Denken Sie an Ihre Vergesslichkeit

Im fortgeschrittenen Stadium sind demente Menschen auf Hilfe von ihren Angehörigen, aber auch Pflegediensten oder Heimen angewiesen. In der Oberpfalz gibt es viele Angebote für Demente.

Im Kühlschrank liegen verstaubte Bücher neben dem Erdbeerjoghurt, die Erinnerungen aus der Kindheit verblassen langsam, die Orientierung in der eigenen Wohnung fällt zunehmend schwerer. Demenz verändert.

Viele ältere Menschen sind von Demenz betroffen - meistens ab 65 Jahren. Mediziner und Wissenschaftler haben noch kein Heilmittel dagegen gefunden. Experten geben Tipps, wie die Krankheit zumindest gehemmt werden kann.

Wie viele Menschen sind in Bayern und der Oberpfalz an Demenz erkrankt und wie entwickelt sich die Zahl der Erkrankungen?

In Bayern leben laut dem Gesundheitsreport, den das Bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit im März 2014 erstellt hat, rund 220 000 Demenzkranke. "Die Zahl wird weiter wachsen", schätzt Dr. Wolfgang Rechl, zweiter Vizepräsident der Bayerischen Landesärztekammer.

Bis 2020 zeigt der Report einen Anstieg in Bayern von 20 Prozent auf 270 000 Erkrankte. Im Jahr 2032 sollen demnach 340 000 Menschen an Demenz erkrankt sein. Grund dafür sei laut Rechl der demografische Wandel, aber auch das Problem, dass Demenz noch nicht heilbar sei. "Es gibt einige Medikamente gegen diese Krankheit, allerdings sind alle nicht erfolgversprechend", bedauert der Arzt. Und die Zahl der Erkrankungen steigt weiter. Allein in der Oberpfalz litten im Jahr 2012 rund 18 400 Menschen an der unheilbaren Krankheit. Für 2020 wird ein Anstieg auf 22 200 Erkrankungen prognostiziert, während 2032 die Zahl bereits bei 27 800 liegen soll.

Was ist Demenz?

Demenz ist ein Sammelbegriff für mehrere Krankheiten, durch die sich die Hirnleistungsfunktion bei Frauen und Männern im Alter verändert. Sie nimmt ab. Betroffen davon ist vor allem das Gedächtnis. "Vereinfacht könnte man sagen, dass die Gehirnzellen abgebaut werden - also das Gehirn schrumpft", erklärt Maren Knebel, Diplom-Psychologin am Universitätsklinikum Heidelberg. In und um die Zellen würden sich laut Dr. Klaus Gebel, Facharzt für Neurologie und Psychiatrie in Sulzbach-Rosenberg, durch einen gestörten Stoffwechsel Eiweiße ablagern und die Zellen beschädigen.

Auch Durchblutungsstörungen können zu einer verminderten Funktionsfähigkeit des Gehirns führen. "Was ganz genau passiert, ist aber noch unbekannt", meint Knebel. Im Rahmen der Diagnostik werde unter anderem ein MRT durchgeführt. Darauf könne man sehen, dass sich das Gehirn verändert habe. Die Krankheit schildert Rechl als einen schleichenden Prozess: "Zuerst vergessen sie Kleinigkeiten. Sie können die Uhrzeit nicht lesen, oder sich keine Namen merken. Oft verlegen sie ihre Habseligkeiten." Anfangs sei nur das Kurzzeitgedächtnis betroffen.

Eine Erklärung dafür könne sein, dass Kindheitserinnerungen besser gespeichert werden, als flüchtige Momente, die eben erst passiert sind. "Etwas, was man erlebt und schon ganz oft erzählt hat, ist im Gehirn besser verknüpft", versucht Knebel zu erklären.

Welche Symptome treten auf?

