Crystal statt Parmesan

Symbolbild: dpa

Vor einem Jahr hat die Kripo einen Crystal-Ring in Pizzerien der Region ausgehoben. Eine Reihe von Pizzabäckern war in Drogenkäufe verwickelt und putschte sich mit Methamphetamin auf. "Am Anfang konnte ich doppelt arbeiten. Ich war nie müde", erzählte am Donnerstag der Chef eines Pizza-Lieferservice aus dem westlichen Landkreis. Am Ende "konnte ich nicht mehr klar denken".

Weiden. (ca) Verwickelt waren Chefs und Mitarbeiter beliebter Restaurants in Weiden und im Landkreis. Der gebürtige Türke (34) hatte zunächst in einem Weidener Italo-Lokal als Koch gearbeitet, 2012 zog er dann einen eigenen Pizza-Lieferservice im westlichen Landkreis auf. "Das ist sehr gut angekommen und super gelaufen." Immer öfter griff er zu Methamphetamin. "Das hat alles langsam kaputtgemacht. Auch mich selbst." Er war mit seiner Sucht nicht allein in der Branche: Kollegen aus Weiden kamen einige Male in sein Lokal und erhielten von ihm das Pulver, angeblich umsonst.

Staatsanwalt Oliver Schmidt kam unterm Strich auf 84 Fälle des Erwerbs. Plus 2 Fälle von Verkauf und 11 der Abgabe. Laut Anklage hat der 34-Jährige das Crystal mindestens 50 Mal vor einer Spielhalle in der Weidener Innenstadt gekauft. Eine Konsumeinheit kostete 20 Euro. In 30 Fällen kam eine Dealerin aus dem Altlandkreis Vohenstrauß - vermittelt von einem italienischen Freund - zu ihm in die Gaststätte im westlichen Landkreis. Über die Theke gingen dabei je zwei bis drei Gramm Crystal für 100 Euro pro Gramm.

Der Angeklagte war geständig, was sich im Urteil von Richter Dr. Alexander Wedlich positiv auswirkte. Negativ wog für den Richter das "erhebliche Gefährdungspotenzial" von Crystal. Das Urteil lautete auf 1 Jahr 2 Monate Haft auf Bewährung plus eine Geldauflage von 1500 Euro.

Wieder 15 Kilo zugelegt

Ein Kripobeamter erinnerte sich an den Beginn der Ermittlungen 2014: "Es gab Hinweise, dass in der Pizzeria des Angeklagten mit Drogen gehandelt wird." Es folgten Abhörmaßnahmen, die in Durchsuchungen und Festnahmeaktionen im Sommer 2014 mündeten. Hinter dem 34-Jährigen habe man zunächst den "Großdealer" der Pizza-Szene vermutet, so Rechtsanwalt Rouven Colbatz: "Da ist man jetzt weit davon entfernt." Der Verteidiger kritisierte die lange Untersuchungshaft von Juni bis November 2014, obwohl schon ab August ein Geständnis vorlag.

Der Kripobeamte schilderte den "desolaten Zustand, auch psychisch", in dem sich der Angeklagte befunden habe. Er berichtete aus abgehörten Telefonate, in denen der 34-Jährige mitten in der Nacht Mitarbeiter aus dem Bett klingelte und beschimpfte. "Das war schlimm." Heute erlebe er beim Angeklagten eine "Wesensveränderung": "Er sieht auch deutlich besser aus."

Nach eigenem Bekunden hat der immer noch schlanke 34-Jährige inzwischen 15 Kilo zugelegt. "Ich habe nie wieder was angefasst." Inzwischen lebe er mit Frau und Kindern 600 Kilometer entfernt, wo ein Onkel ein Restaurant betreibt. Dort gibt es kein Crystal. "Ich habe ein neues Leben begonnen. Ich möchte da nie wieder rein." Etliche der Deutschen, Italiener und Türken sind schon abgeurteilt, auch die Dealerin aus dem Altlandkreis Vohenstrauß. Einer der Italiener ist im sonnigen Heimatland abgetaucht.
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