"Depression ist kein Tabu mehr"

Der 1. Oktober gilt als Europäischer Depressionstag. Wie verbreitet Depressionen auch in der Region sind, darauf weist Dr. Heribert Fleischmann hin. Der Ärztliche Direktor des Bezirksklinikums Wöllershof hat aber auch gute Nachrichten: Die Angst vor Stigmatisierung bei Betroffenen schwindet. Archivbild: Huber

Den Sinn so einiger Aktionstage darf man gerne hinterfragen. Mit dem 1. Oktober dürfte es anders sein. Den haben Organisationen zum Europäischen Depressionstag ausgerufen. Um an eine Erkrankung zu erinnern, die oftmals im Verborgenen verläuft, dabei aber auch in der Region keinesfalls selten ist. Im Gegenteil.

Allein im Versorgungsgebiet des Bezirksklinikums Wöllershof, also in der nördlichen Oberpfalz, leiden 12 000 bis 15 000 Erwachsene an einer depressiven Störung, schätzt Dr. Heribert Fleischmann. Mindestens ein Mal im Leben haben rund 30 Prozent der Erwachsenen eine depressive Episode, erklärt der Ärztliche Direktor des Bezirksklinikums weiter. In der Region wären das etwa 75 000 Erwachsene. Trotzdem gibt es auch gute Nachrichten: Die Krankheit wird nicht mehr verschwiegen.

Herr Dr. Fleischmann, in der Vergangenheit berichteten Hilfseinrichtungen der Region stets von hohen Fallzahlen. Wie sieht es in Ihrem Haus aus?

Heribert Fleischmann: Depressionen sind in Industrienationen die häufigsten Erkrankungen. Im Bezirksklinikum Wöllershof werden pro Jahr wegen depressiver Störungen circa 1200 Behandlungen stationär und circa 3000 ambulant durchgeführt. Depression ist kein Tabuthema mehr, die Nachfrage ist groß.

Ist diese Nachfrage ein regionales Phänomen?

Fleischmann: Die nördliche Oberpfalz ist keine Ausnahme, aber auch kein Hotspot für Depressionen. Mit großer Sorge sehen wir aber, dass immer wieder Patienten die Krankheit nicht ertragen können und sich das Leben nehmen. Den Hinterbliebenen wird so viel Leid zugemutet.

Welche Ursachen stecken hinter den hohen Zahlen?

Fleischmann: Tatsächlich ist die Inanspruchnahme von Behandlung gestiegen. Die Scheu, darüber zu sprechen, lässt nach. Die Angst vor Diffamierungen am Stammtisch greift immer weniger.

Wie lässt sich der Ursprung der Erkrankung erklären?

Fleischmann: Viele Faktoren aus dem Alltag eines Menschen können die Stimmungs- und Antriebsregulation zusammenbrechen lassen. Es können allein biologische Gründe ursächlich sein, wenn der innere Regulator vorübergehend den Dienst einstellt. Häufiger sind jedoch Konflikte im häuslichen und beruflichen Umfeld. Viele Menschen sind zunehmend durch steigende Leistungsanforderungen überfordert.

Wann sollte ein möglicherweise Betroffener Hilfe suchen, welche Warnsignale gibt es?

Fleischmann: Wenn Sie ein bis zwei Stunden früher erwachen, sich wie gerädert fühlen, nur noch Grübeln und Katastrophengedanken im Kopf haben, wenn Suizidgedanken aufkeimen, Zukunftsängste überhandnehmen, Überforderungsgefühle bedrohlich werden: Dann schnell zum Hausarzt, der weitere Wege bei Bedarf bahnt!

Und dann? Wie gut stehen die Möglichkeiten, gegen die Erkrankung anzukommen?

Fleischmann: Manchmal ist es schwierig. Etwa, wenn meist schwer zu beeinflussende Risiken im Lebensumfeld vorliegen, zum Beispiel Arbeitsplatz- oder Paar- und Familienkonflikte. Auch chronische körperliche Erkrankungen können den Verlauf komplizieren. Aber allgemein ist eine Depression gut behandelbar und heilt in der Regel folgenlos aus.
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