Zu den Symptomen der verschiedenen Demenzkrankheiten zählt laut den Experten vor allem die Störung des Gedächtnisses. "Es geht oft damit los, dass die Dementen Schlüssel verlegen, Tabletten nicht einnehmen, den Herd nicht ausschalten, immer wieder nachfragen müssen und später auch vergessen, zu essen und zu trinken", weiß Rechl. Im frühen Stadium haben die Erkrankten außerdem Probleme, sich zu orientieren, zu konzentrieren oder können alltägliche Gegenstände wie einen Tisch nicht mehr benennen. "Zu Beginn bekommt der Patient das noch mit", meint Rechl. "Dann nicht mehr."

Im späteren Stadium können sie unter Schlafstörungen und wahnhaften Vorstellungen leiden. "Sie leben in der Vergangenheit", sagt der Facharzt für Innere Medizin aus Weiden. "Manche wollen ihrem Mann etwas zu essen machen, obwohl dieser schon lange nicht mehr lebt." Das könne so weit gehen, dass die engsten Verwandten nicht mehr erkannt werden. Eine Begleiterscheinung könne die Veränderung der Persönlichkeit sein. "Einige werden apathisch, bei anderen spitzen sich die Gefühle zu", beschreibt Rechl. "Der Mensch verändert sich durch die Krankheit nicht nur kognitiv, sondern auch emotional."

Welche sind die häufigsten Demenzformen?

Demenz ist der Oberbegriff für rund 50 Krankheitsformen, bei denen die Hirnleistung aufgrund verschiedener Ursachen abnimmt. Laut dem Gesundheitsreport des Bayerischen Landesamtes für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit sind die Alzheimer-Demenzen mit zwei Drittel die häufigsten Formen. Die Krankheit trägt den Namen ihres Entdeckers, Dr. Alois Alzheimer. Im Gehirn der Betroffenen sterben laut dem Ministerium Nervenzellen und Nervenzellverbindungen ab. Betroffen sind davon besonders die Bereiche für das Gedächtnis, Denken, Sprache und Orientierung.

Heilbar ist die Krankheit noch nicht, sie lässt sich aber durch Medikamente hemmen. "Um sich orientieren oder konzentrieren zu können, brauchen wir Acetylcholin - ein Botenstoff, der für die Signalübertragung im Gehirn zuständig ist", erklärt die Diplom-Psychologin Knebel. "Medikamente wie der Acetylcholinesterasehemmer hemmen das Enzym Acetylcholinesterase, das bei Demenz das Acetylcholin sonst abbauen würde."

Die vaskuläre Demenz ist die zweithäufigste Form. Die Ursache dafür seien meistens Durchblutungsstörungen. Die Störungen würden durch kleine Schlaganfälle hervorgerufen. Die Patienten seien phasenweise verwirrt und orientierungslos, hätten jedoch zwischenzeitlich wieder einen klaren Kopf. Zwischen den Nervenzellen würden Verbindungen zerstört. Dadurch wird die Sauerstoffzufuhr unterbrochen. Die geistige Leistungsfähigkeit nimmt ab.

Bei der Lewy-Körperchen-Demenz sind die Ursachen ähnlich wie bei der Alzheimer-Krankheit. Eiweißreste lagern sich in den Zellen ab und können nicht abgebaut werden. Friedrich H. Lewy entdeckte im Gehirn von Demenzkranken Einschlüsse in den Nervenzellen der Großhirnrinde und dem Hirnstamm, die die Kommunikation der Zellen behindern können. Im Gegensatz zur Alzheimer-Demenz bleibt das Gedächtnis bei der Lewy-Körperchen-Demenz länger erhalten.

Welche Anlaufstellen gibt es in unserer Region?

