Das Grauen aus kindlicher Sicht

Zeitzeuge Josef Salomonovic berichtete an der Wirtschaftsschule, wie er als Kind das NS-Morden überlebte. Bild: Kunz

"Der Dreck muss weg!" Menschenverachtende Worte. Über Wochen hinweg war der fünfjährige Josef Salomonovic von SS-Leuten in der Dresdener Munitionsfabrik beschützt worden. Aber gegen den Befehl ihres Vorgesetzten hatten selbst sie nichts auszurichten. Der Bub sollte am folgenden Tag erschossen werden. Am 13. Februar 1945.

Für 33 000 Zivilisten in Elb-Florenz ist es der Tag des Todes - die großen Luftangriffe auf die Stadt beginnen. Für den kleinen Josef ein Glückstag. Keiner kümmerte sich mehr um den Jungen. Jeder hatte mit sich selbst zu tun. Und wieder einmal waren es die Häftlinge, die Tote bergen mussten. Josef Salomonovic war zusammen mit Mutter und Bruder aus dem Vernichtungslager Auschwitz an die Elbe verlegt worden. Die Nazis wollten ihre Industrieanlagen vor der vorrückenden Roten Armee nach Westen in Sicherheit bringen. Natürlich benötigten sie dafür auch Arbeiter aus den Konzentrationslagern. Als Zeitzeuge erzählte Salomonovic nun Neuntklässlern in der Staatlichen Wirtschaftsschule seine Erlebnisse und Leiden als jüdisches Kind unter dem NS-Regime.

Eingeladen hatten die Gedenkstätte Flossenbürg mit Agnes Scharmetzky sowie Diplom-Handelslehrerin Ursula Soderer. Die einführenden Worte sprach Schulleiter Thomas Reitmeier. "Es ist schwierig, innerhalb von nur einer Stunde über vier Jahre Lager, Konzentrationslager und Todesmarsch zu erzählen, sagte der Zeitzeuge eingangs.

Unerklärliches Leid

Mit einem Nachttopf und viereckigem Klopapier im Rucksack sei er mit Eltern und Bruder 1941 am Prager Bahnhof gestanden, um 400 Kilometer ins Ghetto von Lodz gebracht zu werden. "Das waren noch normale Waggons, keine Viehwaggons." Erwachsene durften 50 Kilogramm Gepäck mitnehmen.

Heute könne man Jugendlichen nicht mehr erklären, was Kälte, Hunger und Angst seien. 1942 seien alle nicht arbeitsfähigen Ghetto-Bewohner abtransportiert - vergast - worden. Kranke, Kinder. Er selber sei versteckt worden. "Plötzlich hatte ich keine Spielkameraden mehr."

Dann schilderte er die Selektion. Im Waggon sei er nach Auschwitz transportiert worden. Seinen Vater habe er zuletzt auf der Rampe gesehen. Später habe er erfahren, dass ihm eine Benzolspritze ins Herz gestochen worden sei. Er selber sei mit der Mutter in die Frauenbaracke gezogen. Sein Löffel habe ihm das Leben gerettet. Mit seiner Hilfe habe er Essen abgeschabt. Dieser symbolträchtige Löffel aus dem Vernichtungslager machte im Klassenzimmer die Runde. Salomonovic berichtete aus Sicht eines Kindes. Seine Erzählungen waren mit späteren Recherchen angereichert.

Fünf Transporte mit jeweils tausend Juden seien 1941 von Prag nach Lodz gebracht worden. Aus seinem Transport hätten nur 46 überlebt. Im November 1944 sei er zusammen mit Mutter und Bruder in der Spandauer Straße 46 in Dresden angekommen. Immer noch in seinen Schuhen von 1941. "Ohne Nahrung und Vitamine wächst du nicht. Dir fallen nur die Zähne aus." Hierher verlegten die Nazis die Munitionsfabrik. Hier habe er den Feuersturm er- und überlebt. Während des anschließenden Todesmarschs habe er sich dann absetzen können.
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