Crystal-Lieferung für Schweden?

Seit Mittwoch stehen vier Vietnamesen aus Tschechien in Weiden vor Gericht. Sie wurden auf der A 6 mit Crystal im Kofferraum erwischt. Der Stoff hätte laut Staatsanwalt nach Schweden geliefert werden sollen. Der Älteste (40) nahm alles auf sich - nur glaubt ihm das Gericht nicht. Der Prozess könnte sich ziehen.

Weiden. (rns) Seit Jahren ist bekannt, dass Crystal auf Asia-Märkten im grenznahen Raum angeboten wird. Offenbar gibt es auch einen Lieferservice. Anfang September war das Quartett - darunter die Freundin (27) des Ältesten - bei Waidhaus mit 418 Gramm Metamphetamin geschnappt worden. Am Donnerstag, dem zweiten Tag im Prozess, ging es den ganzen Vormittag nur um verfahrenstechnische Angelegenheiten. Zwischendurch erwägte der Vorsitzende Richter Reinhold Ströhle sogar ernsthaft, den Prozess auszusetzen und im September neu zu starten.

Der ursprünglich auf zweieinhalb Tage angesetzte Strafprozess vor der Jugendkammer ist aus dem Ruder gelaufen und droht nun zu einer "unendlichen Geschichte" - ähnlich dem kürzlich nach 33 Verhandlungstagen zu Ende gegangenen "Schleuserprozess" - auszuufern. Es schien fast unmöglich, die Termine für nunmehr viele weitere Tage mit den Anwälten der vier Angeklagten zu koordinieren. Nach langen Beratungen wurden schließlich der heutige Freitag, kommender Dienstag sowie der 17. August festgesetzt. Die Zahl der Dolmetscher - aktuell sind es drei - wurde von Rechtsanwalt Daniel Luderer (Leipzig) bemängelt. Jeder Angeklagte müsse einen eigenen haben.

Die Schwierigkeiten in diesem Verfahren entstanden hauptsächlich durch ein unglaubhaftes Geständnis des 40-jährigen Angeklagten, vertreten durch die Rechtsanwälte Adam Zurawel und Jasmin Tobisch aus Nürnberg. Er sei in Prag angesprochen worden, den Stoff nach Paris zu bringen. Von den Mitfahrern - der Fahrerin (27) und zwei Beifahrern (19 und 37) - habe keiner etwas gewusst und mit Drogen nichts zu tun.

Bei der Polizei hatte sich das vor einem Jahr ganz anders angehört: Dort hatte der 19-Jährige gesagt, er hätte das Rauschgift gegen Entgelt in Schweden an die Empfänger abliefern sollen. Aus Schweden waren nach der Festnahme auch SMS eingegangen: "Die Sachen gehen zu Ende." Da dieses Geständnis jedoch ohne Beisein eines Pflichtverteidigers gemacht wurde, kann es vor Gericht nicht verwertet werden. Und vor Gericht wollten die Drei bei ihren Aussagen nicht bleiben.

"Windiges" Geständnis

Nun nahm der älteste Angeklagte, ein lediger Koch, alle Schuld auf sich. Da dies polizeilichen Ermittlungsergebnissen widerspricht und größtenteils unglaubwürdig war, bezeichnete am Mittwochnachmittag der beisitzende Richter Peter Werner dies als "windige Einlassung" - was sogleich einen Befangenheitsantrag durch Zurawel gegen Werner zur Folge hatte. Ströhle gab "aus Fairness-Gründen" bekannt, dass man sich wegen des unechten Geständnisses an Zusagen, die dem Angeklagten hinsichtlich einer Strafhöhe gemacht worden waren, nicht mehr gebunden sehe.

Richter abgelehnt

Daraufhin folgte ein Ablehnungsgesuch auch gegen Ströhle sowie die ganze Kammer. Da die Anträge Zurawels teils erst in der Nacht eingingen, mussten sich am Donnerstagmorgen die Richter am Landgericht Thomas Hys, Markus Fillinger und Dr. Marco Heß damit befassen. Sie wiesen sie als unbegründet zurück.

Eine Zollhauptsekretärin, die für 9 Uhr geladen gewesen war und ein Kriminalhauptkommissar, beide aus Nürnberg, konnten erst am späten Nachmittag zu den Ermittlungsergebnissen berichten. Landgerichtsarzt Dr. Bruno Rieder wird erst am heutigen Freitag in den Zeugenstand gerufen. Wie im Vorfeld bekannt wurde, fand man bei allen Angeklagten, die ja "nie etwas mit Drogen zu tun gehabt hatten", Spuren in den Haarproben, die auf regelmäßigen Rauschgiftkonsum hindeuten.
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