Die Diagnose "Demenz" wird häufig zuerst im privaten Umfeld der Betroffenen durch die Familienmitglieder erstellt. "Wenn Symptome, die auf eine Demenz hindeuten könnten, auftreten, ist die erste Anlaufstelle der Hausarzt", meint Rechl. "Dort kann der Patient einen kurzen Gedächtnistest machen. Zum Beispiel sagt ihm der Doktor drei Zahlen, die sich der Patient für drei Minuten merken muss", erklärt Knebel. "Stellt der Arzt Probleme bei der Merkfähigkeit fest, wird der Patient zum Neurologen, Psychologen oder in eine Gedächtnisambulanz überwiesen."

Nach der Diagnose besprechen die Ärzte mit den Angehörigen und Betroffenen die Therapiemöglichkeiten und geben Tipps, wo man Hilfe finden kann. Regionale Anlaufstellen für Demente und Angehörige, wie ambulante Pflegedienste, Selbsthilfegruppen, Pflegeheime, Demenz-WGs und Krankenhäuser finden Sie auf unserer Homepage unter www.oberpfalznetz.de/demenz

Tipps für Angehörige:

Wer Familienmitglieder hat, die an Demenz erkrankt sind, erlebt oft eine Wesensveränderung des Menschen - emotional, kognitiv und körperlich. "Meistens wissen die Angehörigen nicht, wie sie damit umgehen sollen", sagt Rechl. "Sie sind am Anfang sogar sauer, weil der Betroffene Dinge vergisst oder immer wieder nachfragen muss. Da müssen wir Ärzte erst einmal klarmachen: Er kann es gar nicht mehr können." Wichtig sei laut der Diplom-Psychologin Knebel, nicht ständig darauf hinzuweisen, dass der Demente wieder etwas vergessen hat: "Im Anfangsstadium bekommt der Patient meist selbst mit, dass er sich manches nicht mehr so gut merken kann. Das allein ist schon belastend für ihn. Wenn er noch auf die Defizite hingewiesen wird, ist das noch schlimmer." Statt seinem Ärger Luft zu machen, solle man dem Dementen weiterhin Wertschätzung vermitteln. "Blick- und Körperkontakt sind dafür wichtig", sagt Christian Floth von der Praxis für Ergo- und Physiotherapie in Pressath und Kemnath.

"Gut ist, wenn die Angehörigen die Dementen in den Alltag integrieren, mit ihnen beispielsweise kochen", rät Floth. "Zuhause sind Arbeitsblätter mit Kreuzworträtseln, Anagrammen oder Zuordnungsaufgaben sowie Sudoku, Memory oder Wissensspiele hilfreich, um die kognitive Leistung zu fördern." Gebel hält Kreuzworträtsel für wenig hilfreich, um das Gehirn fit zu halten. Sie würden immer dasselbe Schema beinhalten. Besser sei es, sich in neue Themen einzuarbeiten - heute Forstwirtschaft, morgen digitale Medien. Er rät, immer etwas Neues auszuprobieren und sozial und sportlich aktiv zu werden.

"Vor allem sollte man mit Dementen das tun, was ihnen früher Spaß gemacht hat. Wer gerne Ausflüge unternommen hat, mit dem sollte man genau das machen. Und wer gern im Garten war, mit dem sollte man vielleicht Pflanzen umtopfen", rät Knebel zur Biografie-orientierten Beschäftigung. Rechl hält auch das Anschauen von Fotos und das Erzählen von früher für gute Möglichkeiten, den Dementen ein Stück weit ihre Erinnerung zurückzugeben.

Hilfe im Internet:

Im Internet können sich Betroffene über die Krankheit und den Umgang damit beispielsweise auf den Seiten www.wegweiser-demenz.de, und www.deutsche-alzheimer.de informieren oder auf www.psag-nordoberpfalz.de seelischen Beistand suchen. In Blogs wie www.buerstenwurm.de beschreiben Angehörige ihre Erlebnisse mit Dementen und geben ihre Gedanken und Emotionen dazu wider.

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Weitere Informationen im Internet:

http://www.oberpfalznetz.de/demenz
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