etwas harmlos ist und sich auch ohne die Wehr aus der Welt schaffen lasse. "Wir helfen ja gerne." Aber eben am liebsten da, wo's wirklich brenzlig ist.
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